Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1847)
- Date
- 1847-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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16$ Geschichte des Tages. Jüdische Zustände. (Fortsetzung.) / (Frankfurt a. M., im April.) — Von Kunst war bei den Juden Jahrhunderte lang keine Spur anzutreffen, man müßte denn eine solche in den Mahlereien auf Wimpeln, in den Rand- Miniaturen auf geschriebenen Megiloth und Haggadahs, bei den auf Messen und Jahrmärkten sich gewöhnlich einfindenden jüdischen Mufikanten und Pettschaftstechern, oder endlich bei den Lokal- und Instrumental-Virtuosen der Synagoge, den Chasanim, Meschorrerim und Bale- Takea finden wollen. Dies hat fich nun in Deutschland überhaupt, und auch bei uns sehr geändert. Wenn wir gleich nicht, wie Herr D'Jsraeli in seinen Romanen alle möglichen Celebritäten von Juden abstammen zu lassen geneigt find, so müssen wir doch in diesen wie in allen Dingen bei der Wahrheit bleiben. An der Spitze der Deutschen, nach manchen gar der europäischen Componisten stehen Meyerbeer und Mendelssohn - Bartholdi, beide geborne Juden; noch vor einigen Jahrzehnten hatte Zelter in Beziehung auf Letzen Göthe als etwas Verwunderliches mitgctheilt, daß er an demselben einiges musikalische Talent wahrgenommen zu haben meine; die Verwunderung galt, wenn wir uns recht erinnern, nicht weniger dem Glauben als der Jugend; beide hat Mendelssohn freilich seitdem abgelegt. Der bekannteste hier lebende Componist, Herr- Wilhelm Speyer, ein geistreicher, vielfach gebildeter Mann, gehörte früher der hiefigen Gemeinde an; ebenso Herr Ferdinand Hille r in Dresden, der fich durch ernste, und gewissermassen der hier erzogene Herr Jakob Rosenhain in Paris, welcher sich durch gefällige Compositionen, zugleich als Clavier- Virtuose bekannt gemacht; die beiden Ersten find zum christlichen Glaubensbekenntnisse übergegangen. Herr Heinrich Wolf von hier hat fich durch seine Virtuofität auf der Violine einen Namen erworben; er ist bei dem Orchester angestellt und ein in allem Betrachte achtungswerther Künstler. Ein Bruder der durch Schriften für die Juden bekannten Miß Grace Aguilar in London, welcher schon längere Zeit dahier musikalischen Studien obliegt, verspricht in seinem Fache Tüchtiges zu leisten. Noch besteht hier ein besonderer jüdischer Gesangverein, den wir wie jede Absonderung entschieden mißbilligen würden, hätten nicht die hiefigen christlichen Gesangvereine, zum wenigsten der vorzüglichste derselben, die Aufnahme von Juden als Mitglieder verweigert. Wenn dieselben, wie es den Anschein hat, glauben, das deutschpatriotische Lieder nur christlichen Kehlen rein entströmen, irren fie, wie wir aus eigener Erfahrung versichern können. Als wir nehinlich im Sommer des Rheinlied - Jahres einen Freund auf seinem Landsitze, einige Stunden von hier, besuchten, und in der Abendkühle mit ihm und seiner Familie einen Spaziergang durch den nahe gelegenen Wald machten, fanden wir in diesem, es war an einem Samstage, die Juden - Gemeinde eines benachbarten OrteS auf umgehauenen Baumstämmen und auf dem Rasen gelagert, Männer und Frauen, Jünglinge, Mädchen nnd Kinder^ die Jugend hatte das „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein," mit solcher Kraft angestimmt, daß es deutsche Ohren zerreißen, deutsche Herzen aber nicht ungerührt lassen konnte, ganz wie der Gesang mancher christlichen Liedertafel; uns fiel dabei der Vers ein: Singe, wem Gesang gegeben, In dem Jsenburger Wald. Jene Weigerung wäre bedauerlich, wenn fie sociale, traurig aber, wenn fie politische Beweggründe gehabt haben sollte: um gerecht zu sein, müssen wir hinzufügen, daß fie bereits vor längerer Zeit erfolgt ist. Die Musik hat selbst den Weg in die hiesige Synagoge gefunden, aus welcher uns, wenn der Zufall am Freitag-Abend uns dort vorüber führt, nicht mehr das wirre Geschrei und Getöse von ehemals entgegen tönt, sondern harmonischer Gesang, dem nur noch die Orgelbegleitung fehlt. Aber auch die beiden HH. Veit von der römisch-deutschen, die beiden HH. Lehmann von der französischen, und Hr. Bendemann von der Düsseldorfer Malerschule sind geborne Juden und später convertirt. Letzterer, gegenwärtig Direktor der Maler- Akademie >n Dresden, ist vielleicht der vorzüglichste unter den lebenden deutschen Geschichtömalern. Hr. Johannes Beit hat in Rom gelebt, oder lebt noch daselbst, wir haben von ihm nur gehört, nie etwas gesehen. Hr. Philipp Veit hingegen ward von dort an das hiesige Städelsche Kunst-Institut als Direktor berufen, legte, als für solches das Lessing sch e Gemälde: „Huß zu Constanz" angeschafft ward, diese Stelle nieder, hat jevoch seinen Wohnsitz fortwährend hier behalten. Wir kennen ihn nicht und hören im allgemeinen nur Gutes von ihm; seine Richtung ist die bekannte historisch-romantisch-christlichmittelalterlich .kirchliche; seine künstlerischen Leistungen werden von Gleichgesinnten hoch angeschlagen. Die Gemälde der beiden in Paris lebenden HH. Lehmann aus Hamburg finden bei den dortigen Ausstellungen in neuerer Zeit große Anerkennung. Ein Zeit- und Kunstschulgenosse der HH. Veit, Hr. Professor Oppenheim, lebt hier; ein Mann von Bildung, Geist unv bedeutendem Talente, der Historie, Genre und Portrait mit gleichem Erfolge malt, und dessen Arbeiten bekannt und geschätzt find. Hr. Schlesinger von hier machte sich früher in Wien, und