Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 40 (3.10.1847)
- Date
- 1847-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567139--2835-2570799- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
315 Schließen wir hiemit eine Betrachtung, die wir theils zur Berichtigung irrig verbreiteter Ansicbten der Wahrheit zu schulden glauben, und die auch andrerseits den Zweck hat. Manchem das zur freien und ruhigen Betrachtung vorzulegen, worüber ihn die vielfachen Einflüsterungen der aufbrausenden Unwissenheit und der sich breit machenden Scheinheiligkeit zu keinem besonnenen Urtheile gelangen lassen. — Möge uns — die es wahrlich gut meinen— nie die Kraft und die Ausdauer zur Erreichung des uns vorgesteckten Zieles fehlen; wünschen wir aber auch den uns Entgegcnarbeitendcn, die Erhebung zu einem freien Blicke, und das Abstreifen der ihnen noch schwer anliegenden geistigen Fesseln, die nur dann sicher brechen, wenn sie die Zeit mit ihren Anforderungen hören und verstehen gelernt haben werden, damit wir uns einst gemeinsam an den zu erhoffenden schönen Früchten erfreuen können. — Geschichte des Tages. Hvldheims Abschiedsfeier. (Von der Müritz, im Sept.) — Die jüngste Nummer des freimüthigen Abendblattes enthält d. d. Schwerin, 31. August folgenden Aufsatz, den 'ich den Lesern Ihres Blattes nicht vorenthalten zu dürfen glaube: „In der hiesigen Synagoge hielt am letzte» Sonnabend der Landesrabbiner Herr Dr. Holdheim, welcher bekanntlich einem Rufe als Prediger der jüdischen Reformgenoffenschaft in Berlin folgt, seine Abschiedspredigt, in welcher der Redner einen Rück, blick auf seine siebenjährige Wirksamkeit in Mecklenburg warf, mit treffenden Zügen die jüdischen Zustände der Vergangenheit und Gegenwart schilderte und für dst Zukunft die besten Wünsche und Hoffnungen aussprach. E. greifend und wahrhaft von Herzen zu Herzen kommend waren die Schlußworte des Abschiedes, an die sich eiue erhebende Feierlichkeit, zu Ehren des Scheidenden avschloß, welche auf folgende Weise stattfand: Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde näherte sich nach dem Kirchengebcte dem würdigen Verkündiger des lautern Gotteswortes, an welchen der erste Vorsteher*) die nachstehende Anrede richtete: »Sie, •) Der Dr. jur. Markus, welcher sich bereits viele Ver, dienste um seine Glaubensgenossen in Mecklenburg erworben hat. verehrtester Mann, verlassen die hiesige Gemeinde, um einer hö- Hern Mission zu folgen, aber Zhr Name wird unter uns fortleden für alle Zeiten, und das zwischen uns geknüpfte geistige Band wird auch in der Ferne uns verbinden. Indem die an diesem heiligen Orte Versammelten diesen Gedanken theilen, habe ich es übernommen', in deren Namen hier öffentlich Zeugniß abzulegen von Ihrem segensreichen Wirken. An die Spitze ihrer Bestrebungen stellen wir Ihren edlen, unermüdlichen Kampf für die Reinheit und Würdigung unsres altehrwürvigen Glaubens. Den ewigen, allein Wechsel der Zeit und des Ortes trotzenden Inhalt unsrer heiligen Religion im Gegensatz zu den wandelbaren Formen zum klaren Bewußtsein zu bringen, der Gegenwart in ihren Be- Ziehungen zum Staat und zur allgemeinen Bildung ihr Recht zu verschaffen und die Tugend als die Krone des jüdischen Glaubens darzuthun — diese hohe Aufgabe eines jüdischen Theologen haben Sie freimüthig, offen und unerschrocken gegen die fanatisch« Hermanvad des Glaubens wie gegen die unempfänglichen, trägen Anhänger der Gewohnheit verfochten. Und weil Sie gekämpft im Namen des Herrn und für die Heiligung seines Namens auf Erden, segnet der Herr Ihre^ Waffen. Von Gemeinde zu Gemeinde erschallt der Siegesruf: Die Lehren Gottes, welche Israel gegeben sind, dauern ewig, sie find rein und ohne Fehl! Nicht mehr verzweifelt der religiöse Israelit an seinem Glauben, der Indifferentismus räumt mehr und mehr dem erwachenden religiosrn Sinn das Feld, und die Finsterniß schwindet hin vor dem Morgcnroth einer geläuterten Gotteslehre. — Während Sie so in weiten Kreisen nach Außen gewirrt haben, verdanken Ihnen die Gemeinden unseres Vaterlandes heilsame, weise Reformen, durch welche unser Gottesdienst immer mehr ein Dienst der Wahrheit wird. Den Lippendienst durch wahre Andacht zu ersetzen, unsre Muttersprache, in welcher wir von früher Kindheit an unsre er. habensten Gedanken und tiefsten Gefühle auszudrücken gewöhn: sind, zur Gebetsprache zu erheben, den Werth des Gebetes nicht nach seinem Umfang, sondern nach seinem Inhalt abzuwägen, den Widerspruch zwischen Gebet und religiöser Überzeugung zu beseitigen, darauf war Zhr Streben gerichtet. Und von der Kanzel herab wiesen Sie eben so frei und offen auf die bestehen, den Mißbräuche hin, wie sie eifrig an der Leuchte der Gotteslehre die Gcmüther zu erhellen und zu erwärmen wußten, wie sie beredt daS Wort Gottes verkündeten, um Ihre Zuhörer für die Liebe zu Gott, gepaart mit der Liebe zu den Menschen, für di« Religion, verschwistert mit der That, zu begeistern. — Nicht den gegenwärtigen Gemeinden allein waren Sie ein treuer Lehrer und Hirt, sondern auch der Hoffnung unsres Glaubens galt Ihr Stre, brn. Unsere Religionsschule ist Ihr Werk, und deren würdiger