Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1847)
- Date
- 1847-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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101 schen, die gewöhnlich zu ihm auf sein Zimmer kamen. Diese erblickten einst unter seinen Büchern jene Traktate, und freuten sich sehr, Mischdeutsche Schriften zu finden. Christoph ftagte sie, ob sie dieselben zu besitzen wünschten? Sie bejahten es, und nun überließ er sie ihnen, und war froh, sie auf diese Weise vom Halse zu kriegen. Nach einigen Tagen läßt ihn sein Freund Baruch zu sich kommen, und fragte ihn, was er gethan habe? Christoph sagte ihm die reine Wahrheit, und nun erzählte ihm der bekümmerte Mann, welch einen Aufstand und Aufruhr er in der Gemeinde angcrichtet habe. Doch werde die Sache wieder gütlich beigelegt werden. Den Rabbi beschreibt Zrenius folgendermaßen: Der Rabbi war ein sehr kurzer, dicker Mann, mit einem großen Zopf; an seinen Füßen trug er gewöhnlich Pantoffeln, und einen Sammetrock. Die Juden nannten ihn einen graußen Gelehrten. Er halte außer einigen deutschen Schriftstellern seinen Talmud gelesen und studirt, und mit geläufiger Zunge schwatzte er von Lessing, Herder, Schiller und andern; an gründlichen Kenntnissen fehlte cs ihm gänzlich. Er war so heilig, daß er in den Häusern, außer der Synagoge, wo er religiöse Vorträge hielt, keinem Weib erlaubte anwesend zu sein. Dieser Rabbi lebt noch in F., ist aber in den Ruhstand versetzt. Diese Art Dorfgeschichte dürste doch interessant sein, daS jüdische Leben ist wahr darin aufgcfaßt und sie giebt einen treuen Einblick in die Zustände der nicht einflußloßen Gemeinde zu F. Auf die Hypcrorthodorcn in F. wie in aller Welt lassen sich Ludwig Feuerbachs Worte anwenden: Wißt! der menschliche Geist durchläuft in seiner Entfaltung Ganz denselben Proceß, wie der organische Leib. Erst verzehrt er den Stoffheißhungrig und wandelt ihn in sich; Hat er ihn assimilirt, wirft er das Unnütze weg. So ist der Frömmler Gehalt nur ausgeschiedencr Unrath Von den Speisen, die längst hat die Geschichte verdaut. Aber wie in der Natur Schmeißfliegen verzehren den Unrath Mit Appetit und Genuß, weisen Gesetzen gemäß; Also die Menge genießt die Ercremcnte des Geistes, Um von dem lästigen Koth endlich zu säubern die Welt. Von F., wo durch die unerquicklichen Zustände ich mich beengt suhlte, machte ich mich fort zu Verwandten an den Rhein. In Mannheim wurden Umtriebe gegen die R.-V. gemacht, und besonders ein gewisser Kaufmann Carlebach zeichnete sich in fanatischer Hintertreibungswuth aus. Im Nassauer Hof, einem jüdischen Gasthause traf ich an der Tafel einige Rabbinatscanditatcn als Stammgäste, denen der Bachrimsschmutz zum Rockärmel heranssah. Einen derselben sah ich in Mannheim wie besoffen durch die Straßen rennen, ich hörte, er sei als Provisionsreisender in Carlebachs Dienste getreten. Bon diesen unerquicklichen Anschauungen habe ich mich bei Rabbiner Wagner völlig restaurirt, ich habe es nur zu bedauern, den gelehrten Herrn in kränklichen Zuständen getroffen zu haben. Man sollte fast meinen jene Promotion jüdischer Theologen die mit Wagner, Weil, Frankfurter, den beiden Auerbach u. a. m. in Heidelberg ftudirten, habe den spätern kein Wissen übrig gelassen. Wagner hat großen Einfluß auf die rationelle badische Presse und wirkt viel auf geistige und bürgerliche Emanzipation. Bei einem Verwandten in der Nähe Mannheims traf ich auf ein nicht uninteressantes Aktenstück zur Geschichte der schwunghaft betriebenen Judenbekehrung. Pfarrer Barth, bekannt als Redakteur des Missionsblatts und der Jugcndblätter, schreiet einen jüdischdeutschen Brief im Jahre 1823; er lautet wörtlich: „Eine wahre Liebe zum Volke Israel ist es, die mich veranlaßt an Sie zu schreiben und da mir Herr N. N., gegenwärtig Lehrer in Schwandorf gesagt hat, daß sie ein aufgeklärter, vernünftiger Mann seien, und er mich ermuntert hat an Sie zu schreiben, so bin ich so frei, im Vertrauen auf den Gott Jakobs, Ihnen mein Anliegen gerade heraus zu sagen. Es ist nämlich vor kurzer Zeit in der Nähe von Basel von Freunden des Volkes Israel eine Anstalt errichtet worden, in welcher arme Judenkindcr unentgeldlich aufgezogen und gebildet werden sollen. Und da wollte ich Sie fragen, ob Sie mir nicht in Ihrem Orte oder in Ihrer Umgegend solche Kinder wissen, deren Eltern sich dazu entschließen, Ihre Kinder der Anstalt ans einige Zeit der Anstalt zu überlassen. Die Bedingungen sind folgende: Mau nimmt Kinder vom ö — 12tcn Jahr an, sic werden in Haus« und Gartengeschäften unterwiesen und für ihr weiteres Fortkommen gesorgt, die Knaben läßt man lernen und die Mädchen sucht man aus gute Art unterzubringcn. Sie werden mit dem alten und neuen Testament bekannt gemacht. Können Sie etwas für die schöne Sache thun, so wird der Vater Jehova Sic dafür segnen. Die näheren Umstände können Sie immer von mir erfahren. Ich grüße Sie mit dem Gruß des Friedens. Effringen, den 21. Juni 1823. Herrn W. Oestreicher in M. Pfarramtsverwcscr M. C. G. Barth Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht wird die Absicht dieses Briefes und der Anstalt erklären und wir enthalten uns jeder Interpretation. Diese Herrn haben einsehen gelernt,