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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-07-11 · Heft 28 (11.7.1847) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 28 (11.7.1847)
Date
1847-07-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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310 am Sabbath nöthig machten, so nicht die Staatsmaschine in heillose Verwirrung gerathen soll, und auch schon in dem alten jüdischen Staate mag es deren gegeben haben. Sowenig nun es Ihnen oder mir einfallen könnte, jene Einzelne für^ Sabbathschänder zu halten, sowenig ein christlicher Postillion seinen Ruhetag entweihet, wenn er am Sonntage die Fremden weitcrbefördert, ebensowenig thäte dies in meinen Augen oder in seinen eigenen der jüdische Beamte, der in unseren Staaten am Sonnabend schreibt und arbeitet. Eine andere Frage ist, auf welche Weise solche Beamten, jüdische und nichtjüdische, die Toppelsegnung des Sabbaths, der Ruhe und der gottesdienstlichen Erhebung sich anderweitig verschaffen; das ist aber ihre individuelle Sorge, wir können ihnen höchstens Rathschläge dafür ertheilen. Ich halte die dritte R.-V. nicht mit Ihnen für verfehlt und verunglückt, ich halte sie für die erfolgreichste von den dreien, 'sie hat uns hundert Ultrkis entfremdet, hat aber den erstarrten Strom der H a l a ch a zum ersten Male wieder flüssig gemacht; ich wünsche noch fünf ähnliche, und Israel bat das Recht wieder erobert, selbstständig in dem Gotteswort zu forschen. Bibel und Geschichte coordinire ich nicht als gleichberechtigt in Collisionsfällen, wie Sie von mir anssagen, und noch weniger steht die Geschichte höher als die Bibel, wie Sie behaupten, beide sind von Gott, beide, wenn richtig gedeutet, können sich gar niemals widersprechen. Wo aber findet fich diese richtige Deutung? ich glaube, in einer vorurtheils- und voraussetzungslosen Vergleichung von beiden. Geschichte des Tages.*) Mittheilungen aus dem Großherzogthum Posen, n. *) In meinen ersten Mittheilungen habe ich es versucht, ein übersichtliches Bild unserer religiösen Zustände im Allgemeinen zu geben, ob es mir nun gelingen wird eine richtige Anschauung derselben im Speciellen zu verschaffen, ist freilich sehr zweifelhaft. Wo die Zustände noch keine bestimmte Ausprägung gewonnen, wo sie noch keine wahrhaft markirte Physiognomie angenommeu, läßt sich kein bestimmtes Urtheil über sie fällen; eine Ueberzeugung, die man heute gewonnen zu haben glaubt, macht der morgende Tag schon zu Schanden und so kommt es, daß von den Zuständen unserer Provinz die verschiedenartigsten einander widersprechendsten Gerüchte curfiren. Bildet ja jede unserer Gemeinden selber ein so zweifelhaftes zerronnenes Bild dar, daß eS kaum gelingen möchte, sie in irgend einer festen Situation zu firiren und treu wieder zu geben! Wir wollen einmal mit unserer größten und ersten Gemeinde, mit Posen beginnen. Wenn man an einem Sabbath hier die Runde machen, die verschiedenen Synagogen und Bethäuser besuchen, hie und da bei einzelnen privaten Familien einkehrcn wollte, würde man sich unwillkührlich zu dem Ausrufe gedrängt fühlen: wie wunderlich find doch deine Wohnungen, o Zakob! Hier sitzt der Eine gebeugt und zusammengedrückt, ein Ueberrest von früherer Zeit, und ist die „Zedre mawer"; dort steht eine wunderliche Gruppe, schreit und lärmt, kämpft mit Händen und Füßen und ist „mefalpel;" hier ist ein modern auSstaffirter junger Mann, der im Schweiße feines Angesichts daheim über Heyse's kleine Gramatik sitzt, und hält in dem allerliebsten Pusenschen Dialekt, vor einem erstaunten Mädchenkreise, Deklamationen aus Kabale und Liebe und dem ewigen Juden. In der großen Gcmeindesynagoge, an deren Wänden noch der Staub von Jahrhunderten klebt, und deren Inneres eher das Bild sie venia verdo eines Karneval-Markts, als eines Gotteshauses darstellt, domknirt der geborene Oberrabbiner, Herr Salomon Eg er, dessen einziges Verdienst es ist: seines Vaters Sohn zu sein, und hält seine wunderbaren Dcraschath, die da sind ein Labsal für die lechzenden Gemüther, wie die Quell des frischen Wassers. Der Bet Hamidrasch, wohin ein Häustein Frommer fich geflüchtet, die den Gott ihrer Vater allsabbathlich mit einem Predigt-Ungeheuer traktiren lassen, steht der kabbalabegeisterte Pleßner und hält vor den Angen seiner gaffenden und horchenden Zuhörer, wie weiland der Prophet des Morgenlandes, seine epidemischen Verzückungen. Himmel, welch ein Mann ist das! Mitten in dem geschäftigen Treiben der Gegenwart, mitten in den unauflösbaren Fragen und Kämpfen unserer politischen Existenz, mitten in den Strömungen eines wildbewegten Lebens, steht der Mann, wie ein versteinertes Monument aus der alten Zeit, de« Blick nach dem Himmel gekehrt, abgeschälr von jedem Hoffen und Streben, einzig und allein von der Er innerung lebend! Der Sohar, dieses heilige Palladium aller Hirnverbrannten, ist sein Glück, sein Unglück, sein Vaterland und seine Welt. Von dieser Welt erzählt er den allsabbathlich *) Die ersten Mittheilungen find in Nr. 19 abgerruckt.

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