Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1847)
- Date
- 1847-11-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567144--2885-2570854- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
360 die aber sich selbst überlassend erwünschte Genesung sowohl als Tod herbei zu führen Pflegt. Nur der kleine Th eil derselben schreitet seit mehr als ein halbes Jahr mit Muth und mit Erfolg dem gänzlichen Verderben entgegen. Aber seine Wirkung blieb immer nur beschränkt auf jenen Theil der Gesellschaft, der sich anderseitiges Wissen angeeignet hat, auch in religiöser Beziehung gegen starre Beibehaltung des Veralteten, wie dem verderblichen Jndifferentismus entgcgentretend reine Begriffe zu vcrbreiten. Das Volk aber blieb immer unberücksichtiget, der Acker seiner Pächter die Melkkuh ihrer Hirten. Alle gemachte Anstrengungen blieben ihm unzugänglich. Sehr treffend äußert sich Hr. J)r. Geiger unter Andern*) „denn gerade diejenigen welche der Anregung, und der Erweckung, „der Entwöhnung vom Formdienst, wie der Belehrung über den „Formglauben am Meisten bedürfen, wissen am wenigsten durch „Schriften, welche auch selten für sie berechnet sind und berechnet „sein können, sich zu belehren:" Nachdrücklicher noch spricht sich „Hr. vr. N u d. Benfey **) aus: „kann und will das Judenthum „eine Reform versuchen, nun dann — so beginne es im Geiste der „Neuzeit vor allen Dingen nur eine Erregung der Kräfte im „Volke: Eine Reformation der Gebildeten ist eine einseitige, wo „man nicht das ganze Volk zu begeistern weiß, wird man stets „fehlgreifen. Aber das kennt, das wollt ihr nicht, der gewöhnliche Jude ist euch zu ungebildet, da habt ihr recht, aber eure „Pflicht ist es, ihn zu bilden, das versäumt ihr, u. s. w. ohne „Bildung des Volkes keine Reform, ohne Reform ist Bildung „unerreichbar u. s. w." Nach Entstehung von Reformvereinen und Genossenschaften zur Zeit der regelmäßig jährlichen Zusammentretung von Rabbinerversammlungen, dürfte es wohl nicht unpassend sein, den vor mehreren Jahree gemachten, von der betreffenden Redaktion unberücksichtigt gebliebenen Vorschlag zu wiederholen. Nicht viele find berufen, find mitSinn und Fähigkeit begabt, ihre Vervollkommnung in tiefsinnigem Forschen nach Wissenschaft zu suchen, aber jedem ist gegeben, ist es Pflicht, Erfahrungen zu sammeln, und sie im Leben anzuwenden. Durch mehrere Jahrhunderte liefert uns die Erfahrung den Erfolg, den unentgcldlich unter das Volk verbreitete Traktätchen, voll von Aberglauben und Vorurtheilen, zur Erreichung gewisser Zwecke, erhielten. Sollte nicht ein ähnliches Verfahren geeignet sein, für Wahrheit, Tugend und Gesittung zu wirken? Erne Gesellschaft die jährlich den Betrag von 2 bis 300 Thaler dazu verwenden wollte, könnte alle 6 Wochen eine 2 Bo¬ •) Vor neun Jahren und heute. Breslau, bei Leukart 1846. —) Die protestantischen Freunde und die Juden. Leipzig, bei Naumburg 1847. gen starke, populär verfaßte, Schrift, in 3 bis 4000 Eremplaren vertheilen lassen. Bei den täglich sich erleichternden, Communikationsmitteln würde die Versendung und Vertheilung an die Mitglieder in alle Gegenden Deutschlands mit geringen Kosten verbunden sein, die Leitung wäre einem Ausschüsse zu übertragen. Wer wäre geeigneter zur Entwerfung und zur Ausführung eines solchen höchst wohlthätigen Instituts, als die weise, muthige. weitwirkende Berliner Reformgenossenschaft, unter Mitwirkung ihres genialen Seelsorgers? Selbst auf Gefahr, der Unbescheidenheit, der Anmaßung, beschuldigt zu werden, wage ich es sogar einige Themata als Beispiel in Vorschlag zu bringen. Nach einer kurzen Erzählung, wie nach Zeugniß der Propheten die Mosaische Lehre vom Volke und von den Negierungen bis zur babylonischen Gefangenschaft wenig beachtet wurde, wäre auch daö Absterben der hebräischen Sprache als Volkssprache zu erwähnen, sie verblieb aber als väterliches Vermächtniß, bei Manchem als Reminiscenz aber auch bei diesem gingen aus Mangel des täglichen gesellschaftlichen Gebrauchs viele Bedeutungen verloren. Zur Zeit des Talmuds, wußte man sich nur durch die aramäische Sprache gemeinverständlich zu machen, mehrere Wortbedeutungen der Schrift, wurden durch arabische Sklaven erklärt. Erst zur Zeit der Gaonim, wo man anfing sich mit der arabischen Sprache bekannt zu machen, kam durch Aehnlichkeit, ein erneuertes Leben, in der fast vergessenen alten Muttersprache. Aber dennoch blieben viele Wörter, besonders solche die sich nur Einmal in der Schrift ohne arabisches Analogon fanden, bis heute unerklärt, wie 'Tin YVf So verordnte Moses: Du sollst dir kein Sauglamm Qdn 3/rQ '"U) zur Speise bereiten, eine Verordnung, deren Weisheit für damalige örtliche Verhältnisse anderswo ausführlich besprochen ist *) und man in wörtlicher Uebersetzung in einer andern Sprache den ganz sinnlosen Satz dreimal wiederholt fand: Du sollst kein Zicklein in der Milch seiner Mutter kochen, mußte man geheime Bedeutungen darunter suchen, die sich um so mehr häuften,'als sich die Ansichten mehr verwirrten. Nicht unter die Zahl der Gesetze und Verordnungen, nur in den geschichtlichen Theil erzählt Moses das Ringen eines Unbekannten mit Jakob, da er ihn nicht bezwingen konnte, berührte er das Gelenk seiner Hüfte, und verrenkte dasselbe, so daß er hinkte, bald darauf aber wohlbehalten in Salem anlangte, darum, fährt die Erzählung fort, essen die Kinder Israels die Gidhanascha bis heutigen Tages nicht (als Verordnung müßte es heißen: Darum sollen die Kinder Israels für alle Zeiten die Gidhanascha nicht essnn (Schluß folgt.) *)Ahron Chorim. Im treuen Boten: (pso Tü) Prag 1831. Anhang Pag. 6. Anm. A. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.