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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-05-30 · Heft 22 (30.5.1847) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 22 (30.5.1847)
Date
1847-05-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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176 Die Tiktin'sche Religionsschule. (Breslau im Mai.) — Ich komme diesmal, geehrtester Herr Redakteur, mit verhülltem Angesicht und zerrissenen Kleidern , wie ein büßender Sünder zu Ihnen; ich möchte, nach der -eiligen Vorschrift der Väter, mir Asche auf das Haupt streuen, und barfuß einhergehend unaufhaltsam rufen: pater peccavi! Sie fragen warum? der heilige Mar Gedaljah und sein Famulus, der Jenenser Magister Grätz haben den Bann über mich ausgesprochen und mir ist's, als hörte ich schon die dumpfen Töne des Widderhorns, das alle Gläubigen Ln Israel, die auf Adonai sich bekennen, auffordert, die Nähe des Verruchten zu meiden. Und wer weiß, ob nicht auch Sie dasselbe Schicksal erwartet! Ich habe in freventlichem Uebermuth voreilig geschrieben, die Liktinsche Religionsschule komme nicht zu Stande, das Projekt sei an der Judenthümlichkeit der Unternehmer gescheitert, und Sie haben Ihre Spalten freiwillig dieser falschen Prophetie geöffnet.' Run ich bereue meinen Fehler offenbar, das bezeugt die Bereitwilligkeit, mit der ich hier meinen Jrrthum vor aller Welt bekenne; ob auch Sie bereuen, und die heilige Wuth Gedaljah's und seines Schatten besänftigen wollen, können Sie dadurch darthun, daß Sie auch diese Berichtigung Jbren Lesern mittheilen. Also es ist unwahr, daß die altgläubige Schule nicht zu Stande kommt, sie ist vielmehr heute „unter der Aufsicht des Herrn Tiktin und unter Leitung des Herrn Grätz und Mitwirkung eines Hilfslehrers" eröffnet worden. Die Eröffnungsreden hielten sonderbarerweise die beiden Collegcn, Grätz und Groß, Herr Tiktin hatte sich in die Hintergründe seines Selbstbewußtscins zurückgezogen, und auch hier gezeigt, daß er selbst als Director einer Religionsschule eine Null sei. Der Lehrplan ist ganz derselbe geblieben, wie ich ihn als projectirt mitgetheilt habe, mit der Hinzufügung einiger Stunden, die dem praktischen Religionsunterricht gewidmet sein sollen. Man sagt nämlich, daß die Mädchen im Fleischaussalzen und Challahnehmery und die Knaben im Tephillinlegcn geübt werden sollen. ES wollen Viele behaupten, daß während in dieser Schule unterrichtet werde, alle Vögel versengt vom Dache dieses Hauses herunterfielen, was allerdings ein Zeichen großer Heiligkeit, wie weiland beim alten Jonathan, wäre; indeß will ich diese offenbar übertriebene Behauptung nicht verbürgen. Jedenfalls freuen wir uns dieses Fortschritts bei der hiesigen Orthodoxie, wir sehen, daß Geigers Wirksamkeit selbstfauf sie nicht ohne Einfluß bleibt, das wird doch nun jetzt selbst der Orient und sein Milchbruder, der Zionswächtcr eingestehen müssen. Freilich Hat die Orthodoxie 4 Jahre Zeit gebraucht, bis sie die Affenkunst erlernt, allein wir glauben, daß sie nun rascher und immer rascher sie auöüben wird. Sie soll auch schon einigermaßen Ordnung und Sitte in ihren Synagogen eingeführt haben und wir hoffen's noch zu erleben, daß sie Chor und Gesang, fteilich judenthümlichen, aufnimmt. Wir wünschen nur von ganzem Herzen, daß die neugegründete Schule sich erhalte, damit sie auch einen Ableitungskanal für die Geigersche Anstalt bilde; allein unter den obwaltenden Umständen scheint wenig Aussicht dafür zu sein, weil Tiktin, wie man sich geflüstert, wenig Fähigkeit zum Direktor haben, Herr Grätz durch einen schnarrenden und schnaufelnden Jargon, wie durch manche andere negative Fähigkeit zum Lehrer wenig geeignet sein soll, und ob der Dritte im Bunde, ein emeritirter Tertianer, Lehrertalent genug besitze, um all die Mängel seiner Collegen zu ersetzen, wissen wir fteilich nicht. Wir wollen ihr übrigens kein so schlimmes Prognostikon stellen, vielmehr ihr mit auftichtigem Herzen die schönste und segenreichste Entwickelung wünschen. Nachschrift. In der Geigerschen Anstalt haben sich sechzig neue Zöglinge gemeldet, und kein einziger Schüler ist abgegangen. Gegenwärtig beträgt die Gesammtzahl der Zoglinge der Schüler dieser Schule 360. Nichtbeschneidung. (Bingen im Mai.) - Der hiesige ausübende Arzt, Hr. Di*. Hirsch d. I., hat ein ihm dieser Tage gebornes Söhnchen nicht beschneiden lassen; er hatte zuvor bei unserm Rabbiner, »Hrri. vr. Sobcrnheimer, angeftagt, ob der Knabe nichts desto Weniger als Jude zu bettachten seie, ob Hr. S. s. Z. ihm den Religionsunterricht erthcilen, ihn auch confirmiren würde, und dieser hatte geantwortet, daß die Geburt allein schon den Menschen zum Juden mache, er sich auch nicht für berechtigt halten würde, dem Knaben den Religionsunterricht oder die Confirmation zu verweigern, welche letzte nur ein fortgesetzter Religionsunterricht und nicht einmal eine eigentlich jüdische Einrichtung sei. Darob großes Geschrei in unserer Gemeinde und bei unseren Landjuden gegen den Rabbiner, wiewohl derselbe gleichzeitig Hrn.vr. Hirsch aufs dringendste und nachdrücklichste von seinem Vorhaben abgemahnt hatte, welches Geschrei, wenn Hr. S. cs ruhig an sich vorübergehn läßt wohl spur - und wirkungslos verhallen wird. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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