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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-10-24 · Heft 43 (24.10.1847) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 43 (24.10.1847)
Date
1847-10-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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33§ Ich suchte dann nach Sängerbrauch, Wo einst ein Seher stand; Doch reichte ich von dorten auch Dem Vaterland die Hand. Fand Palmen ich und Eichen da. Ging ich zur Eiche hin. Und glaubte mich dem Lande na-. Wo ich geboren bin. Es ist also eine rein poetische, romantische Sehnsucht nach dem gelobten Lande und Jerusalem, welche den Dichter beseelt, und durch nachwirkcnde Zugenderinnerungen fortwährend genährt wird, eine Sebnsucht, welch* im Allgemeinen höchst selten bei des Dichters Glaubensgenossen angctroffen wird, und die nur derjenige bei den Israeliten voraussetzt, der ibre Geistcs- und Gemütbsoieposition nicht kennt. Es darf vielmebr kübn behauptet werden, daß von tausend Israeliten sich kaum ein einziger, und auch dieser nur aus kurze Zeit, nach Palästina wünschen möchte. Ueberhaupt liegen abenrdeuerliche Gelüste und Gesüblsschwärmercien nicht im Ebarakter der Juden, weder der altgläubigen noch der Reformdcstrebten. Daß von den Zndlfferenten — und deren ist die Mehrzahl — noch weniger die Rede sein kann, vergeht sich von selber. Wenn endlich eine Autorität, deren Gewicht nicht gering anzuschlagen, zur Bestätigung des Gesagten herangezogen werden darf, so verdient erwähnt zu werden, daß die hier versammelt gewesene zweite, ober vorletzte Rabbiner-Bersammlung die Gebete, welche die Erstehung eines irdischen Messias und die Wiederkehr in's gelobte Land zum Inhalt haben, als dem Bewußtsein des größten Tbeiles der heurigen Zuocnheit widerstreitend, aus der Liturgie entfernt bat Alle Ausbrüche daber der im Dichter fortlebenden narionalen Erinnerungen und Wunsche sind nichts anderes als elegische Nachklänge der Romantik. Und dieselbe poetische Berechtigung, welche diese für sich in Anspruch nimmt, kann auch jenes Bestreben für sich geltend machen. Wer dürfte auch einem poetischen Gemülbe cs verargen, welches am Goldfaden der Tradition sich brnaufschwingt zum rosigen Morgenrotb kindlicher Sagen? Doch es ist billig, uns unterbrechend, den Dichter reden zu lassen: Wie steh' ich reich umschwebt Von Mährchen und von Sagen, Die einst in mir gelebt In meinen Kindertagen! Es ist die Welt frommer Ueberlieferungen und Sagen, welche die Bekenner aller drei monotbeistischeu Religionen als die früheste Heimatk ibres Glaubens ver« edrcn. In dieser schönen Mährchenwelt ist Schillers Dichtergenius herangewachsen, in ihrem immer blühenden Garten bat sich Klop stock, von Zeit zu Zeit den Eichenhain verlassend, liebend ergangen, mit ihren ewig jugendlichen Gestalten baden Herder und Goethe Zwiesprach gepflogen, und noch in unseren Tagen hat F r e i l i g r a t h orientalische Wüstengeister heraufbcschworen. An diese Namen reibt sich nun unser Dichter, welcher den nach Salem ziehenden Schwalben zuruft: Sagt ihm, ich möchte gar zu gerne seh'n Das schöne Land der kindlich frommen Sage, Jndeß ich hier, wo kalte Stürme weh'n. Vertrauern muß die grauen Wintertage. Nun gäbe es zwar ein sehr probates Mittel gegen die Sehnsucht nach Palästina, wenn sie übergroß und allzu heftig wird, und die Seele ganz einznnebmen und zu beherrschen droht. Das Mittel bestände darin, die Wallfahrt wirklich einmal zu unternehmen, und die Reise nach Jerusalem zn machen. Denn wir sind der festen Ansicht, daß alle diejenigen, welche den ersehnten Orte wirklich erreicht, unv mit eigenen Augen das dort herrschende Unwesen betrachtet haben, ein Unwesen, das wir nur darum Anstand nehmen ein türkisches zu nennen, weil sonst der osmanische Geschäftsträger in Berlin, wie schon einmal gegen einen preußischen Minister, auch gegen uns Beschwerde erheben könnte — ich sage, alle, welche einmal einen derartigen Reiseversuch gemacht, werden sicher und auf immer von aller und jeder Sebnsucht nach dem weiland gelobten Lande geheilt sein. Und vielleicht — diese historische Conjektur mag hier angedeutet werden — haben die Kreuzzüge unter andern auch dazu gedient, um das christlich-germanische Europa, welches sowohl in Betreff des Christlichen als des Germanischen eigentlich asiatischen Ursprungs ist, von jedem orientalischen Heimweh, welche dessen spätere selbstständige Entwickelung gehindert hätte, für alle Zukunft zu befreien. Gerade aber der traurige Umstand, daß jetzt Alles so ganz anders dorten ist als früher, erregt in unserem Dichter diejenige elegische Stimmung, in welcher „Jerusalem", „die Rose Saron's" und andere j schöne Klagelieder gedichtet sind. So versetzt uns der Dichter nicht bloß in den emstigen Schauplatz der bib-

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