Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 43 (24.10.1847)
- Date
- 1847-10-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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34» Mühen und Beschwernisse zu kennen, welche überwunden werden müssen, ehe der Mensch des Genusses sich freuen kann. Dies dem Volke zum Bewußtsein zu bringen, wäre zu jeder Zeit ein Verdienst und war es nach einem überstandenen Theuerungsjahr, das auch der Städter stark fühlte, ein gedoppeltes. Wie viele wissen Korn und Gerste noch jetzt am Halme nicht zu unterscheiden, ja, einst sagte man von den jüd. Bewohnern einer gewissen Stadt, sie wähnen die Semmeln auf den Bäumen wachsend. Nicht minder wahr ist, daß sich das nachkommende Geschlecht in den vorgeschrittenen Gemeinden an unfern alten Ceremonicn und Bräuchen nicht mehr zu erheben vermag; das Schütteln des Dattelzweigs, dos Wohnen in sogenannten Hütten rc. find ihnen mehr Gegenstände zur Uebung ihres Witzes als zur Anregung ihres innern Menschen geworden und kein Commentiren, kein Symbolisiren und kein Modernifiren bringt die frühere Anschauungsweise zurück. Wir bedürfen neuer Institutionen, an denen sich die von Natur gläubige Jugend halten und darein versenken kann, wenn die schönen Festtage ihnen ein Lossagen von dem Materialismus unserer Zeit gestattet. Die ohnehin durch ihren Baustil wie durch ihre neuere Restauratton imponirende Synagoge war von Aussen mit einem herrlichen Kranz, die Kanzel mit zwei großen Nationalfahnen und die heilige Lade gleichfalls mit einem Kranze und mit Gctreidebüscheln sinnreich geschmückt. Eine andächtige Menge hatte sich in festlichem Schmuck versammelt, die Chorschüler im Verein mit dem christlichen Gesangverein, die Empor eingenommen und nun erschienen von ihren Lehrern geführt die Schülerinnen des Gciershöfer'schen Instituts, — zu dem fast alle Töchter der besten Häuser zählen — lauter schmucke Gesichter, sämmtlich in die Farbe der Unschuld gekleidet mit blauen Schärpen und jede eine schöne Frucht auf der Hand tragend. Sie betraten mit vielem Anstand die zahlreichen, zur h. Lade führenden Treppen unr stellten sich zu beiden Seiten an der herrlichen Balustrade bis zu der im Mittelpunkt befindlichen geschmückten Kanzel auf und bildeten so eine lebendige doppelte Pyramide. Nun begann der gedachte Chor die Absingung des Ps. 103 in der bekannten herrlichen Dresdner Melodie. Hierauf nahm der Rabbiner mit der ihm eignen Würde eine geschmückte Thora aus der h. Lave und sang abwechselnd mit den an seiner Seite ausgestellten Mädchen, die Hosyanas in der hergebrachten aber um so ergreifenderen Weise. Diesem folgte die Predigt, die bei der anerkannten Meisterschaft des Herrn 0r. Loewi auf diesem Gebiete alles an Tiefe, Innigkeit und Fülle des Ausdrucks übertroffen haben soll, was derfetbe bisher geleistet hat. Ein trefflich erekutirter vierstimmiger Choralgesang schloß eine Feier, die bei allen, namentlich aber bei der beigezogenen weiblichen Jugend einen Eindruck zurückgelaffen hat, der in ihrem Leben noch oft nachklingen und für fernere fromme Gefühle empfänglich erhalten wird. Möchten nur bald derlei Feste allgemein angeordnet wer. den, damit auch andre in weniger fortgeschrittenen Gemeinden Gelegenheit zur Erbauung finden und mögen sich bis dies etwa durch eine Oberkirchenbehörde geschehen kann,, die einzelnen das Bessere wollenden Rabbiner bewogen finden, Achnliches anzuordnen. Der Staat legt ihnen jetzt kein Hinderniß mehr in den Weg — das zeigt obige Erscheinung — und von ihnen ist man die zeitgemäße Anregung zu erwarten, vollkommen berechtigt. Das Vorgeben von gebundnen Händen fällt jetzt weg und die Zeit drängt. Verhältnisse der Israeliten im Fnrstenthume Birkenfeld. (Fortsetzung u. Schluß.) Eigenthümliche Rücksichten verbieten mir ein öffentliches Urtheil oder Referat über die Bemühungen dieses Geistlichen, der von Regierung und Gemeinde hoher Achtung und Liebe sich zu erfreuen hat. Alle 3 Rabbinen stellten es sich zur Aufgabe, durch häufige Religions-Vorträge im Sinne des entschiedenen Fortschrittes nicht nur die Gemeinde am Sitze des Rabbinats mit geläuterten Religions-Wahrheiten bekannt zu machen, sondern auch die religiösen Bedürfnisse der übrigen Gemeinden durchBelehrung und Ermahnung zu befriedigen und wechselten daher in der Art ab, daß sie in jeder Synagoge jährlich wenigsten« 4 mal Vorträge hielten, außerdem aber auch bei jeder wichtigen Angelegenheit sich in diesen Gemeinden einfanden und ihnen den geistlichen Beistand jederzeit bereitwillig und gern zu Theil werden ließen. Dadurch wurde nun der Umschwung der religiösen Ansichten hier zu Lande bewirkt. Dank sei es dem Genius der Menschheit, Dank auch der weisen und unermüdeten Sorgfalt dieser Rabbinen, daß die durch Lehre u. Leben veraltete u. verderbliche Mißbräuche und Gesinnungen in das Meer der Vergessenheit sanken. Ja, Dank diesen Männern, die durch Wort und Beispiel gewaltig und ohne Scheu und Rückhalt gegen die Verderbtheit und religiöse Blindheit der Generation predigten und wirkten. Ihr Eifer ist nicht unerhört verschallt, ihre Lehren trugen Früchte und viele ihrer Verbesserungen und Einrich- | tungen sind ewige Denkmäler ihrer warmen und redlichen Be-