Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1847)
- Date
- 1847-08-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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355 appelirt der Corrcspondent an den wackern Börne selbst, und seinen Uebertritt zum Christenthum. Einen Mann, dessen „redlichem Gemüthe" Riessers Biograph Gerechtigkeit widerfahren läßt, konnte gemeines Interesse freilich nicht zum Uebertritt bewegen; daß es aber nicht Ueberzeugung war, folgert der Correspondent selbst mit Recht aus seinem Leben, seinen Worten, seinen Schriften. Was bewog Börne mithin zum Uebertritt? Fern sei es von uns, das Andenken des edlen Mannes, der Deutscher war im strengsten Sinn des Wortes, durch die geringste Bemerkung zu trüben, aber wohl dürfen wir uns die Fragen erlauben: war der Uebertritt Börne's «ne Nothwendigkekt? Hätte er weniger für Deutschland als Jude geleistet? machte ihn der Uebertritt erst zum Deutschen? oder befreite er ihn von den kleinlichen VSrwürfen seiner Gegner, die ihn stets als Juden betrachteten, gurrnck m«me? (Niemand hat das Recht zu fragen, was Börne zum Uebertritt bewogen.) DerRorrespondeEzählt sich —(wo?) zu den vomBiographen, (freilich etwas schonungslos) so genannten Dandies unter den jüdischen Glaubensgenossen, denen die Aufschrift „der Jude" an Riessers bekannter Zeitschrift anstößig war. — Auch Einsender dieses konnte sich damals mit der Wahl dieser Aufschrift nicht befreunden und bemühte sich, wie er sich recht wohl erinnert, selbst, den Herausgeber von dieser Wahl abzubringen. Umsonst! Riesser bestand fest darauf. Aber selbst dieses Festbeharrcn hatte etwas Ergreifendes und Rührendes, denn wohl sah man daraus, daß er seine Glaubensgenossen daran gewöhnen wollte, sich dieses Namens nicht zu schämen, und daß er seine christlicher^Brübcr gleichsam zwingen wollte, den Namen Juden zu achten. Ukbrigens glaube man nicht, daß Riessers Zeitschrift trotz ihres „abschreckenden" Titels so spurlos für Deutschland vorübcrgegangen sei. Abgesehen von ihren, wenn auch zur Zeit noch nicht sichtbaren Wirkungen, bot das viele Treffliche und Schöne, das Riesser darin niedrrlegte, auch manchem Nichtjnden schon einen Schatz dar, woraus er reichlich schöpfte, und wenn auch nicht überall, so zündete doch an vielen Orten der Strahl seines herrlichen Geistes. Ich könnte hier mancher Schriften gedenken, in denen der Wirksamkeit Riessers, besonders in Bezug auf seine Zeitschrift, eine ganz andere Stelle eingeräumt wird, als in dem Aufsatz desCorrespondcnten, und ich erinnere nur an Streckfuß, über welchen sich ver Biograph so treffend ausspricht. Auch glauben wir, daß eine Zeit kommen wird, wo diese nicht ganz anerkannte Zeitschrift eine höhere Stelle einnehmen wird in der deutschen Lteratur. (Möchte dies wahr werden!) Nach allem dem Gesagten erlauben wir uns zur kurzen Beantwortung der Hauptfrage zurückzu kehren. Mag auch Gabriel Riesser nicht zu den Männern des Volks gehören im Sinne de» /Correspondenten, so ist er doch denselben anzureihen in der edelsten Bedeutung des Wortes, und wir sprechen sehr unumwunden unfern Dank aus gegen jene Männer, die sich Freundedes Volkes nennen, daß sie ihn mit sicherem Tacte schon jetzt als solchen anerkennen, obgleich er in den Augen Vieler diesen Namen noch nicht verdient! Auch dafür danken wir, daß sie einen Mann zu seinem Biographen gewählt, der nicht nur als Schriftsteller „oder wegen feines guten Stils und feiner guten Gefinnnng," sondern als Mann der That (?) glänzt, wo es gilt, für die Menschheit in die Schrankeu zu treten. vr. Heinrich Schwarzschild. Der preußische Landtag. (Z^om»sl^fischen Odergebiete, im Juli.)— Unser zum ersten Male vereinigte Landtag, der die Aufmerksamkeit der civilisirtcn Welt auf sich geleitet, ist nun beendet. Auch die Eman» cipationsfrage wurde wie bekannt, mit Feuer und Wärme, allseitig und erschöpfend behandelt. Der geschätzte Jsr. brachte und bringt zwar über den Gesetzentwurf zum Ghetto des 19. Jahrh. höchst beachtenswerte Gaben. Doch sollte nach Erledigung der so großen, so tief in unser Innerstes dringenden Frage, dieselbe unsererseits nach ihren verschiedenen Beziehungen ausgenommen und besprochen werden. Eine solche Besprechung und Beurteilung dürste mindestens den Nutzen gewähren, daß Dasjenige was uns nöthig ist und uns zum Vorwurfe und Vorwände der Borenthaltung der Menschenrechte gemacht wird immer mehr uns näher gerückt und vergegenwärtigt, und möglichst beseitigt würde. Broschüren, von denen ich nur „das gute Recht der Preußen jüdischen Bekenntnisses" erwähne, haben zur Zeit feurig und kühn, wie es ein so heiliger Kampf erfordert, unsere Sache, welche die Angelegenheit der leidenden Menschheit überhaupt ist, vertreten, allein diese dringen weniger unter das Volk, als Zeitschriften, und hatten überhaupt nur den Entwurf zum Ziele. Seit 1811, fast ein halbes Sakulum, erwarteten die jüdischen Preußen die Gewährung der in jenem Gesetze in Aussicht gestellten Menschenrechte, und wie traurig enttäuscht hat jener Entwurf die Sehnsüchtigen! slo euut fata hominum. Die mit offenen Augen Sehenden und die Behandlungsweise der Juden Seitens unsers Gouvernement» zu beurtheilen vermögen, haben freilich von vornherein nichts er-