Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 32 (8.8.1847)
- Date
- 1847-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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250 Krankheit auch verschiedene Mittel verlangte, sie ist aber als eine der Priesterpflichten nicht zn bezweifeln. — Erklärt der Priester, daß der Aussätzige von seiner Krankheit genesen sei, so mußte der Genesene, ehe er wieder in die bürgerliche Gesellschaft treten durfte, sich noch einer Behandlungsweise unterwerfen, welche thcils medicinischen, tbeils religiösen Charakters war. Man nahm nämlich ans Anordnung des Priesters zwei lebendige reine Vögel, schlachtete den einen derselben in ein mit Quellwasser zum Theil gefülltes irdenes Gefäß, tunkte in dieses mit Wasser gemischte Blut den lebendigen Vogel nebst Cedernholz, Karmesin (Kokkus) und Ysop und bespritzte damit den Genesenen. Hierauf ließ man den lebendigen Vogel wieder ans das Feld fliegen (3 Mos. 14, 1--7). So sehr auch dieser Akt ein symbolisches Colorit trägt, so sebr scheint cs mir dennoch, daß er nur aus medicinischen Ansichten entsprang. Denn wir finden diesen Acr ebenfalls bei der Reinigung des aussätzigen Hauses (3 Mos. 14, 49 — 53.) und, mit nur wenigen Abänderungen, bei der Reinigung derjenigen, welche mit einer menschlichen Leiche in Berührung kamen (4 Mos. 19,6. 18. 18.) wieder. Wie spielend und willkührlich die symbolisirende Schrifterklärung diesen Act in den drei bezeichneten Fallen zu deuten sich bemühet ist bekannt, sie stellt für jeden einzelnen Fall auch einzelne Hypothesen auf, welche durch hunderte von audern Hypothesen widerlegt werden können. Weit einfacher ist es, diesen Act in den drei bezeichneten Fällen aus einem und demselben Motive entsprungen zu betrachten und zwar als ein medicinischcs Präservativ gegen Contagium und Miasma. Was bei uns das Bespritzen mit Chlorkalkwasscr bezwecken soll, das suchte man damals durch das 3 Mos. 14, 5 — 7. bezeichnte Bespritzen zu erreichen. — Der Asop erscheint als ein bekanntes Heilmittel in der Mischna (Sabbath 14, 3.) und noch in der Gemara, wo verschiedene Arten des Mops aufgezählt werden (Sabbath p. 109, b. ek. Mischna Negaim 14, 6. Para 11, 7.) besonders als Mittel gegen die Würmer in den Eingeweiden. Es ist demnach nickt unwahrscheinlich, daß dem Mop die Kraft zugeschrieben ward, jene das Contagium und das Miasma verbreitenden Parasiten vollends zu entfernen. Man bestreicht vor der Pest, welche die ägyptischen Erstgebornen hinwegraffte, die Eingänge zu den israelitischen Wohnungen mit einem ins Blut getunkten Mopbündel (2 Mos. 12, 22. 23.) und David wünscht im tropischen Ausdrucke mittels des Mop gereinigt zu werden. (Ps. 51, 9.) Bei dem Cedernholz machte man die Erfahrung, daß es dem nagenden Wurme nicht unterworfen ist, weßhalb auch der Zernsalem'sche Tempel von diesem Holze erbaut wurde und weßhalb man ihm auch wabrscheinlich eine die Znseclen zerstörendr Heilkraft zuschricb; sowie nicht minder dem Kokkus, welcher in alle Teppiche des Stiftszeltes eingewebt ward, um sie vor den nagenden Znsecten zu schützen. Mit diesem Schutzmittel gegen Verbreitung des Contagiums wurde der vom Aussatze Genesende sieben Mal bespritzt und dann ließ man den Vogel wieder fliegen, damit er nicht Menschen inficire, wenn er etwa durch seine 'Berührung des Aussätzigen dessen Contaginm ausgenommen habe, weil man dieses als sehr leicht auf Menschen übertragbar betrachtete. (2 Kön. 5, 27.). Nachdem der Genesende mit diesem Prüfervativmittel bespritzt ist, wascht er seine Kleider, scheeret alle seine Haare ab, badet sich im Wasser und ist insofern rein, daß er das Lager betreten, aber noch nicht in seinem Zelte wohnen darf; vielmebr muß er erst nochmals sieben Tage laug Quarantaine halten, dann scheert er nochmals sämmtliche Haare am Körper ab, wascht seine Kleider, badet sich im Wasser, und die medicinische Behandlung ist ganz vollendet, er ist rein, gesund. Am achten Tage begehet er in einem religiösen Acte seine Genesungsfeier, indem er dem Herrn drei Opfer darbringt, nämlich rby, nxen, öts\s‘. Zuerst erscheint er als Sünder, welcher die Verzeihung Gottes erfleht. Worin aber die Sünde die'es armen Dulders bestehet hat die Symbolik gar künstlich erklärt. Sie setzt voraus der Aussatz ist eine StrafeGottes, woraus die jüdische Symbolik, belehrt durch das Beispiel Mirjam's (4 Mos. 12,) schließt, daß der Aussatz die Strafe für ausgesprochene Vertäumdung sei. Die christliche Symbolik borgt von den Rabbinen den Spruch: Der Aussätzige gleicht dem Todten, um mittels demselben weiter zu schließen, und der Tod ist gleich der Sünde, folglich ist der Aussatz gleich der Erbsünde, welche allen Menschen angeboren ist, denn „jede Krankheit des äußern Meuschen ist Symbol der Krankheit des inner»" (Bähr, Symb. des mos. Cultus II. S. 484). So gehet es, wenn man durch die gefärbte Brille der Dogmatik siehet und es verachtet mit bloßem Auge zu se-