Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1847)
- Date
- 1847-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567131--2766-2570772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
254 hätten sie es nur der Mübe werth gehalten, im offenen Kampfe gegen denselben aufzutreten, hätte Riesser gar das Glück gehabt, sein reichesHerz, gleich einem Binke, einem Beckerath und andern tüchtigen Volksvertretern, in freier Reee dem ganzen Kolke offenbaren zu dürfen, wie bald wäre Rieffers Name ein „populärer" geworden! — (Daß es nicht geschehen, bedauert wohl auch unser /-Correspondent.) Was der /- Correspondent über Börne's Wirksamkeit in Vergleich zu der Riessers sagt, möchte ich in vieler Hinsicht bekräftigen. Wahr ist es, Börne ist es mehr als Riesser gelungen sich festzusetzen Ln den Herzen seiner Landsleute; sein Volk hat ihn anerkannt, und seine Schriften mögen deshalb, von einem allgemeinen Standpunkt ausgehend, „nachhaltiger" wirken, selbst in der Judenftage. Auch der Biograph Riessers hat dieß nicht geläugnet. Aber — der Wege zur Wahrheit sind Viele, und nichtZeder kann, mit gleicher Gesinnung und von gleichem Standpunkte ausgchen! Wenn der ältere Börne, alsJudeErfahrungcn machen mußte, die alle Tiefen seines Humors aufrüttelten , die ihn zur bittersten Ironie anstachelten, wenn ihm die Geißel des Spottes von Seiten seiner Mitbürger gleichsam aufgezwungen wurde, so war dieß (im Anfang wenigstens,) mehr geeignet, zu erbittern als zu belehren. Die Wunden, die er schlug, brannten tief, aber der brennende Schmerz steigerte eher den Zorn und den Haß der Getroffenen. Erst später, als Börne, der nutzlosen Plänkeleien gegen Einzelne müde, als Kämpfer auftrat für die heilige Sache seines Vaterlandes, als er den Deutschen an seiner empfindlichsten Seite angriff, als er ihn erröthen machte über sich selbst, da erst wurde er ein „Mann des Volks" d. h. im Sinne des Correspondenten. Im Sinne der wahren Volksfrcunde war er cs längst! Im Erröthen seines Volks liegt seine Popularität!-Solche Popularität wird Riesser, der ernste Riesser nimmer zu erschwingen vermögen. Mit einer fast heilig zu nennenden Würde behandelt er die Sache der Juden. Der hie und da hervorbrechende Humor dient ihm höchstens zur Nothwehr, der oft schlagende Witz trifft nur verächtliche Persönlichkeiten! — Aber noch eine andere und schönere Seite ist es, die Riesfer hochstellen muß in den Augen des deutschen Volkes. Riesfer sah wohl ein, daß er nur eine halbe That vollbringen würde, wenn er für seine durch langen Druck indifferent gewordenen und schwankenden Glaubensgenossen die Emanzipation als ein ihnen zustehendes Recht verlangte. Er wollte mehr. Er wollte sie auch der Emanzipation würdig machen. Er spornte sie zum Kampfe an, zum schönen, gerechten Kampfe gege» verjährte Anmaßungen. Mit demselben edlen Eifer, mit welchem er gegen die Unterdrücker zu Felde zog, erhob und begeisterte er auch die Unterdrückten. Er machte ihnen klar, daß sie, auch als Juden, ihrem deutschen Vaterlande nicht minder angehörten, als die aus den Urwäldern Deutschlands stammen wollenden Nichtjuden. (Wußten sie dieses nicht auch schon vorher?) Darin unterscheidet er sich auf eine so ehrende Weise von Börne, der blos die politischen Rechte für die Juden in Anspruch nahm, sich aber, (wie auch der sonst so treffliche Vinke in neuester Zeit,) von den Juden selbst mit einer gewissen wehthuendeu Geringschätzung auszusprechen pflegte. (Wo?) Von dieser Seite betrachtet wird und muß Riesser nich nur in den Augen seiner Glaubensgenossen, sondern auch jedes wahren Menschenfreundes höher stehn als Börne. Und gerade darin verkennen ihn so Viele seiner Glaubensgenossen! (Wer?) Weil er das Selbstgefühl der Juden erhob, weil er so manchen Schwankenden und zur Flucht geneigten wieder zurückführte in die Reihen der Kämpfenden, tadeln ihn jetzt Viele derselben; sie betrachten ihn als einen wohlmeinenden Enthusiasten, der ihnen die bequeme Brücke zur Flucht gleichsam abgebrochen: ja, sie schämen sich jetzt der von ihm angefachten Begeisterung, verwünschen das schöne Selbstgefühl, das ihnen so manche täuschende Hoffnungen vorspiegelte, und betrachten jene edle Scham, die sie festhielt in den Reihen der Kämpfer, als eine falsche, vorübergehend c. (Von dem allen ist sonst niemanden etwas bekannt geworden.) In ähnlichem Sinne obgleich „den großen Verdiensten Riessers Gerechtigkeit wi. verfahren lassend", spricht sich auch der Correspondent gegen diese Bestrebungen ans: Wo wir den reinsten Lichtstrahl edler Begeisterung finden, da sicht er nur Flecken, „Flecken, geeignet, den aus seinen Schriften gebotenen klaren Spiegel des reinen Gemüthes zu trüben." Wie? Flecken? War es Riessers Schuld, daß Euch der angeborene Glaube, oder vielmehr die Nachbarschaft so vieler Eurer Glaubensgenossen unbequem? daß Ihr, in ungeduldiger Eile, den Augenblick nicht erwarten wollt, wo der schöne Kampf für Wahrheit und Recht ausgekämpft, und daß Ihr, ohne Euch den Vorwurf der Feigheit machen zu lassen, lieber gleich eintreten möchtet in die Reihen der Unterdrücker? Und welche Waffe war es, die Riesser gebrauchte? Ist eö etwa der Haß gegen Unterdrücker, den er in uns anfachte? Ist es der Trotz, der Fanatismus, der uns festhalten sollte in den Reihen? Nein! eS wardie edelsteWaffe, —dieErweckung des Selbstgefühls! — Und darin will man Flecken finden? (Wer für G ewissensfrei heit kämpft, muß solche auch im Individuum anzu erkennen wissen.) —Mit fast sophistischer (?) Beweisführung