Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1847)
- Date
- 1847-07-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567126--2721-2570672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SIS werde. Im heutigen Europa gelten vielfach Diplomaten für Politiker, ja, mehr als diese, und so müssen wir vermuthen, daß Herr von Müller im Staatsdienste bereits verwendet ist, *) oder es jedenfalls eher werden dürste, als Herr von Wydenbrugk, der uns eine unabhängige Stellung einzunehmen und behaupten zu wollen, weder einer Regierungsnoch einer Oppositionspartei anzugehören scheint. Wir fügen, um nicht mißverstanden zu werden, hinzu, daß uns Herr von Müller in Gesinnung und Einsicht höchst achtungswerth erschienen ist, zu dessen Anstellung wir dem Großherzogthume nur Glück wünschen könnten. Wiewohl wir in den Abgeordneten, Herr Rebling und Herr Gerlach, schlichte Bürger vermuthen, so dürften unserer Ueberzeugung nach nichts destoweniger deren einfache Aeußerungen dem königl. preußischen Herrn Minister Eichhorn, dessen Vortrag in der Sitzung der Curie der drei Stände zu Berlin vom 19. ds. voller Staatsweisheit und christlicher Liebe war, zu denken geben. Herr Gerlach stimmte für die Emancipation der Juden, weil, „wenn ein Glied am Körper krank sei, der ganze Körper darunter leide," und Herr Rebling drückte sich dahin aus: „Wir, als Christen, wir, Kinder des 19. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der religiösen, politischen, geistigen Freiheit, wir, sage ich, müssen im Gegentheil gut machen, was wir in der Vergangenheit und Gegenwart verschuldet; emporheben, zu uns Heraufziehen müssen wir dieses seit zwei Jahrtausenden gequälte, verfolgte, gemißhandelte Volk! Rur «er Liebe säet, wird Liebe ernten; und in der Erniedrigung verkümmert jegliche Tugend." Die Reformgenossenschaft; das neue Iudengesetz. (Berlin, im Juni. — Schluß.) — Doch es ist bekannt, die Götter, welche die Geschicke der Menschen auf Erden leiten und regieren, find scheelfüchtig und neidisch, darum sorgen sie mit schadenfroher Geschäftigkeit, daß keine wahre Freude lange ungetrübt bleibe. Und so sollten auch wir denn kurz nach jener schönen Stunde einen gar herben Schmerz erfahren. Seit 35 entwickelungsreichen Jahren hoffte nämlich die preußische Juvenheit mit Sehnsucht auf ihre politisch-bürgerliche Befteiung und Erlösung. Wir glaubten um so eher Grund zur Hoffnung zu haben, als wir den Geist der Neuzeit in unserm Vaterlande sich immer weiter verbreiteil und immer tiefere Wurzel fassen sahen; als im Jahre 1845 *) Derselbe ist schon feit langer Zeit Geheimrath und Canzler der Landesregierung zu Weimar. Die Red. fünf Provinzial-Landtage auf völlige Emancipation der Juden an. getragen hatten, als 1846 die Gleichstellung der Juden in Baven durchgegangen war, als fast die gelammte deutsche und besonders preußische Presse ihr fortwährend das Wort geredet, als sich auch die Stimme des Volkes wiederholentlich laut und entschieden dafür ausgesprochen hatte. Wir wußten ferner, daß die Regierung in der löblichen Absicht eine befriedigende Lösung der Judenfrage herbeizuführen, seit 1844 angesehene, das Vertrauen ihrer jüdischen Glaubensgenossen besitzende Männer häufig zur Berathung zog, endlich war dem Ministerium so gut wie uns bekannt, daß von Berlin und Stettin wie noch von fünf andern nicht unbedeutenden Communen Petitionen ans völlige Gleichstellung der Juden mit ihren christlichen Mitbürgern an den vereinigten Landtag vorbereitet wurden. Um so mehr mußten wir uns überrascht fühlen, als uns die königliche Proposition an die Stände, betitelt: „Entwurf einer Verordnung, die Verhältnisse der Juden betreffend" zu Gesichte kam. Schrecken, ja im buchstäblichen Sinne deS Wortes, Schrecken ergriff alle Gemüther; es war uns zu Muthe, wie Jemanden, der einen theuern lang entbehrten vergeblich gesuchten Freund endlich gefunden zu haben glaubt und nun eintretend nur seine Leiche findet, die ihm hohläugig entgegenstarrt. Also das ist die Frucht der großen allseitig gepriesenen Fortschritte, die Preußen seit vier Jahrzehnten gemacht hat? Das war es, worauf wir so lange gehofft, wonach wir so heiße Sehnsucht getragen, wonach wir ein Menfchenalter geschmachtet haben? Wahrlich, wenn uns offizielle Organe oft von einer „schlechten Presse" sprachen, die sie wohl auch zuweilen die Judenpreffe nannten, ohne daß wir recht wußten, was damit eigentlich gesagt fei, so wurde unS jetzt erst der Sinn dieser Worte wirklich klar; denn offenbar muß die. ser Gesetzentwurf auch den Kurzsichtigsten von der Eristenz einer Judenpreffe, eines eignen in Preußen bestehende» Juden - Drucks, überzeugen. Dem ersten Schrecken folgte schnell allgemeine Betrübniß: denn Jeder sah ein, daß, wenn dieser Entwurf als Ge. setz ins Leben treten sollte, die Errungenschaft eines halben Jahr- Hunderts in ihrer Blüthe geknickt wäre. Aber grade darum durfte man sich nicht lange einem ohnmächtigen Schmerze hingeben, durfte man nicht unthätig der kommenden Dinge harren, es galt viel, mehr schnell und nach Kräften zu handeln und zu wirken. Und da zeigte es sich denn, daß das uralte Wort üb ’D wahr ist, daß Israel nichts von seiner früher» Geltung verloren gehabt, es zeigte sich, daß wir noch Männer besitzen, die für das Wohl ihrer Glaubensgenossen kein Opfer scheuen, und denen es eben so wenig an kräftsgem energischem Wollen als an Verstand und Einsicht dazu fehlt. Daß aber diese Wirksamkeit wrnigstens nicht ganz vergeblich sein werde, dieser Hoffnung können wir uns