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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-05-30 · Heft 22 (30.5.1847) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 22 (30.5.1847)
Date
1847-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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175 AuS der Reisetasche eines Correspondenten. Motto: Wenn einer eine Reise thut, So kann er was erzählen. Die Pesacharbeit mit ihren Unruhen, das Gescheuer, Tünchen u. dergl. trieb mich fort und ich wollte mich lieber in einem Omnibus auf der Reise schütteln lassen, als durch das Geschüttel zu Hause derangirt sein; denn in hiesiger Gegend ist es noch im Schwange acht Tage vor Pefach auf einer Waschwanne, statt auf einem Tische, zu essen und von ordentlichen Tischgeräthen kann nicht mehr die Rede sein. In Stuttgart wurde mir wieder wohl da war doch kein Mazebacken zu sehen und auch in jütischen Häusern war der Eintritt noch gestattet. Zn jüdischen Kreisen wurde eine Predigt von Kirchenrath Maier, die er am Sabbath Wajikra über den Opfercultus hielt, besprochen; er stellte darin den unmöglich gewordenen biblischen Opfercultus dar und führte eben so begeistert als wahr einen neuen Cultus seinen Zuhörern vors Ohr und Gemüth. — Besonders aber war es die Roth, die alle Ge. müther und Zungen beschäftigte. Und daß die Zsraeliten nicht zurück bleiben, wenn es gilt, dem leidenden Bruder zu helfen ist eine alte Thatsache. Die israelitische Oberkirchenbehörde hat deß. halb auch einen Erlaß an sämmtliche Gemeinden des Landes er. gehen lassen. Diese Maaßregel soll auf den Antrag des Herrn Collegial. Assessors l)r. Weil getroffen worden fein. Von Seiten des theologischen Mitglieds der Oberkirchenbehörde des Herrn Kirchenraths vr. Maier wurden Gebete gegen die Theuerung in,- aScttr-^&na. gogen des Landes angeordnet. — Besonders, fcaä israelibbsche Waisenhaus „Wilhelmspflege" fühlt stark den Mben Mang^P» Lande und dessen Vorsteher, der unermüdete Versorge» vr. Dreifus nahm Veranlassung bei Versendung des Rechenschafts. derichtS in einem besonder» Aufrufe um milde Beiträge für die Anstalt zu bitten. — Das Gesammtvermögen des israelitischen Waisenvereins beträgt mit Einschluß der liegenden Güter 24,435 fl. Es steht zu hoffen, daß obiger Aufruf für die Anstalt gute Früchte tragen wird. Am Vorabend des Pesachfestrs traf ich in meiner Heimath zu F. einer der ältesten Zudengemeinden in Deutschland, ein. Die älteren Gemeindemitglieder sind meistens Handelsleute, die jüngeren hingegen, die das Fest nach Hause zog, meistens Künstler, Kaufleute, Handwerker u. dergl. DaS sind freilich heterogene Charaktere und Elemente; die Alten schauen sehnsüchtig auf die Vergangenheit zurück, schmälend auf den jetzigen Geist der Zeit die Zungen hangen am Leben, emanzipiren und reformiren sich selbst ohne R.-V. und hoffen alles von der Zukunft. Daß es da manchmal zu Demonstrationen zwischen den Parteien kommen muß läßt sich denken. Dazu kommt noch, daß hier ein. durch die neue Organisation „unmöglich" gewordener pensionirter greiser Rabbiner wohnt und ein wissenschaftlich gebildeter von der Behörde ins Amt gesetzter fungirt. Da ist nun ein kleines Breslau, nur daß hier die hyperorthovore Partei die Oberhand hat. — Der Rabbiner hielt am ersten Festtage eine logisch geordnete Predigt über wahre und falsche Freiheit, aber die Gemeinde hat theils die Synagoge verlassen, theils erbaute sie sich im Psalter und ans der Frauen. Halle ließ sich eine lebendige eben nicht andächtige Conversation vernehmen. Das verletzte natürlich den Prediger und er verließ die Synagoge. Da ging der Sturm erst recht los: die einen wollten das längst abgcschaffte ✓D Gebet wieder eingeführt wissen, die andern sträubte» sich dagegen, und es kam zu heftigem Wort« Wechsel. Eine Stimme meinte, der Rabbiner brauche auch nicht so lange predigen, uns das ^12 Benschen sei jedenfalls besser; daS entschied und das Gebet wurde wieder vorgetraqen. — Diese Thatsachen bildeten das Tagesgespräch; Rabbiner und Vorsteher beriethen sich und das ^onelusum war am Sonntag die Ruhe« störer alle zu strafen. Am Sonntag früh aber war der Vorbau am jüd. Gemeindehaus abgebrochen und man konnte keine Sitzung halten. Neberhaupt wird in F. solche Volksjustiz geübt; so war auch einmal an einem schönen Morgen die Kanzel aus der Synagoge verschwunden und der Rabbiner.war schwach genug keine neue wieder erbauen zu lassen. — Es sind diese Unordnungen in F. um so mehr zu bedauern, als früher diese Gemeinde eine der schönsten des Landes war; der Jugendunterricht war dort stets treu gepflegt. Ich will hier einen kurzen Auszug über einige intereffaute Persönlichkeiten in F. aus dem Buch „Christoph Zrenius." Basel bei Z. N. Fretz. eine Art Dorfgeschichte in pietlstischcr Tenden; geben. Christoph Zrenius ein schwarzwälder Hirtenknabe und Musikant wird Schulprevisor und als solcher bei den Juden in F. angestellt, später Griechenlehrcr und lebt jetzt als evang. Geistlicher in der Schweiz. Zm siebenten Kapitel seines Buches erzählt er: „Der Schulmeister Weinhold schuldete einem Juden ans F» von dem er eine Kuh erkauft hatte, eine Summe Geldes. Dieser Jude, Namens Marr, verlangte, als der Termin verflossen war die Bezahlung. Weinhold mit seiner Familie uns Zrenius laßen gerade am Mittagessen, als Manuel Marr zur Thüre Heren,trat« Man zählte Geld, redete ein und anderes, bis endlich Manue, die Frage an Herrn Weinbold that: Höre Se Herr Schulmeistert wisse Se mer nit an geschickte Provisser für mein Zndegcinanv? Zrenius erbot sich zu dieser Stelle begab sicy nach F. und nachdem man lange wegen der Besoldung nach jüdischer Wene gehandelt, und unterhandelt hatte wurde man eins ihn mit 150 fl. jährlichen Gehalt anzustellen, der das zufreden war. (Schluß »okgt.)

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