Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1847)
- Date
- 1847-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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SS« in zwei- bis dreistündigen Vorträgen seiner nach dem Gotteswort dürstenden Zuhörerschaft, und die horcht aus die verworrene und schwülstige Redeweise des Meisters, und „eS wird ihr von alledem so dumm, als ging ihr ein Mühlrad im Kopf herum." In einem andern Bethause, dem sogenannten Brüder- Verein, herrscht zwar der beste Wille und die lobenswertheste Sehnsucht nach einer anständigen zeitgemäßen Form des Gottesdienstes, aber Predigt, Chor und Orgel gehören nur noch zu den frommen Wünschen; jedes Unternehmen zur Realisirung dieser Wünsche scheitert an den mannigfachen Hindernissen, die von Seiten der gottesfürchtigcn Jünger des Hrn. Egcr in den Weg gelegt werden, mehr aber noch an der unreifen schwachen Gesinnung des größten Thcils der Mitglieder dieses Vereins. So lange man nicht sich männlich errafft, so lange man nicht den Muth hat, einer Ueberzeugung über die Bedenken der Vettern und Lasen den Sieg zu erringen, so lange wird man aus dem Zustand der Halbheit nicht hcrauskommcn. Versucht nur einmal, Ihr Bessergcsinntcn, fasset einen ernsten und festen Entschluß, und all die uniibersteigbaren Hindernisse werden sich selber aus dem Wege räumen. Daß man nicht den Muth hat, etwas ganz zu sein, daß man immer noch die Gewohnheit höher achtet, als die lauten Forderungen der Vernunft, ist schuld, daß viele gutes'. Keime nicht aufkommen können. Vor langer Zeit war man hier, wie in unserer ganzen Provinz eifrig bemüht einen solchen guten Keim auszustrcucn, der gewiß zur berrlichcn Frucht hätte heranreifcn können: man beabsichtigte een viel und leidenschaftlich genug besprochenen Colonisarion s - Verein zu gründen. Viele achtungswcrthe Männer und Gemcinoevorstände hatten die edelsten und uneigennützigsten Absichten, als sie unverdrossen Geld und Zeit diesem Projekte opferten, welches nun vereitelt ist. Als es blos galt, öffentlich genannt, oder auch gelobt zu werten, war Herr Cger sehr thäi'g, war Vorsitzender des Comitös, im eigentlichen Sinne des Wortes, indem er eben blos vorsaß, sonst aber nichts sprach ond nickrs that. Es war ein bedeutungsvolles Schweigen. — :ct v Egcr Härte sichs gefallen lasten, wenn die Juten von allen '.-inren der Provinz zmammengekommen wären, und etwa in l er Nabe Polens stch ihm eine Filialgemeinde gebildet hätte, e ren religiöse Angelegenheiten er als Oberrabbiner, für ein an« Sandiges Honorar natürlich, ges..iet hätte. Welch ein neues Feld der Wirksamkeit öffnete stch da dem Herrn Egcr! Die ruuge jüdische Colonie mußte ja mit Schochtim, Chasanim, Bal Tekcahs, Mikwcß, Schabbesgojes und Schulkloppers versehen werdrn, welche Mobilien alle Herr Eger zu beschaffen unternahm. Ale nun aber einige vernünftige Mitglieder des Comitvs unumwunden auseinander setzten, daß dieser Verein nimmer gedeihlich sich entwickeln werde, wenn man seine Glieder nicht von den tausend und aber tausend Hindernissen, die im Namen der Religion ihnen aufgebürdet werden, befreien würde, wenn man ihnen nicht gestatten würde selber auch an Sabbath und Festtagen ihre Feld- und häusliche - Arbeit , ohne Beihülfe der Schabbesgoje zu verrichten, da erwachte das rabbinischc Selbstbcwußtsein des Herrn Cger und sprach sein gewichtiges : quod uon. — Man ließ nun Gerüchte ausstreuen, daß der Verein nichts weniger im Sinne hätte, als die Religion zu stürzen, daß jeder fromme gläubige Jude sich davon zurückziehen müsse, und wirklich gelang es den Herren, die Hunderte von Familien, die eben auf dem besten Wege waren, ihr und ihrer Kinder Wohl zu begründen, wieder an den Schacher und den Trödel zu fesseln. Der Eindruck, den dieser offen zur Schau getragene Jesuitismus auf alle Wohlgesinnten macht, ist ein unbeschreiblicher. Man muß den hcrabgekommcnen und tief gesunkenen Zustand der meisten Juden der Provinz Posen kennen, um die ganze Bedeutung dieses in Rede stehenden Colonisationsprojekts zu ermessen. Versunken im tiefsten Schlamm des Wuchers und betrüglichen Schachers, aller höhern Menschenwürde baar, stündlich bereit für einen noch so geringen Gewinn von dem schlechtesten Edelmann sich wie ein Hund traktiren zu lassen sieht er da eine Schmach seines Volkes, und unsere frommen Rabbiner möchten ihn noch als Muster zur Nachahmung empfehlen. Wen» dann unsere politischen Zeitungen manchmal solche Charakterzeichnungen einzelner Juden enthalten, deren schändliches Treiben einmal enihüllt worden, wenn in solchen Zeitungen von der Schlechtigkeit Einzelner auf die Gesammtheit geschlossen wird; dann müssen wir uns schweigend die Verachtung gefallen lassen, denn wir müssen uns mit Schaudern eingcstehen, daß die ausgesprochenen Beschuldigungen nicht zu leugnen, daß sic Thatsachen sind. Nun sollte durch den erwähnten Colonisations - Verein — das war die freudige Hoffnung aller Gutgesinnten — auf deu sittlichen Zustand unsrer unglücklichen Glaubensgenossen cingewirkt werden und, wir leugnen es nicht, daß uns das auch ein geeignetes Mittel schien die Herrschaft des todtcn Ceremonienwcscns zu brechen — da scheiterte all unser Bemühen an der klugen Berechnung unseres Rabbiners und seiner frommen Sippschaft, die freilich zu fürchten haben, daß mit der Aufklärung des Volkes ihre winzige Existenz zu Grunde geht. Nun Gott lohne ihnen das fromme Werk: — Zum Schluß noch folgende ergötzliche Geschichte, in der sich die anbetungswürdige Heiligkeit unseres geborenen Oberrabbiners deutlich