Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 30 (25.7.1847)
- Date
- 1847-07-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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234 Punkt aufstellcn, aus welchem die fortwährende Geltung der Speisegesetzc von Levitikns 11 höchst problematisch erscheint. Dieser Gesichtspunkt ist nun folgender: Der Talmud hat die Bibel nicht verstanden. Dem Talmud ist nämlich blos das Essen von den unreinen Tbieren eine Sünde; das durch Bcrübrung des Aases derselben Verunreinigt werden als solches aber noch nicht Sünde. Der Verunreinigte sündigt erst, wenn er in diesem Zustande das Heiligthnm betritt oder dgl. thut. Dadurch bekommt das Verbot des Essens von diesen Thieren eine selbstständige Stellung. Dieses ist aber nach Einhorn ein arges Mißverständlich. Nach ihm verbietet die Schrift das Verunrcinigtwerden als solches. Der Unreine, auch wenn er das Heiligtbum nicht betritt, bat schon eine Sünde begangen und bedarf der Sühne. Das Essen dieser unreinen Tbicre ist daher als eine noch innigere Berührung mit dem Unreinen, als noch mehr verunreinigend verboten. Das ganze Verbot besteht also in dem, sich nicht zu verunreinigen; denn sich verunreinigen als solches ist schon Sünde. Nun aber, schließt Einborn weiter, haben alle biblische Reinigkeitsgcsctze für uns aufgehört; folglich haben diese Speisevcrbote ebenfalls aufgchört. Dieses der neue Gesichtspunkt, den Einhorn aufstellt. Man braucht ihn meines Erachtens nur binzuftellen, um dessen iintern Widerspruch einzusehen. Die Rabbinen, denen das sick Verunreinigen nicht ein selbstständiges Verbot ist, sondern die nur verbieten. und diese ihre innere Wahrheit auch eingesehcn wird, sondern, weil sie einmal in der Bibel stehen, heilig sein sollen; soll die Majorität sich niemals fragen, warum Gott dieses oder jenes Gebot gegeben und so mit der Erreichung des beabsichtigten Zweckes oder mit dem Aufhören der dasselbe veranlassenden Uriache das Gebot als erloschen begreifen; soll ihr vielmehr-auch, wie das Einhorn hier thut, auf ercgetifchcm Wege bewiesen werden, daß der Talmud und alle Rabbinen bis auf Einhorn das Gebot der Bibel falsch ausgelegt, den Wortsinn der Bibel nicht verstanden: so kann auf diesem Wege, vorausgesetzt, die Majorität hat in die neue Exegese mehr Vertrauen als in die alte, wohl dieses oder jenes Gebot abgeschafft werden; eine Reform kann ich das aber nicht nennen; denn da, wo die alte Exegese richtig ist, wo das Gebot in seinem Wortssnn bisher wirklich verstanden worden, da muß es fortgeiibt werden, mag es uns erheben oder kalt lassen, unserm religiösen Gemüthe ewig äußerlich und fremd bleiben, oder nicht: es stehet so geschrieben; gehet hin und thut es, ist hier die einzige Maxime. Doch dieses .iläufig. daß der Unreine das Heiligthmn betrete, Opferfleisch esse und dgl. sind vollkommen konsequent, wenn sie die Pflicht, sich zu reinigen, seitdem es keinen Tempel mehr giebt, als aufgehoben anseben. Wir sind unrein, sagen sie, aber das ist keine Sünde; wir dürfen den Tempel allerdings nicht betreten, aber cs eristirt ja kein Tempel, wir kommen also durch unser Unreinsein gar nicht in t>ie Verlegenheit, eine Sünde zu begehen. Das bestreitet nun Einhorn. Sich verunreinigen ist als solches ohne Rücksicht auf den Tempel verboten. Von jenen Thieren durfte der Jude nicht essen, aus keinem andern Grunde, als weil er sich durch deren Genuß verunreinigt. Er durfte aber auch dann von denselben nicht essen, wenn er das Heiligthnm auch nicht betreten wollte, denn der Israelit darf sich überhaupt nicht verunreinigen. Statt nun konsequent zu sein und zu sagen: da das Verbot, sich zu verunreinigen, sclbststängig gilt und gar nicht mit dem Heiligthnm in Verbindung stehet, so gilt es auch heute noch, gehet er mit arger Inkonsequenz bei den Rabbinen betteln. Die Unreinigkeilsgesetze haben einmal seit der Zerstörung des Tempels aufgehört, warum? das mögen die Rabbinen vertreten. Ihre Autorität, die mir ans der einen Seite nicht genügt, genügt mir hier vollkommen und somit sind die Speisegesetze für uns nicht mehr gültig. Wir haben an diesem Beispiele nur zeigen wollen, wohin es führt, wenn man bei der Reform den philosophischen Gedanken geringschätzt, und ohne diesen rcformiren will. Die Reform wird da von ihrem Boden, dem wirklichen religiösen Leben, abgelöst und in die düstere Schulstube, wo man mit dem Talmud nm die Eregese dieses oder jenes Schriftbuchstabens rechter, versetzt, und da kann sie wahrlich nicht gedeihen. Wir brauchen daher auch Einhorn ins Einzelne seiner Beweise nicht zu folgen. Nur noch an einem Beispiel wollen wir Nachweisen, wie auch die Beweise bei einer solchen Methode immer nur auf ein Betteln bei dem Talmud hinanskommen. Einhorns Auffassung stehet nämlich eine klare Schriftstelle gegenüber. Levikikus 17, 15. 16. heißt cs ausdrücklich: „Jede Seele, welche Gefallenes oder Zerrissenes ißt, sei es Eingesessener oder; Fremdling, so soll er seine Kleider waschen und sich j baden int Wasser und unrein sein bis zum Abend und j rein sein. Wenn er aber sie nicht wascht und sein > Fleisch nicht badet, so wird er seine Sünde tragen."