Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 41 (10.10.1847)
- Date
- 1847-10-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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SSL jora dem Fortschritt huldigt, ohne neuerungssüchtig zu fein. Und hätte die Gemeinde einen Geistlichen an der Spitze, der von gleichem Geiste beseelt ist, der es mit vergüten Sache ernst meint, der nicht eins nach dem andereverfallen und verfaulen läßt, bis das ganze Gebäude in Trümmer fWt: es würde und könnte etwas sehr Tüchtiges und Heilsames hier zu Stande kommen. So aber nimmt das Reich der Nacht immer mehr zu und die tödtende Buchstäbelei tragt den Sieg davon, so der Herr m'cht bald seines armen Volkes sich erbarmt, und demselben einen neuen Geist giebt. Vor einigen Monaten machte der Mediziner Hr. Dr. Salamon (der Sohn des Predigers gleichen Ramens) den „Hamb. Gesundheitsrath auf die Gefährlichkeit der Meziza. die in der hiesigen Gemeinde nach wie vor angcwendct wird, ohne sich um die Opfer zu bekümmern, welche diesem heillosen Gebrauche fallen, in einer gediegenen Zuschrift aufmerksam und empfahl ihm sehr eindringlich, daß derselbe, als diejenige Behörde, der die Gesundheit und das Leben der Einwohner Hamburgs und der Umgegend am Herzen liegen müsse, jenem Uebel ernstlich zu steuern. Da der Gesundheitsrath eine deßfallsige Vorstellung an den Senat machte: so erließ derselbe vor einigen Tagen den Befehl, die Meziza zu unterlassen, sobald der geistliche Beamte, Hr. Bcrnays, sein Gutachten dahin abgegeben haben würde, daß jener Gebrauch nicht wesentlich zu dem religiösen Act der Befchneidung gehöre. Wie verlautet war das Gutachten von der Art, daß der Gemeinde-Vorstand Anstand nahm, dasselbe höher« Ortes abzugeben. Es soll mich gar nicht wundern, wenn Hr. Bernays weit rigoroser sich zeigt, als der berühmte, wahrlich fromme, „ehrliche unvrcdlichc" Rabbiner Moses Sachsen, der schon vor 11 Jahren auf Ansuchen des Arztes von Werthheim die Meziza für entbehrlich erklärt hat. Ad voccni Meziza fällt mir die Mila selbst ein. Das ist eine sehr natürliche Ideen - Association! Nicht wahr? Das nemlich zuerst in Frankfurt gegebene und dann in Berlin, Breslau und Darmstadt, befolgte Beispiel, die von jüdischen Eltern gebornen Knaben weder beschneiden noch taufen zu lassen, fängt auch in der jüdischen Gemeinde zu Hamburg nachzuwirken an. Ein Familienvater — ich weiß wahrlich nicht, ob er Mitglied des Tempels ist — Namens S . . . . S. ignorirt bei seinem crstgeborncn Söhnchen die Befchneidung, will indeß von dem jüdischen Beamten sein Kind als zur Gemeinde gehörig, registrirt haben. Der Registrator glaubt sich in seinem Rechte, den Geburtsschein zu verweigern und dem Weddeherrn von dem unerhörten Casus eine ofsicielle Anzeige zu machen. Hinterher geschieht dies auch von Seiten des Vorstandes. Ob nun ein hochweiser Senat so weise sein wird wie der Magistrat in Frankfurt, von dem Vorfälle keine Notiz zu nehmen und in die religiösen Angelegenheiten der Juden sich nicht zu mischen, muß sich nun bald zeigen. Hoffentlich wird der Vorstand selbstständig genug sein und auf eine energische Weise die Gewissensfreiheit der Gemeinde-Mitglieder zu wahren und zu retten suchen. Auf alle Fälle werde ich Ihnen darüber Bericht erstatten. — Solche Vorfälle find — folgenreiche Ereignisse und gehören der jüdischen Geschichte an. Vor einigen Wochen hörten wir im neuen israelMTempel einen Or. Krüger predigen und wunderten uns, daß die so sehr difsicile Verwaltung einen Candidaten — denn dafür hielt man ihn — zu predigen erlaube. Nachher erfuhren wir, daß Hr. K. einige Jahre an dem Seminar in Berlin in Verbindung mit Zunz gewirkt habe, daß er später bei der Gemeinde in Manchester a^pprettgfr angestellt war und neben seinen bedeutenden theologisch-philologischen Kenntnissen einen sehr biedern Character besäße. Der Kanzelvortrag „über den Frieden" war zw^fehr allgemein gehalten, Vorrrag und Inhalt aber dürfe^KAecht vortrefflich genannt werden. Wir können jeder GemM^e^Glück wünschen, in welcher Hr. v. Krüger als Volks - und Jugendlehrer zu wirken Gelegenheit findet. Wie sehr sich die Menge von der Macht der (ödtenden Buchstaben in gottesdienstlichen Dingen beherrschen läßt hatten wir neuerdings bei der Vemiethung der Tempel - Stellen zu bemerken Veranlassung. Es hatte sich nämlich in der Gemeinde das Gerücht verbreitet, daß die Cu(L«s-Eommisnon damit beschäftigt sei, Reformen mit deM'Gottesdienste vorzunehmen, das Müssaph-Gebet anders, konsequenter zu gestalten, das Vorlesen aus dem Pentateuch zweckdienlicher cinzurichten und die gar zu lange nur alle Andacht tödtenden Gebet» abzukürzen. Wie nun die Vermiethung der Stellen vor sich gehen sollte, wurde der Direktion von mehreren Mitgliedern in einem trotzigen, ungeziemenden Tone erklärt: Man würde nicht eher die Stellen auf's neue miethen, (immer wieder auf drei hintereinander folgende Jahre) wenn man nicht die Versicherung erhielte, daß alle Reformen unterbleiben und mit dem Gebetbuche keine Veränderung vorgenommen würde. — Was sagen Sie dazu? So spricht eine Gemeinde von gestern her, eine Gemeinde, die sehr viele Individuen zählt, die cs mit der Feier des Sabbaths, mit den Speisegesetzen unv andere Ceremoniallchren eben nicht so genau nehmen, und die dennoch schreien und lärmen, so man ihnen einige —Buchstaben aus ihrem Gebetbuche nimmt, als habe man sie um Gott und Seligkeit ge-