Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1847)
- Date
- 1847-07-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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S14 der Kunst und Wissenschaft, der Aufklärung und Humanität ein Tempel errichtet worden; daß dieser so schnell in Trümmer gefallen, das istS, was unS betrübt. Nicht Göthes HauS, nicht Herders Standbild, nicht Schillers, nicht Wielands Grabstätte vermögen ihn zu stützen; er stand auf geistigem Grunde und konnte nur auf diesem erhalten werden. Alles Irdische zerfällt und zerstäubt, zunächst war nicht die Natur, nur der Zufall zusammengefügt; und «aS anders war die Neigung, Munificenz und Liebenswürdigkeit jenes fürstlichen Paares, welches diese Männer zu finden und zu fesseln gewußt, was anders daß fie Zeitgenossen gewesen? Versuche es heute ein deutscher Fürst einen solchen Kreis um fich zu sammeln; das Beste, was Berlin noch aufweisen kann, Humboldt, Schelling undTieck, gehört jener Zeit an, und selbst Rückert zu den Epigonen. Jene Dichter und Weisen ließen den Herren Riemer und Eckermanu die Stoppellese, und diese Hrn. Henß das Einbinden übrig; das Fatum waltet zuweilen mit Ironie. Franklin war Buchdrucker, und dem Gewerbe nach Hrn. Henß nahe verwandt. Nichts desto weniger konnte man von ihm sagen: er!- puit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis, und hätte das Weimar unserer Zugend keinen würdigeren Repräsentanten finden können als ihn. Ob Hr. Henß das Weimar von heute entsprechend vertritt, können wir dahin gestellt lassen, müssen aber bekennen, daß es solchenfalls unserer Ueberzeugung nach von der Stadt Eisenach weit überflügelt ist. Für die vielen unin tereffanteu Bekanntschaften, welche uns diese Verhandlungenmachen lassen, fühlen wir uns durch die des Deputaten dieser Stadt, Hr. von Wpdenbrugk, reichlich entschädigt, der uns nur bedauern lassen, daß ihm kein größerer Wirkungskreis angewiesen ist. Die Lösung der Zudenfrage, so leicht im Bienenstaate des Hrn. Prof. Kiefer, ist in einem deutschen Bundesstaate, einem kleineren zumal, eine schwierige staatsmännische Aufgabe. Gegenseittges Mißverständniß, Gewalt und Unrecht von der einen, Eigenfinn und Dünkel von der andern, blinden Glaubenseifer von beider Seite, haben den Knoten geschürzt, und Zustände herb eigeführt, deren Entstehen allseits verschuldet, deren Verderblichkeit allseits anerkannt, und deren Aufhören allseits gewünscht wird; über das Wie? und Wann? aber will die Verständigung nicht gelingen. Aeltere Zustände haben nicht blos eine Wechselwirkung, sondern, wenn wir uns so ausdrükken dürfen, auch eine Wechselursache. Die heutigen Griechen find nicht weniger Christen als die Deutschen, ihre Abstammung ist keine schlechtere, und dennoch will behauptet werden, daß im Handel es ein Grieche mit sieben Juden aufnimmt. Gewiß, weder das Christennoch das Judenthum tragen die Schuld, wo deren Bekenner nichts taugen, fie ist vielmehr in andern, theils welthistorischen thetls localen Umständen zu suchen, der Glaube aber ist selbst nur ein solcher Umstand; solch ältere Zustände haben sämmtlich ihre natürlichen Gründe, oder find, aus einem andern Gesichtspunkte betrachtet, überirdischen Ursprungs, res divinae humanaeque. Uebelstände müssen, wenn erkannt, gründlich beseitigt werden. Spanien und Portugal, welche im Mittelalter die Juden ausgetrieben, Frankreich und Holland, welche fie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu Bürgern gemacht, haben je nach dem Erkenntnisse und Geiste der Zeiten richtigere Wege eingefchlagen als die königl. preußische Regierung, welche im Lichte unserer Tage das Gespenst einer Juden- Stättigkeit zur Erscheinung zu bringen keinen Anstand nahm. Um auf unsere Verhandlungen zurückzukommen, war der von Hrn. vr. von Müller vorgefchlagene und vom Hrn. Minister von Gersdorf gutgeheißene Ausweg, zu beantragen, daß die Regierung „einen Gesetz-Entwurf vorlegen möge, durch welchen eine stufenweise Emancipation der Juden angebahnt werde", ein wohlgemeinter und zugleich diplomatischer; wohlgemeint, da der Erfolg gelehrt, daß nicht einmal dieses wenige durchzusetzen, und diplomatisch, weil dadurch nichts gewährt und der Schein gerettet gewesen. Freilich hätte seine Motivirung: „eS genügt nicht, wenn wir sagen: fie (die Juden) find zu dieser oder jener Stellung im bürgerlichen Leben noch nicht reif; wir müssen ihnen die Bahnen öffnen, um dazu reif zu werden, fie würden außerdem nie reif dazu werden," zu dem Anträge, nicht auf deren stufenweise, sondern auf deren alsbaldige vollständige Emancipation führen müssen, worüber wir uns begnügen, folgende Stelle aus der Brochüre von Gervinus: die preußische Verfassung, anzuführen: „Man kann nicht schwimmen lernen ohne fich dem Wasser zu vertrauen; man kann auch nicht zur politischen Freiheit reifen, ohne in ihr Element versetzt zu sein. Auch die Leibeigenschaft sollte einst mit diesem Vorwand aufrecht erhalten werden, der Bauer sei nicht reif dafür. Die Reife kam mit der Freiheit; der Moment der Entfesselung aber ists, den die Völker segnen." Es ist nichts destoweniger Pflicht bei der vielfachen Aeußerung so liebloser, um nicht zu sagen, feindseliger Gesinnung, die bessere Absicht und würdigere Auffassung der Regierung anzuerkennen. Staatsmännifch im wahren Sinne aber, würdiger des freien Standpunttes, welchen der Volksvertreter immer einnehmen sollte, und wir müssen hinzufügen, häufig allein einnehmen kann, sprach fich nur Hr. von Wpdenbrugk aus, dessen Rede Sie abdrucken lassen sollten, um so weit an Ihnen, beizutragen, daß dieser treffliche Mann auch in andern deutschen Gauen bekannt und gewürdigt