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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-08-15 · Heft 33 (15.8.1847) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 33 (15.8.1847)
Date
1847-08-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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SSL Geschichte des TageS. Rothschilds Wahl. (London, den 30. Juli.) — Rothschild ist heute nach einer sehr bestrittenen Wahl, wobei von beiden Seiten selbst Lahme zur Abstimmung herbcigeholt wurden, für die City von London hnS Parlament gewählt worden; gewiß, ein für alle Juden und Freunde der Glaubensfreiheit sehr erfreuliches Ereigniß. Die Wahl schwankte sehr, um 2 Uhr sah man viele mißvergnügte Gesichter, desto lauter war der Jubel, als gegen 5 Uhr der vollkommene Sieg der Liberalen von den Commite- Fenstern der versammelten Menge verkündet wurde.*) Bei den Heetioxs, die der Wahl vorausgingen, wurde als entscheidender Grund für Rothschilds Wahl der Umstand hervorgehoben, daß er ein Jude sei, mithin in seiner Person das Prinzip der Glaubensfreiheit vertrete, welchem Geltung zu verschaffen den diesjährigen Wahlen eine Farbe gäbe. Rothschild hat in diesem Sinne mit Takt und Bescheidenheit die Wähler ange. redet, und sich als Dertheidigcr liberaler Grundsätze in Beziehung auf Handelsfreiheit und Ausdehnung der Wahlrechte ausgesprochen; überall wurde er sehr gut ausgenommen. Seine Aufgabe war dabei eine sehr schwierige; Intoleranz und Bigotterie haben hier noch zahlreiche Anhänger, und er mußte sich sogar wegen einer Subscription für eine protestantische Schule vertheidigen. Selbst Lord John Rüssel konnte in einer liberalen Wählerversammlung durch das Geschrei: »kein Gehalt den katholischen Geistlichen", gar nicht zu Wort kommen. An Plakaten, die Juden seien Fremde, das ganze Parlement würde mit Blindheit geschlagen werden, wenn auch nur einige Juden, d. h., Leute, die den Heiland verläugnen, darin wären, hat es natürlich nicht gefehlt, ja ein Herr Seeley sagte auf den HustingS, die Juden seien schlecht berathen, wenn sie sich mit anderen Nationen vermischen wollten, Rothschild sollte dahin streben, statt ins Parlement zu kommen, einer ihrer Fürsten im Lande Judäa zu werden. Um so erfreulicher ist es, daß selbst in dem bigotten England, nach und nach hellere Ansichten die Oberhand bekommen; es wird dieß nach der allgemeinen Erfahrung, daß die Juden sich in ihrer Denkungsweise nach der der christlichen Bevölkerung richten, auch auf diese wohlthätig einwirken. Man wird es bei uns kaum für möglich halten, daß an Ostern hier Kühe durch die Straßen, selbst in den feinsten Etadttheilen *) Wie sich später herausgestellt, ist nicht der Whig - Candidat Largent sondern der Torp-Tandidat.Mastermann gewählt worden. getrieben und vor den Häusern der Juden gemolken werden; bei Festessen sitzen die Juden auS freiem Willen von den Theilnehmern getrennt, und haben ihre besonderen Speisen; in der Synagoge ist noch alles beinahe beim Alten, und die wenigen Aenderungen find nicht einmal zum Bessern. Was man bei uns unter Unterricht und Schulbildung versteht, eristirt hier gar nicht. Sonnabends sieht man in den lebhaftesten Thcilen der Stadt überall geschloffene Laden. Unter dem Schutz der allgemeinen Freiheit suchen die Juden sogar ihren Stolz darin, ihre Unabhängigkeit dadurch zu zeigen, daß sie ihre Eigenthümlichkeit bewahren, und eö ist hier an keine Aenderuug zu denken , wenn nicht das Beispiel der christlichen Bevölkerung im Nachlassen der Bigotterie einen Anstoß gibt. Dieß scheint aber nahe bevorzustehen, denn unter den Beschwerden die bei den Meedings gegen Lord John Rüssel vorgebracht wurden, war die lauteste, die Errichtung eines Bisthums in Manchest er, »keine Bischöfe mehr;" (no mou bischops) wurde ihm von allen Seiten zugerufen, ja ich war selbst anwesend, als ein Mann in beinahe zerrissenen Kleidern ein solches Meeting anredete und dabei erklärte, ihm sei ganz gleich, ob Lord John Rüssel oder ein Tory Minister wäre, denn was könne letzterer mehr thun, als neue Bischöfe schaffen, und die Abgabe auf Thee fortbestehen lassen, wodurch das Volk 5 Schilling für ein Pfund Thee bezalen müssen, das man für den dritten Thett bekommen könnte, wenn man nicht das Geld an die Geistliche» verschwende; es sei ganz unverantwortlich, daß man den Armen das Geld aus der Tasche nähme, um es den Bischöfe» oder Katholiken zu geben, und so lange Leute ins Parlement gewählt würden, die den Werth des Geldes für den Arme» nicht kennten, sei keine Aenderung zu erwarten. Freilich wurde dem Manne zugerufen, ob er eine halbe Krone oder eine halbe Guinee bekommen hätte, um das zu sagen, allein er wurde doch auch wieder sehr beklatscht, und wie er, so denken viele. Man sieht dies am besten an Sonntagen, wo zwar das Läute» und Predigen in den Kirchen und auf den Straßen gar kein Ende nimmt; allein die Dampfboote und Lustgärten vor der Stadt sind auch zum Erdrücken voll, ja es gibt selbst jetzt hier einen D i van, wo Sonntag Abends öffentlich Schach gespielt wird. So etwas hätte man vor zehn Jahren noch gar nicht für möglich gehalten. An dem neulich von der Königin wegen der Thcuerung angeordneten Fasttag, wo die, welche ihn nicht -alten würden, sogar mit Strafen bedroht wurden, hat man noch mehr Betrunkene als gewöhnlich in den Straßen gesehen, und das will hier viel heißen. Alles dies zeigt, daß der größte hier Zu Land »och bestehende Mißbrauch, die übermächtige,

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