Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1847)
- Date
- 1847-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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bat- und der drängenden Lebensforderung und dieses Gefühl -at bei ihm einige so lebendig markirte Aeußerungen hcrvorgerufen, die wir zwar nach der Seite der Pietät zu schätzen wissen, aber doch nicht umhin können, scharf zu beleuchten. „Gewerbthätigkeit, Handel können wir dem Juden am Sabbath nicht erlauben, und wenn das Leben noch so sehr drängt, wir werden sonst mit der Bibel brechen, wovor Gott sei!" Aber hat denn Herzseld nicht schon mit der Bibel gebrochen, oder milder ausgedrückt, hat er nicht schon den geschehenen Bruch mit der Bibel eingestanden, indem er es anerkannt, daß die Bibel unter Sabbathweihe nichts anderes als Ruhe verstehe, daß sie außer der Ruhe keine andere Feier wie Gottesdienst rc. kenne, und daß die spätere geschichtliche Entwickelung des Judenthums eine andere Sabbathfeier, nämlich einen sabbathlichen Gottesdienst gleichwohl entwickelt habe? Freilich meint Herzfeld, man habe mit der Bibel solange nicht gebrochen als man das, was sie für Sabbathweihe hält, unangetastet stehen läßt, und zu diesem nur noch eine neue hinzufügt. Allein indem man die neue Sabbathfeier mit der biblischen als gleichberechtigt hinstellt, hat man das innerste Leben der Bibel angegriffen, dem von ihr als ausschließlich berechtigt hingcftellten Sabbathcultus einen andern als gleichberechtigt an die Seite gestellt. Die Sabbathruhe ist der von der Bibel privilegirte Sabbathcultus; indem die Geschichte dem Gottesdienst im später« Sinne ein gleiches Privilegium ausgestellt, hat sie das biblische aufgehoben, es durch Concurrenz geschwächt, beeinträchtigt, verletzt und auf die Hälfte seines Werthes reducirt. Es kommt nicht darauf an, in welcher Weise der Bruch mit der Bibel geschieht; durch Regirung der Sabbathruhe würde man das üb/ durch Einführung des sabbathlichen Gottesdienstes, durch den Ausspruch, man könne ohne diesen durch Ruhe allein den Sabbath nicht heiligen, hat man das B’Din übertreten, durch das Eine wie das Andere aber wird mit der Bibel gebrochen; JDU *)’DlDn bj oder '21 ^12:2 in’ bl ist in dieser Beziehung ein sehr richtiger Grundsatz der Rabbinen. Man täuscht sich selbst nur gar zu gern, man thut sich sogar darauf zu Gute, der geschichtlichen Betrachtungsweise zu huldigen, indem man spätere geschichtliche Entwickelungen, in welchen die ältere Anschauung überwunden ist, auf die alten Institutionen pfropfen zu können vermeint, und verfährt dabei ganz unkritisch und ebenso ungeschichtlich, indem man es völlig übersieht, daß das neuere Erzeugniß des geschichtlichen Bilvungstriebes nicht eher ans Licht sich hat emporarbeiten und eine gesunde Lebenseristenz gewinnen können, als nachdem eS das Alte, aus dem cs hervorgegangen ist, überwunden und vernichtet hat. Was heißt denn das: mit der Bibel brechen? Man bricht mit der Bibel, wenn man eine Ansicht, welche sie für eine wahre hält, aufgiebt, wenn man über gewisse Punkte auf dem religiösen Gebiete anders denkt, wie sie. Nun sagt die Bibel: Durch Ruhe allein verwirkliche man die Sabbathidee vollständig, durch Ruhe allein ohne alle weitere religiöse Erhebung heilige man den Sabbath. Da kommt Herzfeld mit der Weltgeschichte und der Bibel in der Hand und erhebt einen Widerspruch gegen die Bibel. Nein, ruft er ihr zu: durch Ruhe allein werde der Sabbath nicht vollständig geheiligt, sondern durch Ruhe, wie die Bibel vorschreibt, und durch sabbathlichen Gottesdienst, wie die Geschichte mich lehrt. Von der Ansicht der Bibel, die nur einen Factor des Sabbath kennt, hat mich die Geschichte entfernt, und es müssen die beiden Factoren des Sabbath, Ruhe und Gottesdienst als gleichberechtigte coordinirt sein. Und mit diesem Widerspruche gegen die Bibel im Munde sagt Herzfeld ganz naiv: mit der Bibel brechen, davor sei Gott! Und hat denn nicht Herzfeld wie alle übrigen Mitglieder der 2. R.-V. ein Jahr früher schon mit der Bibel gebrochen, unheilbar gebrochen, indem er den von ihr alleinberechtigten Opfercultus abschaffte und ein späteres Gewächs im Treibhause der Geschichte, den Gebetcultus an seinen Platz stellte? Herzseld steht so wenig ganz in der Bibel als er ganz im Talmud steht, aber eben so wenig ganz außerhalb dieses wie ganz außerhalb jener; er steht nur ganz in der geschichtlichen Entwickelung. Mt^de^ÄM brechen, sagt H., davor sei Gott! „Wie aber furchtbarste Conflict drängt zu einer Antbctt salto mortale, welchen zwei Mitglieder Tage Ihnen, meine Hand ist nicht dabei, ich möWv nicht das Judenthum auf die Spitze einer Nadel stellen." Wir müssen hier dem Gange unserer Besprechung der einzelnen Vota vorgreifen und bei Gelegenheit des Herzfeldischen Bildes von der Spitze einer Nadel auf das etwas poetischer klingende von Stein gebrauchte Bild in Bezug der Verlegung des Sabbath hcrsetzen. Stein sagt nämlich (S. Prot. S. 120) mir entgegnend, er werde seine Ansichten über diesen wichtigen Punkt noch weiter aussühren (eine kleine Probe hiervon liefert er in der Debatte über den von ihm redigirten Entwurf einer Antwort an die Berliner Reformgenoffenschaft in einer privaten Sitzung) und wolle heute in einem Bilde nur so viel sagen, „daß wenn wir den Sabbath auf den Sonntag verlegen, wir das Judenthum am Freitag-Abend begraben, um eS am Sonntag-Morgen als eine andere Religion auferstehen zu lassen."