Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 36 (5.9.1847)
- Date
- 1847-09-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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387 ten gründlicher ausgearbektet und dann auch die Ansichten über die zu verhandelnden Gegenstände in den öffentlichen Organen besser sich austauschen und gegenseitig ergänzen könnten, wodurch die Verhandlung selbst abgekürzt und in einer Versammlung fast soviel als jetzt in zweien zur Bcschlußnahme gebracht werden dürfte. Doch ich wollte Ihnen eigentlich über unsere hierländischen Verhältnisse, die sich freundlicher zu gestalten anfangen, berichten. Als ein günstiges Zeichen, daß man in den oberen Regionen dem Fortschritte, wie in den übrigen Zweigen des staatlichen und kirchlichen Lebens, so auch in Bezug auf Juden und Judenthum nicht mehr abgeneigt ist, sondern die Ansichten sich bedeutend zum Bessern gewendet haben, darf un-! bezweifelt die Eingangs erwähnte Erlaubnis zur Theilnahme an den Rabbinerversammlungen gedeutet werden. Auch wurde dieses Zeichen von unseren Gemeinden meistens freudig begrüßt, und mehrere haben sich freiwillig erboten, ihren Rabbinern die Reisekosten ganz oder theilweise zu ersetzen, wenn sie die Reise nach Mannheim unternehmen wollen. Daß das Ministerium den besten Willen habe-, unsere Kirchen- und Schulangelegenheiten zu ordnen und denselben eine geregelte Verfassung auf freisinniger Grundlage zu geben, darüber hat sich der Minister von Zurhein gegen eine Deputation der israelitischen Gemeinden aus dem Kreise Oberpfalz und Regensburg, welchem er früher als Regierungspräsident vorgestanden, auf's unzweideutigste ausgesprochen. Allein es wäre sehr zu wünschen, daß von Seiten derJsraeliten selbst und namentlich von Seiten ihrer geistlichen Vorstände dem Ministerium mit Vorschlägen zu einer besseren Regelung und Gestaltung unseres religiösen Lebens an die Hand gegangen würde. Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers. (Fortsetzung.) Bei allen, dem redlichen Streben geweihten Demonstrationen betheiligt man sich, (ich sah hier auf das schöne Denkschreiben v. 35. Mai, welches Herr Assessor Weil an die isr. Gemeinden für den ihm überreichten 16 Zoll, nicht 9 Fuß hohen Pokal, wie ein jüdisches Blatt meldete, ergehen ließ) in vielen Häusern sieht man das Portrait des Abgeordneten Vciel, welcher die Sache der Juden beim letzten Landtag so warm führte; es herrscht Sinn für jüdische Literatur: kurz ich verließ diesen Ort um so befriedigter, als sich auch die Atmosphäre abgeklärt hat und schönen Sommcrtagen entgcgcnzuschen war. Mit dem alten würtembergschen Sprichwort: „Hie gut Würtemberg alleweg" schied ich von diesländischem Boden und ließ mich im bequemen Wagen nach der bayrischen Gemeinde Mvnchs-Deggingen bringen. Rur eine kleine Episode fei mir noch erlaubt. Sie läßt zugleich weitere Einblicke thun. Ein französischer Rezensent des Lebens Jesu von Strauß sagte zu seiner Zeit: es fei erfreulich, daß ein öffentlicher Lehrer in Deutschland so schreiben dürfe. Als ich aber dies las, sagt Strauß in der zweiten Auflage zu seinem Werk, war ich längst abgesetzt. Die Rede, welche ein christlicher Beamter bei der Einweihung der hiesigen Synagoge hielt, hatte zu einem kleinen Federkrieg Veranlassung gegeben, bei welchem ein benachbarter Lehrer sagte, es seien in einem gewissen Amtsbezirk so und so viel jüdische Wucherer. Ein gewisser Lehrer in Bayern wurde wegen Darstellung einer einzigen Wucherscene so vielfach und bitter angefeindet und er konnte ungeahndet von 25 Wucherern sprechen. Als ich aber in seine Gemeinde kam und erfuhr, daß auch jener nicht leer ausging, fielen mir jene Worte Straußens ein und ich sagte: „Kol jisroel eine Stadt!" Doch wir befinden uns bereits in Deggingen und wenn mans noch nicht wüßte, würde es uns eine Tafel der h. Lade in der Synagoge sagen, auf welcher mit großen Buchstaben nbnp und zur Kunde für Nichtisraeliten auch in latei. nischer Schrift „Cultusgemeinde Deggingen" zu lesen ist. Sehen wir uns ein Bischen um. Großer Raum, aber wever Sauberkeit, noch weniger Eleganz. Stände im Viereck, aber über der Thür ein neu angebrachter Chorplatz, zu dem man vom Schulzimmer aus gelangt. Die Leistungen des Chors können nicht groß sein, da der ihn leitende Lehrer wohl eine schöne, reine Stimme hat, aber nicht musikalisch gebildet ist. Mit der Ordnung und der Würde beim Gottesdienst geht eS durch die Schuld des Vorstehers, der sich dazu durch folgenden Vorfall, welcher zugleich die Stellung unsrer Vorsteher bezeich. net, gerechtfertigt glaubt, bedeutend rückwärts. Bei einer Gemeindeversammlung von einem Gemcindeglied gröblich beleidigt, wurde der Beleidiger von dem zuständigen Gericht auf erhobne Beschwerde zu einer Arreststrafe von 24 Stunden verurtheilt. Damit nicht befriedigt, erhob der Vorsteher Appellation bei der k. Regierung und siehe da! Der Beklagte wurde völlig sreigesprochen, weil ein jüdischer Vorsteher keine amtliche Person sei, und es diesem blos zukomme, eine Privatklage zu führen. Dies Erkenntnis wurde auch auf fernern Rekurs von der allerhöchsten Stelle bestätigt. Das muß nun der Cultus büßen. — Wenden wir uns davon weg und geßen in die Schule. Sie ist eine vereinigte Elementarnnv Neligionsfchule und wird von 46 Kindern besucht, b werd-. n durch einen Privatlehrer Hr. Schönmann unterrichtet. (Fortsetzung folgt.)