Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 34 (22.8.1847)
- Date
- 1847-08-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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271 ihrer vier Wände über Rischas zu lamentiren. Sie haben sogleich die Erhebung einer Beschwerde einem Advokaten übertragen. Der Erfolg steht zu erwarten. — Zn wenigen Stunden befinden wir uns in der aus 50 Gliedern bestehenden Gemeinde Wall er stein mit einer, 54 Schüler zählenden Religionsschule. Der Lehrer Gumperz, ältlich und kränklich, bezieht einen jährlichen Gehalt von nur 150 ff., muß die Schule ohne Entschädigung in seinem eigenen Hause hal:en und auf seine Kosten beheizen. Die Schüler find sehr gut im Hebräischen und ihr präsumtiver Rabbiner, dessen stärkste Seite die hebräische Sprache nicht sein soll, wird seine liebe Roth mit ihnen bekommen; hier wurde nämlich kürzlich ein schwerer Kampf um die Rabbinerstelle gekämpft, \in dem die Orthodoxie durch die Wahl eines gewissen Weißenkopf aus Aub fiegte. Der bisherige Verweser Hr. Rottenheimer hatte die schwere Aufgabe, einer zu durchlebend", mehr als zwanzigjährigen Kandidatur und es wurden so viel Uebel über ihn gesagt, daß ich mich gewisser, maßen angenehm enttäuscht fand, als ich in ihm einen sehr gemüthlichcn und fein gebildeten Mann kennen lernte. Seine tüchtige theologische und wissenschaftliche Bildung vermögen auch selbst seine Gegner nicht anzutasten. Noch ist die Wahl Weiskopfs von Seiten der k. Regierung nicht bestätigt und daß die Orthodoxie ihrer Sache nicht gewiß ist, zeigten die Anstrengungen, die sie macht, um einer Regierungscntschließung entgegen zu arbeiten, die die Wahl Weiskopfs wegen seiner schlechten Note — wie man hört — nicht anerkennen soll. — Die Rabbiner Schwabens mußlen fich seiner Zeit reverfiren. die Rabbinerversammlung nicht zu besuchen, und da ihnen die k. Regierung bisher diesen Revers nicht zurückgegeben, so ist dies der beste, wenn auch nicht angenehmste Beweis, wie von einer Erlaubniß zum Besuch der diesjährigen vorläufig nicht die Rede sein kann. — Zn der schönen Synagoge wird der Gottesdienst feierlich und mit hübschem Chorgesang abgehalten, verfällt aber in jüngster Zeit etwas, da Hr. Rottenheimer, wahrscheinlichen der Meinung sein Werk bald andern, im entgegengesetzten Sinne arbeitenden Händen überlassen zu müssen, den früheren Eifer nicht mehr zeigt. Zn drr That ist zu hoffen, daß so ein WH mpn bald abgeschafft sein wird. — Zch muß Dir nun mein lieber Leser! ein Gefühl bezeichnen, das fich meiner bei dem Anblick des bayer'schen und würtembergischen Wappens, welche an der Grenzscheide neben einander stehen, bemächtigte. Die Hirschgeweih in dem letzteren, spottschlecht hineingezeichnet, so daß sie Krebsen nicht unähnlich sehen, hielt ich kürzlich noch in das bayer'sche Wappen paffend. Weil es aber anderS geworden und ich überdies an demselben Tag das „Sonett" las, indem mein König fingt: „Die Wolken flieh'n, der Himmel ist gelichtet, Zch preis' es. das entscheidende Ereigniß Das eure Macht auf ewig hat zernichtet." Deßhalb freute ich mich der aufrecht stehenden Löwen im bayrischen Wappen, die kccklich in das schöne Ries Hinausblicken. Den K rbsgang überlassen wir nun Andern, wenn auch nicht den gethlichen Würtembergern, die ja namentlich bezüglich jüdischer B rhältnisse am weiteffen in Deutschland vorwärts geschritten find, •vtr Anblick des geordneten Synagogen- und Schulwesens dieses L.'...des, erfüllt noch jedesmal mit hoher Befriedigung und ist auch m.'nches in der Wirklichkeit nicht so, wie's auf dem Pap er steht, einer gewisser» Gleichmäßigkeit und tiJeortjncl^ctt basfirt auf den Anforderungen der Zeit, begegnet man in allen Beziehungen. Wenn ich daher nur einen Rabbinatsbezirk mit seinen Filialen Dir, mein Leser, vorsühren kann, so gewinnst Du doch eine Vorstellung vom Ganzen, hie unv da besser und die Anordnungen durchgeführter, doch im Wesentlichen ihm gleich. Oberdorf bildet mit Aufhausen, Lauchheim, Elwangen und Pflaumloch ein Bezirksrabbinat. Wir theilen einiges Allgemeine mit, ehe wir zur Schilderung der einzelnen Gemeinden übergehn. Würtemberg hat seine zweckmäßige Synagogen- und Lei. chenordnung, den Chorgesang, sogar deutsche Choräle, die deutsche Predigt jeden Sabbath» seine eigene sehr wohlfeile Schulbücher, den Rabbinern ist ihr Rang im Dienste des Staates angewiesen, sie erhalten ihren Gehalt nicht aus den Gemeindekassen und die Lehrer haben eine hohe Stellung, in der sie viel Gutes stiften können, und die wir bayrischen Lehrer noch lange, vielleicht nie erreichen, um die wir sie aber auch nicht beneiden werden. Sie find Religions- und Elementarlehrer, Vorsänger, Prediger, Kirchenvorsteher und Gemeindeschreiber, kurz so mit Arbeiten überladen, daß, wollten sie Allem entsprechen, entweder ihre Gesundheit oder der wichtigste Theil ihres Amtes — die Schule — nothwendig darunter leiden muß. Wir sprechen im Allgemeinen, einzelne Ausnahmen beweisen nichts. Gleichwohl können wir nicht gut heißen, wenn wie die Sage geht, in Zukunft nur eine Predigt aus einer zu veranstaltenden Sammlung vorgelesen werden soll. Eine abgelesene Predigt ist nur eine halbe Predigt, und vollends vor einem jüdischen Publikum. Man schafft fich die Sammlung an und sagt: Das könne man selbst, oder ist den Redner gar darnach.N'ilQ Die Zugend vieler Lehrer ist kein stichhaltiges Ar. gument dagegen. ES würde dies an jenen Fürsten erinnern, der fich über die Zugend und Bartlofigkeit eines Gesandten beschwert« und dem dann der zuständige Fürst einen Geisbock als Gesandter zu schicken versprach. Die Mißgriffe dieser jungen Lehrer beweisen wieder nichts, hat doch erst kürzlich ein junger studirter würtem.