Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 31 (1.8.1847)
- Date
- 1847-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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342 lik, welche dann wieder zur revolutionären Zeit der französischen Encyclopädisten vom Mendelssohn'schen Rationalismus, von diesem Zeitgenossen der Kritik der reinen Vernunft, gänzlich verdrängt wurde. Die Zeit hat aber ihr Stundenglas schon wieder, etwas voreilig, umgestürzt, die Gestalten eines Schelling, Hegel und Schleiermacher zogen auf hohem Kothurn vorüber und vor ihnen bücken sich die Jünger und folgen ihnen nach; der Rationalismus wird, auch in der jüdischen Theologie, nochmals zu Grabe getragen und die Symbolik mittels Galvanismus wieder künstlich in das Leben gerufen, wieder auf den Thron gesetzt. — Welch eine bedeutende Rolle diese symbolica rediviva in unserer modernen jüdischen Theologie wieder zu spielen sich bemühet, zeigen die vorliegenden Protokolle der dritten Rabbiner-Versammlung (S. S. 57, 60, 134, 151, u. v. a.) gar zu deutlich und wir erblicken, leider! wie die ruhigsten, nüchrernsten Denker vor dieser Usurpatorin sclavisch ihr Knie beugen. Daß die Symbolik als System eine fremde, aus dem Hcidcnthume ins Zudenthum verpflanzte Theologie ist, wird Zeder zugcstchen, welcher das Wesen des Mosaismus unbefangen und vorurtheilsfrci durchschaut. Dieser ist seinem Wesen nach Rationalismus, er appcllirt immer an das Erkenntnißvermögen, in ihm sind alle Gesetze so klar, so nüchtern, daß jede symbolische Deutelei als eine auf denselben von Außen her übertragene midraschische Spielerei erkannt werden muß. Mit Ausnahme des Opfcrkultus und einiger Festgebräuche sind alle mosaischen Institutionen Selbstzwecke und auch jene beiden Arten von Vorschriften sind psychologische und historische, aber durchaus keine metaphysischen Symbole. Der Opferkultus ist zwar Symbol, aber ein psychisches; es sollen durch dasselbe nämlich die einzelnen Scelcnrichtungen, als die der Andacht, des Dankes, der Versöhnung mit Gott u. s. w. symbolisirt werden. Die Festgebräuche, das Genießen der Mazzoth und das Wohnen in Hütten sind historische Symbole, Zeichen der Erinnernng an Israels Vorzeit. Metaphysische Symbole dagegen , wie sie in bezeichnctcn Protokollen von einigen Rednern dem so einfachen, rationellen Sabbathbegriffe untergeschoben werden, sind dem ursprünglichen Mosaismus ganz fremd; sie siud Produkte der wiedcraufgelcbten christlichen, orthodox-kirchlichen Theologie und werden als subjektive Ansichten unbewußt in den Mosaismus hineingetragen, gerade wie die Midrasch-Lehrer ihre Zeitideen in der Bibel wieder zu finden glaubten. — Die Symbolik ist die Lehrmethode des Mysticismus, ihrer bedarf das Christcnthum, denn dieses hat seine Mystcria, welche als solche ewig unvereinbar mit dem Rationalismus bleiben. Das Zudenthum hat keine Mysteria, sein Gruudcharakter ist Rationalismus. Es ist deshalb eine Versündigung gegen unsere Theologie auf solch eine unwissenschaftliche Weise die metaphysische Symbolik ins Zudenthum einznschwärzen, wie dies bei Aufstellung einer Theorie des Sabbaths von verschiedenen Rednern der Rabb.-Vers. versucht wurde, welche den Sabbath aus dem Zusammenhang des Pentateuchs rissen und ihn auf einmal auf den Boden der Hegelschen Philosophie verpflanzten. — Daß diese Methode bei der Diskussion über die Speisegesetze mit derselben Geschicklichkeit wird wieder angewandt werden, ist mit Gewißheit voranszuseben, besonders da sich schon auch über diese Gesetze einzelne Stimmen deutlich für diese deutelnde Symbolik aussprachcn *) und nicht berücksichtigten, daß die Symbolik weiter nichts als ein Spiel der Subjektivität ist, das seine Erklärungen bis ins Unendliche vervielfältigen läßt und für jede Erklärungsweise dasselbe Recht der Anerkennung in Anspruch nimmt.— Der Heros der neuesten Symbolik, Bäbr, (Symbolik des mosaischen Eultus) erklärt sehr geistreich z. B. die Gestalt und die Farbe der einzelnen Theile des Stiftzeltes, bereits Philo hat sie nicht minder geistreich erklärt, und beide würden diese Gestalt des Stiftzeltes (welches doch irgend eine Gestalt haben mußte) ebenfalls so geistreich erklärt haben, wären diese einzelnen Theile im Pentateuch mit einer andern Gestalt und mit einer andern Farbe bezeichnet worden. **) Die ra- *) Vergl. Israelit des neunz. Jahrh. 1846, Nr. 19, 20, 43, 44. **) Vor mir liegt in diesem Augenblicke das dritte Heft der „Theol. Studien und Kritiken 1846", in welchem sich von S. 629 bis S. 702 eine Abhandlung von I. H. Kurtz zu Mitau über die „symbolische Dignität des in Numer. 19, zur Tilgung der Todesunreinigkeit verordneten Ritus" befindet, in welchem der Vers, seine mit Bahr übereinstimmenden Ansichten über diesen Ritus gegen die von Hengftenberg und Baumgarten aufgestellten Hypothesen zu rechtfertigen sich bemühet, dabei aber vergißt, daß alle diese Deutungen, zu welchen wir auch noch alle die des Midrasch hinzufügen, als symbolisirende Deuteleien zwar geistreich, aber mit gleichem Rechte wahr und nicht wahr genannt werden können.