Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1847)
- Date
- 1847-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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37» Früher sei nämlich öfter ausgesprochen worden, daß die Israeliten zur Etaatsanstelluvg zugelaffen werden könnten, und demgemäß hätten mehre sehr tüchtige Leute dieses Fach ergriffen. Dieselben, welche in de» Landgerichten mit wenigen Ausnahmen ausgezeichnete Dienste geleistet, hätten jetzt ein trauriges Loos. Mit nur einer Ausnahme, einem Anwälte in Fürth, sei keiner zur Advokatur zugelaffen worden. Wenn später bestimmt worden, daß sie zur Anstellung nicht zugelaffen werden sollten, so könne doch einer solchen Entschließung keine rückwirkende Kraft beigelegt werden. Frhr. von Schätzler: Er vertraue, daß die ständischen Wünsche des vorigen Jahres wenigstens von dem dermaligcn Ministerium erfüllt werden würden. Die Zeit sei seitdem wieder vorgeschritten, lleberall sei Etwas für die Israeliten geschehen, namentlich in England, wo Rothschild .zur höchsten Würde erhoben, zum Mitglied des Parlaments gewählt worden sei. Herr Gutsbesitzer Schnezzer: Das würde der Zeit sicherlich nicht vorgreifen heißen, wenn die Israeliten, die so lange unter dem Drucke geschmach* tet, so lange alle Lasten mitgetragen, aber kein Recht besscssen hätten, in die Menschenrechte eingesetzt, vollständig emancipirt würden. Herr Dekan Bauer: Wenn Etwas, so sei dieser Antrag zur Beschlußfassung reif. Die Verhältnisse hätten sich seit dem vorigen Jahre nicht geändert. Der Druck sei derselbe geblieben. Die Kammer möge sich sofort, ohne Verweisung an einen Ausschuß, über den Gegenstand schlüssig machen und einfach zu ihrem vorjährigen Beschluß zurückkehren. Daß würde den Antragstellern die Gcnugthuung gewähren, daß ihrer in Menschenfreundlichkeit hier gedacht worden, zugleich aber auch eine Ermahnung an die Regierung sein, mitzutheilen, wie weit sie in ihrer Erwägung vorgeschritten sei. Herr Oberkirchen- und Studienrath Ne um ay er : In Folge der ständischen Beschlüsse seien die verschiedenen Kreisregierungen von Seite des Ministeriums zum Gutachten aufgeforbert worden. Wenn diese Gutachten angelangt und folglich dem Ministerium das Material geliefert sein werde, werde es der Angelegenheit die Aufmerksamkeit zuwenden, welche dieselbe als Zeitfrage in Anspruch nehme. Mittheilungen aus dem Großherzogthum Posen, lii. Ich weiß nicht was Ihre Leser zu dem trägen Correspondenten sagen werden, der noch langsamer zu gehen scheint als die Fortschritte in seiner Provinz; aber jedenfalls urtheilen sie ungerecht über ihn. Ich könnte mich mit einer längeren Abwesenheit, mit einer langwierigen Krankheit, mit einer unternommenen Badereise, und weiß Gott, womit sonst noch entschuldigen; aber ich bin offen und ehrlich und gestehe, daß der Ueberdruß an den miserablen Zuständen unserer Provinz es ist, der mir den Appetit zum Correspondiren verleidet, der mich oft mit einer Hoffnungslosigkeit über unsere religiösen Angelegenheiten erfüllt. Was ich in meinem letzten Bericht von dem Brüderverein in Posen ausgesprochen, hat sich bestätigt. Die Leute werden untergeben mit ihren halben Bestrebungen. Sie scheuen sich die Sache bei ihrem rechten Namen zu nennen und darum kömmt sie nur verkrüppelt an den Tag. An den verflossenen hohen Feiertagen, da wurde einmal die junge Phantasie dieser Herren recht flügge, sie setzten sich in Positur, gebehrdeten sich selbständig und — machten sich lächerlich. Der Gottesdienst sollte nämlich durch Predigt und Choralgesang verherrlicht werden; nun dazu gehörte, daß man einen musikalisch gebildeten Cantor und einen redefähigen Prediger dafür gewann — aber so ganz durfte alle Rücksicht auf die Alten nicht ausgegeben werden. Man engagirte den modernisirten, dickleibigen mit einem hübschen Hadreß-Panim versehenen Hrn. Ritter mann aus Krakau zum Cantor, der mit Baß und Singer sich gut zurecht zu finden wissen mag, aber von der Leitung eines Chors nicht viel mehr verstehen mag, als der Schreiber dieser Zeilen, der gar nichts davon versteht. Zum Prediger wurde gewählt ein zufällig eben anwesender hochwciser Jüngling, der in der arabischen Musterliteratur des eilften und zwölften Jahrhunderts so bewandert sein soll, wie unsere hochgebildeten Damen in der Romanliteratur des Paul de Kock. Und das muß auch wahr sein: Herr Calvari, Doktor der arabischen Wcltgelehrsamkeit, sprach 'ein Deutsch, wie ein geborener Araber, so daß die Zuhörer Anfangs glaubten, er lese ihnen ein anmuthiges Stück aus dem Coran vor. Eine hochgebildete Dame, die eben den zweiten Akt des Don Carlos begonnen, sagte mir am Nachmittag in Bezug auf den hochgefeiertcn Redner: „aber sagen sie mir. ich bitte Sie, wie hat dieser Jüngling zu Menschen und auf die Kanzel sich verirrt? Ich aber sagte ihr, um die Ehre des Herrn C. zu retten: schweigen Sie, edle Jungfrau, unser Jahrhundert ist reich an Wundern! — Nun verdenke ich es keineswegs dem Herrn vr. Calvari, daß er trotz seiner allerliebsten Pusenschen Kauderwelsch- Sprache sich doch für einen guten Prediger halten mag. aber daß der Brüderverein glaubte, die Alten würden es weniger übel aufnehmcn, wenn sie an den D’NIU einen schlechten Prediger hörten, als einen guten, ist mir unbegreiflich. Herr C. hat einmal — allen Feinden sei's geklagt — gepredigt, wir wissen sogar nicht einmal zu sagen, ob er die Predigt bis zu Ende vorgelesen; denn er sprach, wahrscheinlich aus Rücksicht