Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1847)
- Date
- 1847-08-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Z77 Mehr aber noch, als er praktisch verwirklichte, ist durch ihn die religiöse Gesinnung der hiesigen Glaubensgenossen gezeitig worden. Es bedarf hier nur der kundigen Hand, um alle die gegenwärtig in Anregung gebrachten Rcsormbestrebungen zur Ausführung zu bringen. Die kühnsten und freiesten Reformidecn erregen in hiesiger Gegend kaum Bewunderung mehr Unglaube ich, daß selbst dieTheilnahme eines Rabbiners am christlichen Tische hier nicht auffallend gefunden werden dürfte. WaS solche Resultate dahier — wo noch kaum 11 Jahre wissenschaftlich hcrangebildete Rabbinen angestellt wurden — zur Reife bringen konnte,, war — außer dem kräftigen, mit unbeugsamem Muthe durchgeführten Wirken des hier noch in sehr gutem Andenken stehenden Rabbiner Wechsler, — das große Rednertalent des Herrn vr. Einhorn. Gedankenreichthum, glaubenswarmes Gefühl, feuereifrige Begeisterung, wie Bilderfülle und Schwung des Ausdrucks, erhöht durch ein gutes Organ, machten seine Reden zum wahren Herzensgenuß. Schon die Art und Weise seiner Predigt war originell. Dem unfruchtbarsten Texte ver. mochte er die schönsten Deutungen unterzulegen. Talmud- und Midraschstellen wurden von ihm häufig, — häufiger als Bibel- Verse — gebraucht und wurden namentlich Predigten, die auf praktische Geltendmachung einer Reform abzweckten, reichlich mit hebräischen Phrasen ausgeschmückt, wodurch er seinen Worten desto leichter in orthodox>jüdische Herzen Eingang verschaffte. Am meisten lebte, dachte uird empfand er für das Werk der Reform. Diese war das A und O seines Nachdenkens, Empfindens, Handelns unv Strcbens. Ich möchte sagen, sie ist ihm zum Be» dürfniß geworden. Auch für die Schule hatte er lebhaftes Interesse, und können wir den Lehrern Meklenburg's versichern, daß sie an ihm einen liebevollen Freund und Beschützer finden werden- Zu seinem Nachfolger ist Herr Kandidat Gold mann aus Kirchheim Bolanden, (Pfalz) höchsten Ortes ernannt worden; er wird in wenigen Tagen schon seine Stelle dahier antreten. Möge auch er ihr mit aufrichtiger Liebe und Hingebung anhängen, wie wir solche dem von uns Geschiedenen ewig, ewig bewahren werden. * *) Motivirter Antrag vom Provinzial-Rabbiner Gosen, die Wiedergestattung der Leviratsehe und weitere Beschränkung der Chaliza betreffend. (Schluß.) Da nun aber auch das Heirathen einer zwei- *) Wir bitten Herrn vr. Einhorn um den Druck seiner ten Frau neben der ersten, sei es die Schwester derselben oder eine Andere in der That strenger verpönt ist als alle mu niDK so würde die Schwägerin, insofern kein unverheiratheter Bruder vorhanden ist, von der Chaliza gänzlich zu entbinden, und in diesem Falle von der Verheirathung an einen Priester nicht ausgeschlossen sein, da außerdem bei einer ebensowenig eine Untersuchung zuläßig ist und einen Unterschied begründen kann ob nnnpb 'N22N *6 wirklich der Fall war oder nicht, als bei einerrwru ob fie eine wirkliche nspöto rwr« fei.*) Ist nun schon durch diese beiden Punkte ein großer Theil des M KW! beseitigt; so dürfte hiernach der Hauptpunkt bei einem verschollenen Schwager um so eher zu beseitigen und die Wittwe von der Chaliza zu dispenfiren sein, da neben dem p2D ob derselbe noch am Leben nun noch der kommt: ob er nicht verheirathet sei. Wir hätten nun noch für die völlige Gleichstellung der Frauen in diesem Rechte das zu thun, daß jedem Schwager als gesetzlich mit seiner Schwägerin verbunden, die religiöse Trauung mit einer andern Frau so lange verweigert werde, bis jener die verlangte Chaliza ertheilt worden ist. Neben dem noch ferner auszufertigenden Chaliza-Brief würde es endlich die Sorgfalt für die Frauen erforderlich machen, eine alte von mir (ungeachtet meiner Abneigung gegen Zweideutigkeiten) — im Jahre 1808 und von dem westphälischen Konfistorium zu Kassel unterm 11. Mai 1810 wieder ins Leben gerufene Einrichtung bei der Trauung zu beobachten, daß nämlich da, wo die Befürchtung vorhanden ist, daß die Wittwe im kinderlosen Sterbfalle ihres Mannes zu keiner Chaliza gelangen könne, die pEHTp vorsorglich ’WO vollziehen zu lassen. Haben wir hiernach alles Mögliche gethan um ohne die Tradition zu verlassen den Gegenstand auf den biblischen und rein mosaischen Standpunkt zurückzuführrn, wonach die Chadahier gehaltenen letzten Predigt. Sie wird uns sicher als ein Vermächtniß seines Wirkens und WoUens werth unv thcuer *) Und das um so weniger, da unter zehn bei den Behörden eingehenden Gesuchen um Gestattung einer freiwilligen Ehescheidung, wohl kaum drei sein werden, wo nicht ein -0”inny zu Grunde liegt, und dieser Grund um deswillen nicht angegeben wird, l, um keine der betheiligten Personen zu entehren; 2, die Kinder dieser Ehe nicht zu verdächtigen, und 3, der Beweis eines Ehebruches nach dem Begriffe der mehrsten Landesgesetze an das Unmögliche grenzt, nirgends aber so weit ausgedehnt ist, als nach dem mosaischen Gesetze.