Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1847)
- Date
- 1847-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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171 wann wird man endlich den Begriff der Entwickelung richt'g fas. sen und anwenven! Allerdings ist der sabbathliche Cultus in neue- , rem Sinne eine Entwickelung des Sabbathcultus durch Ruhe im Sinne der Bibel. Aber welches ist der Keimpunkt dieser Ent- , Wickelung, welches der Raum, wo dieselbe vor sich gegangen? j Zm menschlichen Gemüthe haben sich die Ansichten entwickelt, an! die Stelle der altern symbolischen Anschauung, nach welcher die; Ruhe am Sabbath an sich Cultus war, ist diejenige getreten, welche das Wesen des Cultus anders und tiefer faßt, welcher die , Ruhe an sich kein adäquater Ausdruck der Sabbathidee mehr ist, | welche diese Idee ganz anders auszudrücken sich getrieben fühlt. > Das menschliche Gemüth kann aber unter zwei entgegengesetzten j Anschauungen nur eine haben, nur eine für die wahre halten, und steht es auf der Stufe, wo es die Sabbathidee nur durch Gottesdienst auszudrücken weiß, kann es dieselbe nicht zugleich auch durch die Sabbathruhe, die ihm zu etwas rein Aeuöerlichem herabgesunken ist, ausdrücken, so wenig es dem in der Gegenwart und ihren Bildungsverhältnissen stehenden Menschen möglich ist. seine Andacht durch Gebet und durch Opfer zu verrichten. Von Entwickelung des Alten zum Neuen, der altern Anschauung der Sabbathfeicr durch Ruhe zur spätern durch Gottesdienst reden und doch dabei das Alte neben dem Neuen als vollkommen gleich, berechtigt stehen lassen, eine ältere Institution, der ein älterer bestimmter Begriff zu Grunde liegt, von einer aus einem ganz veränderten Begriff herstammenden neuen Institution nicht vervrän. gen lasten, heißt den begrifflichen Widerspruch sanctioniren. Ein j altes Gebetbuch stehen lassen und neben ihm ein^aL^^inführen.! ohne den innern Widerspruch zu beachten, in Miteinander stehen, wäre eine sehr zweideutige Entwl^^^^Wvrgktischem Gebiete begegnen wir freilich solchen Widerspn^^ zum öftern; es ist ries sogar der natürliche Gang ver geschichtlichen Entwickelung, um dem Neuern den Weg zu bahnen, das Alte noch eine Zeitlang neben ihm zu dulden, bis der Widerspruch erkannt und das Alte vom Neuen verdrängt wird. Aber neben dem Neuen, welches das Alte faktisch überwunden, dem Alten auch in der Theorie eine gleiche Berechtigung zu vinriziren, das hieße doch aller Geschichtswahrheit Hohn sprechen! Das Alles ist klar genug in meinem Votum ausgcführt! worden und nur die Unklarh'it vieler unserer jüd. Theologen i ist Schuld daran, wenn die Theologie noch über so Vieles im i Unklaren ist. Freilich mag es Ueberwindung kosten, es auszusprechen, die Sabbathruhe sei neben der Sabbathfeicr durchaus unberechtigt und habe für uns nur den Werth eines Mittels zur Feier und auch nur insofern als sie ein dienliches Mittel ist. Man gelangt auf diesem Wege zu einer e.rtremeu, zur Zeit I noch mißliebigen Theorie, zu der der religiös gestatteten Verlegung. Aber von dem, der es ausgesprochen hat, daß neben dem geschichtlich später entwickelten GebetkultuS der biblische Opferkultus nicht länger geduldet werden dürfe, darf man cs verlangen, daß er auch den Ausspruch nicht scheue, daß neben der geschichtlich ausgebildeten Sabbathfeicr durch Gottesdienst die biblische Sabbathfeicr durch Ruhe nunmehr als eine durch, aus unberechtigte erscheine. Da nun Herzfeld die Ruhe und den Gottesdienst als die beiden einander nebengeordneten Factoren des Sabbath anerkennt, ist es nur als eine weitere Consequenz anzusehen, wenn er den Arbeitsbegriff des K. - B. noch zu enge findet und mit Einhorn auch alles künstlerische Produciren und endlich auch das Feueranzünden verboten wissen will. Hier zeigen sich die traurigen Folgen der unwissenschaftlichen Betrachtungsweisen, j der Halbheit, die nicht wie nach A. Adlers Bilde wie die Taube j des R. Iirmia mit einem Fuße, sondern mit beiden Füßen j innerhalb der alten und der neuen Anschaung steht. ES sollen I uns die Gesetze des biblischen und talmudischen Iudenthums! nicht genommen, sondern zu diesen auch die Forderung des! neuern Iudenthums hinzugethan werden. Diese unwissenschaftliche Betrachtungsweise erblickt nicht einen Kampf der alten , Anschauungsweise mit der neueren, eine gewaltige Differenz zwischen der biblischen und talmudischen Auffassung des Cultus und der der neuern Bildung, sondern faßt die Consequenzen beider Anschauungen ftiedlich und harmlos zusammen und legt sie als sanftes Joch auf unsere Schulter, damit wir allen Herren dienen, allen Gesetzgebern gehorchen, und uns mit der alten und der neuen Welt friedlich vertragen. So will S. Adler, daß auch die Leviten ihre Erstgebornen auslösen und den Priestern den schuldigen Tribut nicht schmälern. Ich fürchte nur, daß unsere Reformer in diesem Geiste sich bald dahin gedrängt sehen werden, den zweiten Versöhnungstag, welchen das talmudische Alterthum aus humanen Rücksichten anzuordnen unterlassen hat, einzuführen, da der eine Tag für alle alten Tesillot, Selichoth und Pijutim, welche stehen bleiben, und die neu hinzuzufügenden Elemente als da sind: Predigt, deutsche Gebete und musikalische Oratorien unmöglich ausreichen wird. So will auc^Hcrzfcld sämmtliche Erschwerungen, die Ausflüsse der altern Anschauung sind, beibehalten, und zu diesen jene Erschwerungen, die Consequenzen der neuern sind, hinzufügen. Das wäre n"2 noim v"3 nein und selbst nach dem Talmud übertrieben, der von zwei entgegengesetzten Ansichten nur die Folgen der einen n"2r in IN festgehalten wissen will. Herzfeld fühlt schmerzlich den Conflict zwischen dem Sab-