Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-05-30 · Heft 22 (30.5.1847) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 22 (30.5.1847)
Date
1847-05-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567098-2567121--2675-2570621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

174 chwerlichen utib mühesamen Verwaltungen dienen zugleich als Vorbereitungs - und Pflanzschule, aus welcher die Mitglieder deS Gemeinde-Vorstandes und Gemeinde-Ausschusses genommen werden, und erhalten den Sinn für öffentliche und allgemeine Interessen wach, der dem Juden in seiner politischen Stellung hier leicht verloren gehen könnte. Als eigentlicher Sporn ist aber die völlig gleiche Berechtigung der Contribuenten anzusehen. Die Unterdrückung, welche geeignet war, früher bei den Juden das FrciheitSgefühl abzustumpfen, hatte dazu gedient, sie für die Gleichheit unter sich um so empfänglicher zu machen; jene (P^J) war ihnen eine durch gemeinsame Sündhaftigkeit tTEIN herb ei ge führte gemeinsame, aber vorübergehende, (jTn “ttEH rütyb) und die eigentliche Obrigkeit die selbstgewählte C?rip); wahre Auszeichnung gaben allein Synagoge und Gemeinde, und wie der Auscrwähltheit waren sie sich auch der Brüderlichkeit bewußt (DTntt; das von außen auf sie so vielgestaltig cinbrechende Unglück nahmen sie als von Gott auferlegte Strafe oder Prüfung mit Ergebung hin, ihr Geist blieb ungebeugt, ihr Selbstbewußtsein unverändert. So sehr wir z. B. überzeugt sind, daß im allgemeinen der bairische Jude gegen die königl. Beamten bis auf den Gcrichtspcdelleu und Gensd'armcs herab die größte Unterwürfigkeit an den Tag legt, so wenig zweifeln wir, daß, nach Amerika ausgcwandcrt und in seine Menschenrechte eingesetzt, er derLocofocopartei angehört; die äußerliche Demuth und der innerliche Hochmuth fließen bei ihm aus einer und derselben Quelle. Den hiesigen Vereinen, welchen ihrer Natur und Entstehung nach das Princip der Gleichheit zum Grunde liegt, haben dcsh<?lb insbesondere selbst die Religionewirren der neuern Zeit keinen Eintrag gethan. — Es giebt hier verhältnißmäßig nur wenige Handwerksmeister, und scheint auch die nächste Zukunft deren Anzahl nicht bedeutend vermehren zu sollen, da die Anzahl hiesiger junger Leute, welche ein Handwerk erlernen, gering ist. Als nächster Grund ist wohl die Ueberfttzung der gewöhnlichen Handwerke am hiesigen Orte anzusehen, welch? nicht geeignet ist, zum Erlernen eines solchen anzufeuern. Dagegen sind die Landjuden der Umgegend zu der Einsicht gekommen, daß es besser ist die Kinder zu einem Handwerke als wie früher zum Bettel oder Nothhandcl zu erziehen, und auf sie erstreckt sich die Wirksamkeit des dahier bestehenden einfchlagendcn Vereins insbesondere. Ein großer Theil der als Gesellen auf die Wanderschaft gegangenen ist nicht wieder heimgekehrt, hat vielmehr im Auslande sein Unterkommen gefunden, was um so besser.— In der Handelswelt würde der zufällige Umstand, daß das Haus Rothschild aus der hiesigen Gemeinde hervorgegangen, allein schon hingereicht haben, ihr einen bleibenden Namen zu sichern; man findet aber auch andre hiesige jüdische Häuser an allen großen europäischen Börsen- und Weltmarktpläßen etablirt und in verdientem Ansehen, zu London, Paris, Wien, Berlin, Amsterdam, Brüssel, Manchester, Birmingham, Nottingham k., und deren Industrie erstreckt sich in die fernsten Gegenden und andre Welttheile, wohin, z. B. die Herren Worms, deren großartige selbstangelegte Zucker-Pflanzungen auf der Insel Ceylon Prinz Waldemar von Preußen nach Berichten öffentlicher Blätter auf seiner Reise im Orient besuchte, zu zählen sind. Am hiesigen Orte ist übrigens bei den Juden von den in allen Zeiten so beliebten Wuchergeschäften, auf welche dieselben freilich gewissermaßen angewiesen waren, kaum mehr eine Spur anzutreffen; um so gewöhnlicher und ausgebreitcter ist bei ihnen das Börsenspiel, auf welches sie wieder gewissermaßen angewiesen sind, weil mit der Handelsfreiheit auch der eigentliche Handel die hiesige Stadt verlassen hat, wie das allenthalben so zu gehn pflegt. — Uns bliebe nur noch übrig über die hiesigen religiösen Zustände zu berichten; allein dieselben sind ohnehin bekannt genug, überdies haben wir unsere Ansichten in diesen Blättern so oft auszusprechen Veranlassung gefunden, daß wir nichts von Belang hinzuzufügen wüßten. Wir können jedoch nicht schließen, ohne unsres Rabbiners, Hrn. Stein, ehrenvolle Erwähnung zu thun, welcher die Consequenz hatte, den Beschluß der letzten Rabb. - Vers, hinsichtlich der zweiten Festtage am des verwichenen Pessachfestes praktisch auf daS gierten anzuwendcn, dieses Verbot nehmlich ve nicht zu beobachten, und welcher ferner «lich erklärte, daß, da das bekannte Verbot Unnader selbst auf keiner eigentlichen Vorschrift " als bloser Gebrauch bezeichnet finde, das des s. g. Hinterviertels am Ochsen, eine mißbräuchliche Ausdehnung jenes, um so weniger gerechtfertigt erschiene, und für dessen Beobachtung keine Verpflichtung vorhanden sei. Gewiß, es verdient Anerkennung, wenn der Rabbiner, einer größern Gemeinde zumal, so offen und tatsächlich den Weg der Reform betritt,*) und ist auch der Erfolg kein unmittelbarer, so bleibt er doch sicher nicht aus, der Zukunft, cü>er Vertraut der Sämann seine Saat, Und hofft, daß sie entkeimen werde Zum Segen, nach des Himmels Rath. *) Aus einem, wie gewöhnlich, hämischen Berichte des Breslauer Correspondenten im Oriente, Nr. 16, hätte auch Geiger am letzten Osterfeste dasselbe Verfahren eingehalten, und verdiente deshalb gleiches, bei seiner schwierigeren Stellung selbst größeres Lob.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.