Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1847)
- Date
- 1847-11-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567144--2884-2570853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
J59 mulare streng auferlegt; es ist der, welcher ihnen allen dieselbe Duldung predigt, welcher ihnen gleiche Rechte giebt, wenn sie gleiche Pflichten haben, und fle nicht darnach fragt, wie sie beten, sondern wie sie leben. So betrachtet, wurde Frankreich an dem Tage, an welchem cs das Edikt von Nantes reformirte, weniger christlich, indem es katholischer wurde und England damals, als cs die Emancipationsakte promulgirte, christlicher, indem es weniger anglikanisch wurde. Zn derselben Weise wird auch Preußen an dein Tage, an welchem es den Dissidenten und den Juden das vollständige Bürgerrecht geben wird, wahrhaft jenen Titel eines christlichen Staates verdienen, den seine Negierung so schlecht zu verstehen geschienen. Die höchste Ehre, die fruchtbarste Handlung des Vereinigten Landtages von 1847 wird immer die sein, diesen zu freiwilligen Zrrthum feierlich wieder gut gemacht, gegen die Consequenzen, die er nach sich zieht, protestirt und in der öffentlichen Meinung Deutschlands jenes eitle Hirngespinnst zu Grunde gerichtet zu haben, das man ihm schmeichelnd aufdrängen wollte, die Idee des auf der Basis des Dogmas ruhenden Staates. P h ö n. Homiletisches. Der Prediger an der Leipzig - Berliner Synagoge Herr A. Zellmik hat ein Heftchen Kanzelvorträge herausgegeben, (im Verlage von C. L. Fritsche in Leipzig), die ein nicht gewöhnliches Nednertalent, das nur erst noch der Reife und Vollendung bedarf, verrathen. Die Auffassung ist öfters scharf, der Inhalt gedankenreich und vernehmlich, die Zeit und ihre Bewegungen berücksichtigend. Allein noch ist die Sprache nicht gelenkig und populär, die Nebergänge etwas hart, der Witz nicht immer gelungen und hie und da auch nicht der Kanzel würdig. So z. B. der Ausruf: „Dl Der kaufmännische Geist meines Volkes bricht sich jetzt neue und große Bahnen, er macht jetzt in Religion." Dabei erquickt es nicht, daß der Redner nicht mit einet bestimmten Gesinnung hervortritt, sondern hin und her schielt, bald dieses, bald jenes tadelnd und richtend, eine Folge der Oberrabbiner Frankel'schen Richtung, welche die des Vers, zu sein scheint, bei dem Nichtkundigen aber wie ein Mangel an Gemüth empfunden wird. Uebrigens offenbart sich immer Talent, Frische und Orginalitat in diesen Vorträgen, wie in der gleichfalls veröffentlichten „ersten^ Confirmationsfeier", so daß wir nicht anstehen dürfen, sie besonders angehenden Theologen, hierdurch zu empfehlen. Die rechte Verbreitung der Reform. Wenn bei vorkommenden Störungen der natürlichen Verrichtungen des menschlichen Körpers der rationelle Arzt zu Rathe gezogen wird, untersucht er erst, was die Lebensart, die Beschäftigung, die Gemüthsbeschaffenheit, der Charakter des Leidenden war; Was ist geschehen. Darauf untersucht er, die Gebrechen im Ganzen, die abnorme Beschaffenheit der einzelnen Organe, er stellt eine Diagnoe: Was ist. und dann erst entwirft er einen Heilplan: Was ist zu thun, um die gestörten Funktionen des geistigen Lebens — die Denk- und Gefühlssphäre: die Animalität, — mit den übrigen, gleichsam vegetabilisch wirkenden im thierischen Qrganismns, in Einklang zu bringen: neu zu beleben. Der mit ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Wohlredenheit begabte Seelenarzt Hr. Dr. Ste rn beantwortet in einer Schrift: Wag ist geschehen und was ist zu thun, Berlin 1847Erped. der Reformzeitung, die Frage: Was ist bei dem krankhaften Zustande der Zudenheit geschehen, entwirft auch einen Heilplan: Was ist zu thun, dem aber Vollständigkeit mangeln muß, weil auf vas allgemeine Leiden, wie auf die Verstimmung der einzelnen Theile: Was ist keine Rücksicht genommen wurde: kein Krankenbild vorliegt. Witt man das Zerwürfniß, die Zerklüftung in der Zudenheit mit dem eines kranken Individuums vergleichen, würde das Bild eines mit intermittirendem Fieber befallenem, wo starrender Frost und lechzende Hitze in verschiedenen Abstufungen mit einem indifferenten Zustande — weder kalt noch warm — abwechselnd, am passendesten sein. Wenden wir dieses auf die gegenwärtig sich unterscheidenden Parteien an, finden wir eine zahlreiche, die sich mit kaltem Starrsinn an alles Veraltete klaminert, gegen jede sittliche Erwärmung, gegen jede Aussöhnung mit zeitgemäßem geselligen Leben, sich mit vereinten Kräften widersetzt, um den in Verlauf der Zeit, auf der großen Masse des gemeinen Volkes mühsam erworbenen Einfluß sich ferner zu erhalten. Ihr zur Seite findet sich eine Andere, in einem behaglichen Sichgehnlassen, mit Verachtung des bestehenden, ohne Gefühl, ohne Wünsche für Verbesserung des Standpunktes Anderer, jede Zufälligkeit nur für ihre eigene Gemächlichkeit benutzend. Sie gleichet einem stagnirenden Sumpf, der durch Morer und Fänlniß, seine Flüssigkeit in so weit verloren, daß keine erquickende Luft, kein wohlthätiger Wind, nur ein heftiger Orkan, seine Oberfläche in Bewegung zu bringen vermögend ist. Diesen beiden entgegengesetzt stehet eine Dritte, mit Kenntniß ausgerüstet, die Mängel kennend, eine Entfernung derselben wünschend, deren eine Theil eine Aufregung in der Masse des Volkes scheuend, erwartet von der Zeit, das vom Nebel erlösende Herb