Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-09-26 · Heft 39 (26.9.1847) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 39 (26.9.1847)
Date
1847-09-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2566751-2567098-2567138--2829-2570792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

310 Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers. (Fortsetzung und Schluß.) Pfersee heißt ein Dorf in der Nähe, in welchem 22 jüdische Familien wohnen, deren Religionsschule 24 Schüler dermalen besuchen. Schreckt einen nur die kerkerähnliche Vorhalle zur Synagoge nicht ab, diese selbst ist für die kleine Gemeinde nicht übel eingerichtet. Der Lehrer Herr Crailsheimer ist auch Vorsänger und betreibt einen kleinen Bücherhandel nebenbei. Mitten im Dorfe befindet fich eine Tafel mit einem Gebet um Bekehrung der Juden. Den dortigen Christen wäre eine Bekehrung zu dem uns allen gleich heiligen Gebot der Nächstenliebe nicht überflüsfig, dann würden judenfeindliche Gefinnungen nicht oft in unchristlichen Ausbrüchen fich zeigen! — Ich besuchte hier einen Vetter, der 40 Morgen Grundstücke besitzt und den ich ackernd mit drei Pferden traf. So solls fern! — Noch eine kurze Fahrt auf der langes Eisenbahn und wir befinden uns in dem schönen München mit seinen herrlichen Bauten, seinen berühmten Kunstschätzen und seinen neuesten Vorgängen, die schon so viele Federn und Zungen in Bewegung gesetzt haben und die auch für Israel manche gute Keime in fich bergen. Mir wird der mehrtägige Aufenthalt in dieser Stadt unvergeßlich bleiben. Wie noch nie fand ich das Wort eines neuen Dichters bestätigt: „Wenn man aus Reisen ist, verfliegt ein fernes Schicksal in die blaue Luft." Doch nichts von der Pracht der Residenz, nichts von den Meisterwerken der Bilderhauerei in der Glypothek, und der Malerei in der Pinakothek, nichts von dem Hochgenuß eines Theaterbesuchs und dem beneidenswerthen Zugang zu einem Lesevercine mit mehr als 200 Journalen und dergleichen Herrlichkeiten mehr, nur von der 135 Glieder starken isr. Gemeinde und ihren kirchlichen und Schuleinrichtungcn soll einige Mittheilung gemacht werden. Die riesige prächtige Synagoge mit ihren gothischen Marmorsäulen, deren beständiges Dunkel ihr etwas mystisch Erhabenes verleihet, mit ihrem schulgerecht gebildeten Sängerchor sind bereits rühmlich bekannt. Der Freitagabend-Gottesdienst war nur schwach besucht und ich gestehe, der Gesang hat meinen hohen Erwartungen nicht ganz entsprochen. Ich glaube, weil ich dem Vorsänger mit seinen Gehilfen, sie tragen sonderbarer Weise rothe Schärpen um den schwarzen Chorrock — zu nahe stand und die Tonwellen, besonders des Bassisten, schlugen zu stark an mein Ohr. Mir begegnete da als ein alter Bekannter, dem man bei uns als einem, der sich nicht in die neue Ordnung der Dinge zu fügen vermochte, die Thüre gewiesen hat, der Herr noa. Desto mehr fühlte ich ».ich, besonders durch den schönen Gesang von dem etwas gar zu langen Morgengotles. dienst angesprochen, verlängert noch durch die Association der Gebrüder npn u. Das Hcrausnehmen der Thora war ein erhabner feierlicher Akt. Nur kam mir das im Hintergründe zwischen der geöffneten heiligen Lade und dem Vorsänger ste. henden Männchen, welches die Thora herausgenommen hatte — die sogenannten H1SD werden hier noch außer der Synagoge verkauft — wie jener geschwärzte alte Bretterzaun vor, der sich zwischen der herrlichen Bibliothek und dem Kriegsministerialgebäude in der imposanten Ludwigsstraße befindet. Und als sich der feierliche Zug durch die Synagoge nach der Tribüne bewegte, der Vorsänger mit der geschm ckten Thora im Arme, begleitet in würdiger Haltung und im Ornate von dem Rabbiner, dem Vorsteher mit dem auszeichnenden Hut und dem Sängerpersonal, als die reinen Tenorstimmen, getragen und gehoben von lieblichem Alt und kräftigen-Bässen aus dem Chorplatze durch die weiten Räume des schönen Tempels schallten, da ergriff mich eine andächtige Rührung, ein GefÄ^^liger Wonne durchschauerte mich, Thränen traten mir in^^^Men, so daß ein neben mir stehender Freund, derlei öft^^^^Mfnießend, meinte', ich müsse eine sehr scharfe BriÜ^W^WU- Doch überlassen wir uns nicht der Sentimentalitäk^^Men uns die kahle Wirklichkeit an. Die hiesige Vorsäng«W^mit einem Gehalt von 500 ff. und Accidenzien, die gewiß eben so viel ertragen, ist dermalen in allen Blättern ausgeschrieben, ohne daß man ernstlich daran denkt, sie mit einem anderen Individuum als dem bisherigen Verweser der Stelle, Hr. Kahn, zu besetzen. Doch geht man hier nicht so weit, wie in einer andern Kreisstadt, wo man einen Sabbath um den andern sich von Bewerbern um die Vorsängerstelle unterhalten läßt, ohne gleichfalls an eine anderweitige Besetzung zu denken. Aus diesem ergeben sich zugleich zwei Wahrnehmungen. Es ist auch bei uns Israeliten am ersten noch etwas zu ersingen und zweitens: man will hier doch den Vorsänger fest anstellen und jenen in andern Gemeinden so beliebten Zustand beständiger Abhängigkeit der Bediensteten nicht aufrecht erhalten. Aber möchte man fragen, wenn einen angestellten Vorsänger, warum keinen angestellten Lehrer? Wie kommt es, daß hier vor den Augen der allerhöchsten Stellen und in Augsburg vor den Augen des auch um das jüdische Schulwesen so hochverdienten Schulraths von Ahorncr die allerhöchsten Verordnungen vom 28. Jan. 1828, welche die Anstellung wenigstens eines Neligionslehrers in jeder isr. Gemeinde gebieten und die in der kleinsten Gemeinde auf dem plattesten Lande öfters mit aller Strenge ausgefnhrt werden, hier keinen Vollzug erhielten? Man sage nicht, daß der Sinn der Gemeinden schon eine Garantie biete und daß für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.