Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1847)
- Date
- 1847-06-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567124--2700-2570649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
190 Geschichte des Tages. Stein's homiletische Erklärung. (Schwerin, 4. Juni.) — Mit großer Befriedigung habe ich in der A. Z. d. I. Nr. 22 die homiletische Erklärung des Rabbiners Stein über das vermeintliche Speiseverbot der Spannader im 1. B. M. 32, 25 — 33 gelesen. Meine Phantasie versetzte mich recht lebhaft unter seine Zuhörer in der alten Frankfurter Synagoge, bereu Räumlichkeit mir bekannt ist, unv mit offenem Gemüthe empfing ich die begeisterten Worte unseres wohlberedtcn Stein, die wie ein gewaltiger Strom die Hörer mit sich fortgeris. sen haben müssen: „Erwache Geist des Herrn in Israel! Durch, dringe die Lehrer und die zu Belehrenden, daß sie dir allein die Ehre geben! Daß wir die Lehre Gottes reinigen von den Zusätzen späterer Zeiten, damit wir nicht mehr erröthen müssen unfern Kindern gegenüber, wenn wir ihnen zeigen sollen den Weg, den sie zu gehen und das Werk, das sie zu thun haben, und nun Widerspruch auf Widerspruch sich findet zwischen der reinen Lehre unseres Gottes und den Hinzufügungcn durch Menschenhand! Auf und lasset uns nicht säumen, die Erstere von den Fesseln der Letzteren zu befreien, damit unsere heilige Religion von ihren Bekenner» geübt werde, weil sie wieder wird zu üben sein! Und Dein heiliges Wort werde wieder und bleibe beständig die Lust unv die Freude und das Glück ihrer Bekenner, nicht „bis zu diesem Tage", sondern bei allen künftig n Geschlechtern." Das sind die herrlichen Worte Steins, deren letztes ich mit einem aus tiefer Seele Hervorauellenden „Amen" begleitete. Sie sind mit solcher Uebcrzeugungstreue und überzeugender Kraft gesprochen, daß sie jedes Herz, und wäre es aus Stein, mürbe machen müßten n‘DJ «on pN DK. Wer da, als ich noch unter dem magischen Einfluß dieser Worte stand, an mich herangctreten wäre und mit hohnlächclnver Miene zu mir gesprochen hätte: Was machst ru ein so ernstes Gesicht, der Herr Rabbiner belieben ja nur zu spassen, du benimmst dich ja wie ein naiver Kleinstädter , der zum ersten Mal das Theater besucht, einen tragischen Künstler mit dem Schicksale kämpfen und unterliegen sieht, und alles Ernstes Wahrheit und Dichtung mit einander verwechselt, du wirst dich noch mit deiner Rührung lächerlich machen. Schnell die Thränen aus dem Auge, die Rührung aus dem Herzen, -!crr Stein denkt nicht daran, die Gewissen von dem Speisevcrbot der Spannader zu entbinden und dem Geiste des Herrn in Israel die Ehre zu geben und die Lehre Gottes von den Zusätzen späterer Zeiten zu reinigen. Hr. Stein ist Dichter und Alles, was du vernommen, sind poetische Ergüsse, die jüngsten Kinder seiner poctischen Laune, und ist er selbst weit davon entfernt, diese schönen mit Begeisterung gesprochenen Worte als Wahrheit, als ernstgemeinte Wahrheit zu geben. Wir Frankfurter kennen das schon aus Erfahrung. Auf mehr als eine momentane Rührung, einen poetischen Hochgenuß ist es hier nicht abgesehen. Nun wir lassen unS momentan rühren, schwelgen eine Stunde lang in poetischen Genüssen, aber dieselbe aus uns nachhaltig wirken lassen, daran dentea wir so wenig als unser Rabbiner, dazu sind wir besonders zu praktisch, zu vernünftig, und nur das Wirkliche und Vernünftige kann eine solche Wirkung bei uns hervorbringen. Wer, sage ich. in solcher Weise und aus solchem Tone zu mir gesprochen hätte, dem hätte ich mit aller Entrüstung, deren ich fähig bin, meine Verachtung zu erkennen gegeben. Was, ein erleuchteter Rabbiner in der erleuchtetsten Gemeinde Deutschlands, auf der uralten heiligen Stätte der Frankfurter Synagoge sollte es wagen, seine Gemeinde aufzufordern, dem Geiste des Herrn in Israel alle n die Ehre zu geben, die Religion Gottes von Men. schensatzung zu reinigen, sie aufzurufe», ihn in dem heiligen Werke zu unterstützen, damit Gottes Wort wieder die beständige Lust und die Freude und das Glück seiner Bekenner werde unv bleibe, und mit allem dem nur einen poetischen Scherz getrieben haben? Es sollte ihm nicht Ernst, heiliger Ernst darum ge. wesen sein, das, wozu er seine Gemeinde begeisternd ermuntert« von ihr mit gleichem Ernst unmittelbar verwirklicht zu sehen? Nein, das ist böswillige Verleumdung unseres wackern Stein, dessen halte ich keinen Geistlichen fähig. So und noch schärfer hätte ich sicherlich die Ehre Steins vertheidigt. Und doch enthalten die mensch« lichen Zusätze, die Stein selbst seiner „göttlichen Belehrung" in der A. Z. d. I. beigefügt, leider den augenscheinlichen Beweis, daß Steins homiletische Erklärung in der That nichts weiter als eine poetische Spielerei sein sollte, und wie weit er selbst davon entfernt ist. mit der Reinigung der Religion auf den Grund seiner unerschütterlichen Ueberzeugung Ernst zu machen. „Das war's", sagt er daft, „wozu die treffende Thoravorlesung mich veranlaßte. Es kann daher hier blos die Rede von einer homiletischen Erklärung sein, und da halte ich es allerdings für unrecht, die schwierigen Stellen zu umgehen, sondern meine vielmehr, daß gegenwärtig eine Zeit, wo man das Volk auch in der Predigt auf die wunden Flecke Hinweisen muß, woran die Religion kränkelt." Wird aber die Religion aus diesem kränkelnden Zustande befreit und wieder gesund werden, wenn ihre Aerzte selbst an einer un. begreiflichen Schwäche kränkeln und meinen, sic haben gethan, was ihres Amtes und Berufes ist, wenn sie dem Volke die wunden Flecke gezeigt und das Recept verschrieben haben, in dem Augenblick aber als das Volk die verordnete Arznei anwenden will, ihm hinterher zurufen: Gott behüte, es ist nur eine homiletische