Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-08-08 · Heft 32 (8.8.1847) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 32 (8.8.1847)
Date
1847-08-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2567098-2567131--2768-2570774
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

256 «artet, und sahen nur bei Lautbarwerdung des Entwurfes, das, waS sie lange vorher geahnt. ES hat sich wiederum auf's Klarste herausgestellt, daß in der EmancipationSangelegenheit, von Innen nach Lußen gewirkt werden müsse, und jenes erhabene Bibelwort: „Das Jahr meiner Erlösung kam, und ich sah keinen Helfer, schaute und sah keine Stütze — so helfe mir meine eigene Kraft," wie immer auch hier sich bewähre. Ja! wir müssen zuerst möglichst Hand an die- Auswüchse, welche durch christliche Liebe, jüdische Vorurtheile, und besonders durch unsere ewige Pasfionszeit herangewuchert, legen, müsien uns dieser eben so wohl bedachtsam, besonnen, wie sie der Haß und die Verfolgung uns angeeignet entäußert. Daß un6 eine elastische Perfektibilität eigen ist. lehrt unsere hehre Geschichte. Was in der Urzeit unser Stamm war, wozu ihn sein größter Maun gebildet, und was derselbe durch die Religion der Liebe geworden, alle jene Phasen einer traurigen und freudigen Vergangenheit und der jetzigen Halbheit, Alles dies find wir nur allmählich durch Erziehung geworden. Ich meine wir können durch Letztere noch immer was Tüchtiges werden, wenn nur die Zeit und eben die Verhältnisse in denen wir uns befinden, aus unsern Jndifferenten^die^GotAo^ im Abnehmen find, Männer schüfe, die sich des Bekenntnisses „ein Ebräer bin ich," überhaupt ihrer Geschichte nicht schämcten, Charaktere, die für Erhaltung der Ehre und Menschenrechte Sorge trügen, und kühn die bereits erworbenen wahreten. Im Allgemeinen ist die Ansicht unseres Gouvernements über Judenthum überhaupt, und .insbesondere über die preußische Judenheit eine unerklärliche. Entweder man ignorirt absichtlich alle jene geistigen Errungenschaften wenigstens seit der mendelsohnischen Epoche, oder diese Nichtbeachtung ist eine Folge der Geringschätzung, die gegen Juden und ihre Interessen an der Tagesordnung ist. Auf eine solche Anschauungsweise von Man. nern, die in so erhabenen Regionen weilen, waren selbst die oberschlesischen Dorfjuden nicht gefaßt. Denn selbst diese trotz ihrer beschränkten religiösen Ansicht, trotz ihres Fastens am 9. Ab, sehen nicht, wie unser Finanz - Minister, in Zion, sondern in Oberschlesien ihr Vaterland. Das Sängerwort „doch der Segen kommt von Oben," hat sich diesmal nicht bewährt. Unsere Angelegenheit wird von Unten, ,vom Volke gefördert, vom Gouvernement aber, wie dies der Entwurf und die gelieferten Commentare über denselben bezeugen, beeinträchtigt. Ehe die Humanität über denselben die untern Volksschichten ganz durchdrungen haben werden, kann es frellich noch recht lange dauern; doch ist dies für uns die wir gewiß dulden gelernt, besser als wäre es umgekehrt. Der zuerst bekannt gewordene Gesetzentwurf hat sogar zu jener irrigen Meinung Beranlassun ggegeben, daß derselbe durchaus nicht ernstlich gemeint sei, und nur dazu dienen sollte, um die Ansichten der Volksvertreter über die Emancipationsfraze zu Tage zu fördern; doch haben die Erklärungen einzelner Piecen Seitens der Krön- Vertreter gezeigt, daß dem so nicht sei, sondern daß man allen Ernstes aus falscher christlichen Liebe unser Elend verewigen will. Jener heiße Kampf, den die noch so zarte Humanität mit der grauen engherzigen tausendjährigen Intoleranz gekämpft, wen hat er nicht gerührt, und in welchem fühlenden Herzen den Glauben an den einstigen Sieg der Tugend und des Rechtes nicht begründet? Jene Männer, die für die Parias der Menschheit, für die Juden ohne alle christlichen Nebenzwecke, blos aus reinem Rechts- und Humanitätsgefühl sich nicht scheuten, vor dem Angesichte Europas eine Lanze zu. brachem .sind freilich noch sehr geringer Zahl. Es sind dies die hochgefeierten Namen, eines Hansemauns, Beckerrath, Vinke, Jork, Schwerin, Renart, und vor Allen der Referent Sperling. . Nochviele habenl^ar unsere Sache vertreten, doch aber nicht aus reiner Humanität, sondern verschiedener Absichten halber. Der christliche Staat,'als der Boden auf dem der Gesetzentwurf herangewuchert, ist in der That ganz unfruchtbarer Natur, und war es zu erwaiten, daß ein Produkt, diesem finstern Schooße entkeimt, nicht die Lichtstrahlen unseres Jahrhund, ertragen wird. Schon vie Etymologie des Begriffes christlicher Staat, als ein messianischer besagt aufs Klarste,- daß derselbe die stumpfteste aller Waffen ist, die das Vorurtheil und die Intoleranz geschmiedet, um mit denselben die Verfechter der Menschenrechte zurückzudrängen, und ihr Palladium zu vertheidigen. Denn wie es in einem christlichen Staate zugehen müsse, lehrt nicht nur der feurige Jsaias, sondern sogar das neue Testament, was auch die beredsamsten Volksveitrer genügend und schlagend bemerkten, und ist derselbe eben so mystisch unbegreiflich, als der aus ihm und durch ihn hervorgegangene Gesetzeniwurf. Die interessantesten Piecen aus demselben find unbedingt, außer seiner ganzen mittelalterlichen Färbung, die gespensterartig aus jedem einzelnen Satze uns grauenhaft anstiert, das unbeschränkte Recht, welches einem Judenschafts-Vorsteher, also einem Kammerknechte, über seine Collegen eingeräumt wird, das sogar bis in die heiligste Sphäre des Familienlebens sich erstreckt. So tief auch die Masse der Judenheit durch ihre Erlebnisse gesunken, und so gern wir zugestehen, daß die Jugend der Volkshefe Posens der Anleitung wahrer Menschenfreunde bedarf, damit sie bezüglich ihrer einstigen Berufe im Allgemeinen, nicht jene Pfade walle, auf die Haß und Verfolgung sie gestellt, eben so sehr hat tz. 34, der die Einwirkung der Vorsteher auf den Lebensberuf jüd. Knaben unter eigner Verantwortlichkeit anordnet, uns verletzt und mit wahrhafter Indignation erfüllt. (Schluß folgt.) Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.