Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1847)
- Date
- 1847-06-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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307 vern abgesehen, Christen Jüdinnen unv Christinnen Inden denn auch schon heirathen wollen? das müsse zuerst feststehen, ehe von daher gegen die Juden ein Argument genommen werden dürste. Hätte Hr. Sie inbcrger überhaupt genauer nach den Verhält, nissen auch in den andern Staaten geforscht, er würde nicht die Behauptung gewagt haben: „in allen denjenigen Ländern, in welchen man den Versuch, die Juden zu emanzipiren, gemacht hat, find die edlen Abfichten der Regierungen nicht erreicht worden," da wir doch aus unverwerflichen Zeugnissen erfahren haben, daß diese Letzten, namentlich die französische, holländische, englische und belgische Negierung der entgegengesetzten Ansicht sind. — Herr Schindler räth den Juden gewissermaßen an, es beim Alten zu lassen, sie „würden als Bäcker, Fleischer und Gastwirthe (ihnen dort untersagte Gewerbe) keine guten Geschäfte machen können, weil sic sich durch die ihnen besonders eigene Gewinnsucht allgemeines Mißtrauen zu^ezogen haben; denn im Handel pflegen sie gewöhnlich noch einWtl so viel für ihre Waare^n fordern, als^ie werth ist und von ihnen abgelassen wird, daher es denn auch zum Sprichwort geworden ist: „die Hälfte bieten wir einem Juden." Dieses politische und legislatorische Bewußtsein findet sich noch überboten bei Hrn. Hagenbruch, der sich auf die einfache Frage beschränkt, „ob der Eifer der HH. Deputirten des Eisenacher Kreises für die Juden aus dem Interesse für dieselben, oder aus dem Wunsche, sie in ihrem Lande los zu werden, entspringe? Herr Br et sch meint, es thue fast noth, „die christlichen Mitbürger von den nachtheiligen Einflüssen ihrer jüdischen Gläubiger zu emanzipiren." Er weiß überhaupt nicht, „inwiefern ihre Lage, den Verhältnissen der Christen gegenüber, nicht eine weit vorzüglichere sein sollte. Unsere Juden sind, so weit sie es, vermöge ihrer persönlichen Gediegenheit nur immer verdienen können, geachtet, viele hoch angesehen. Reichthum, mindestens Wohlhabenheit, ist im Gefolge des Judcnthums." Wir haben aus dem Protokolle der 42. Sitzung Ihres diesjährigen Landtags ersehen, daß man dort damit umgeht, für die Haupt-Landschastskasse bei einem auswärtigen Banquierhause ein Anlehen von 400,000 Thalern zu negotiren, und begreifen also nicht, warum man sich nicht deshalb an einen der vielen reichen jüdischen Banquiers zu Aschenhausen, Geisa, Lengsfeld, Gehaus und Völkershausen gewendet. Nach dem Freiherrn von S oyneburg-Lengsfeld „datirt sich das Unglück Polens von dem Zeitpunkte, wo einer seiner Könige, Kasimir der Große, durch seine jüdische Concubine, welche die Rolle der Königin spielte, die großen Vergünstigungen ihres Volkes herbeiführte." Es giebt freilich Leute, die da glauben, Polen habe sein Unglück dem Adel zu verdanken, und andre, die wähnen, die Favoritinnen, welche die Rolle von Königinnen gespielt, seien zum großen Tbcile nicht einmal bürgerlicher, geschweige jüdischer Abkunft gewesen, die d'Esträes, die De la Balliere, die Montespan, die Pompadour, die Königsmark rc. — Bei den Herren Martini und Lairitz haben wir neben nicht freundlicher Gesinnung gegen Juden wissen, schaftliche Bildung gefunden; ersterer steht mehr auf dem Henßschen, letzterer mehr aus dem Kieser'schen Standpunkte. Andere Abstimmungen in gleichem Sinne übergehen wir als bedeutungslos und gedenken in unserem Nächsten mit den Mittheilungen über diese Verhandlungen zum Schluffe zu kommen. Die Reformgenofsenschaft; das ueue Iudengesetz. (Berlin, im Juni.) — Die Reflerion ist die Nachzüglerin des Lebens. Erst wenn die Wirklichkeit mit ihrem ganzen Gefolge ihrer Freuden und Leiden, ihrer heitern und trüben Tage uns in gewisse Ferne gerückt ist, erst dann vermag der denkende Geist aus seiner Entäußerung zu sich selbst zu kommen und sich zu sammeln, erii rann vermag er den in bunter Mannigfaltigkeit sich kreuzenden Erscheinungen der Gegenwart den Stempel des Gedankens unv der Geschichte aufzudrücken. Inter arma silent musne, mit diesem Spruch wünschte ich, ohne Anmaßung, mein langes Stillschweigen entschuldigt zu haben. Gestatten Sie mir nun, um den Faden meiner Correspondenzen wieder vollstänvig aufzunehmen, einen etwas weitern Rückblick in die jüngste Vergangenheit. Schon war die Natur aus ihrem dumpfen Winterschlafe zu neuem frischen Leben erwacht, schon hatte der Frühling auf grünen Teppichen wandelnd durch Ehrenpforten von Knospen und Blüthen seinen triumphirenden Einzug bei uns gehalten, als sich in dem früher w fruchtbaren Weinberge der Reformgenossenschan noch immer nichts regen wollte; die heitere nülrerwärmende Sonne hatte in demselben nur spärliche Wirkung gethan und überall waren noch die Spuren des reichen Herbstes unv der vergangenen kühlen Tage sichtbar. Werden da Stämme, die, einst voll Saft unv Kraft, jetzt noch so laublos und vertrocknet vastehen, wirklich gänzlich verdorren und absterben oder werden sie frische Triebe ansetzen unv zu neuern schönern Früchten ausschlagen? Und ich dachte bei mir: winve immerhin deine Kränze, wenn auch nicht dem jugendlichen Leben, so doch dem ehrwürdigen Grabe großer Hoffnungen, wenn nicht dem siegreich heimkehrenden, so doch dem rühmlich gefallenen Helden. Doch dieser leidige Trost sollte sich schnell als voreilig und überflüssig erweisen. Denn bald ward es Aller Augen ersichtlich, daß es blos die pflegende Hand des kunstgeübten Gärtners war, welche so manchem welken Schößling fehlte, und als er kam, sie treulich und sorgsam hegend, als er die Durstigen mit seiner Rede Thau begoß, da gewannen die schlummernden Keime ihre alte Zerrigung und Reife. Es war am Sonn-