Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-05-16 · Heft 20 (16.5.1847) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 20 (16.5.1847)
Date
1847-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567098-2567119--2656-2570600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

157 wissenschaftlichem oder literarischem Gebiete geleistet? so antworten wir: nichts, gar nichts, mit Ausnahme Josts, der an seinem jüdischen Geschichtswerke fleißig fortarbeitet, und Suggenheim, von welchem eine Geschichte der Jesuiten unter der Presse sein soll. Gewiß aber find unter denselben noch andere, welchen weder das Wissen noch die Fähigkeit abgeht in ihren Fächern Tüchtiges zu leisten. Im Allgemeinen finden wir bei unfern christlichen Mitbürgern dieselbe Erscheinung wieder; cs werden verhältnißmäßig nur wenig wissenschaftliche oder schöngeistige Werke hier verfaßt, und geht dies mit ganz natürlichen Dingen zu. Man lebt nun einmal in einem gewissen Kreise, und wer auch hofft und selbst fich bewußt ist, für ein anderes, größeres, intelligenteres Publikum schreiben zu können, der vermag fich der Einwirkung seiner nächsten Umgebung dennoch nicht zu entziehen, und wäre sie Llos die negative des ermangelnden Antriebs, wie dieser z. B. in Universitätsstädten anzutreffen, wo die Wissenschaft gewissermaßen das Lebenselement ist, und sich Gleichstrebende leicht zusammen finden. Frankfurt ist schon seit Jahrhunderten eine Handelsstadt, der hier herrschende Geist ein materiell-praktischer, anderen als kaufmännischen oder Börsen-Speculationen wenig geneigter; Frankfurt, an der großen europäischen Heerstraße, in der Nähe von Kur- und Ver- Mügungsorten gelegen, von Diplomaten und Fremden bewohnt und besucht, ist auch in etwas Lebestadt geworden, aber nicht großstädtisch genug, um Bewohner zu haben, welche, von dem allgemein herrschenden Geiste unberührt, im gegenseitigen Verkehre nur sich und ihrer Wissenschaft leben, noch kleinstädtisch genug, um den Gelehrten auf sich selbst und seine Wissenschaft zu beschränken. Wenn die hiesigen jüdischen Einwohner in so fern den christlichen gleich stehen, so rührt dies daher, weil sie nicht mehr social abgeschlossen find, nicht länger gleichsam in einer andern Welt ein anderes Leben, und welches! leben, weil sie eine regelmäßige Erziehung und Ausbildung erhalten. Freilich läßt der breitgetretene Pfad zum Born der Wissenschaft den Durst-nach derselben nicht mehr wie früher aufkommen, und fängt die bei den Juden sonst so zahlreiche Classe der Autodidactcn, die bei geringeren Hülfsmitteln eine größere Befähigung, eine nachhaltigere Ausdauer mitzubringen pflegten, allmählig zu verschwinden, die äußerlich nicht selten ans Barocke streifende und ins Lächerliche fallende jüdische Originalität der Gewöhnlichkeit zu weichen an. Allein wir wollen für den Juden nichts apartes, am wenigsten solche geistige Vorzüge, welche doch nur Folgen einer fehlerhaften Erziehung, einer verkehrten Lebensanschauung und einer verfehlten Lebensrichtung find; trotz ihres Witzes, ihres Scharfsinnes, ihrer unausgesetzten geistigen Beschäftigung hatten Jahrhunderte lang die Juden den Verstand nicht einzusehen, daß sie großentheils selbst an ihrem unsäglichen Unglücke, an ihrem jammervollen Zustande, Schuld waren,(?) wie sie dies in Polen und Rußland noch heute nicht einsehen, noch hatten sie, wenn wir Spinoza ausnehmen, in europäischer Kunst oder Wissenschaft Epoche machende oder nur bleibende Werke jemals hervorgebracht. Dagegen ist es erfreulich, daß fich unsere Glaubensgenossen dahier das Vertrauen auch ihrer christlichen Mitbürger nicht blos als Aerzte, als solche hatten sie nie aufgehört es theilweife zu besitzen, sondern nicht weniger als Advocaten zu erwerben gewußt haben; wo sie überhaupt zur Theilnahme au öffentlichen Verwaltungen berufen worden, ist ihr Benehmen tadellos und ehrenhaft; das Vorurtheil gegen sie ist bei uns stark iin Abnehmen, wiewohl es noch in der Schule gepflegt und durch bestehende Ausnahmegesetze genährt wird. In neuester Zeit hat zu dieser Abnahme eine Bürger- Versammlung , welche sich nach dem Abende ihrer wöchentlichen Zusammenkünfte das Montagskränzchen nennt, und deren nächster Zweck Besprechungen über Glaubens-Angelegenheiten ist, wesentlich beigetragen. Diese Versammlungen werden großentheils von Männern aus dem Bürgerstande besucht; der Standpunkt ist im wesentlichen ein humanistischer; die zahlreichen jüdischen Theilnchmer haben nicht aufgehört sich mit Tact und Anstand zu benehmen, und werden dort allgemein gern gesehen. Es ist bemerkenswerth, daß fast allenthalben in Deutschland der Boden aller hie und da angewendeten staatskünstlerischen Mittel für die altherkömmliche historisch berechtigte Frucht deS Judenhasses nur in den am tiefsten gelegenen Gründen, wohin der Posauncnruf der Zeit nicht zu dringen vermag, noch einige Ergiebigkeit zeigt; jene Staatskünstler übersehen bei dieser wie bei mancher andern Gelegenheit, dag dieser Boden in so fern nicht mehr der alte ist, als er im vorigen Jahrhunderte gründlich umgearbeitet worden. Solchen Staats - Maximen hat cs unser Herr Dr. Stern, welcher schon längere Zeit in Göttingen Vorträge über Mathematik, Astronomie re. hält, und sich durch Schriften als überaus tüchtig bewährt hat, wohl allein zu verdanken, daß er es bisher nur bis zum Privat-Docenten bringen können. Hr. Dr. Oppenheim von hier liest in Heidelberg über öffentliches und Völkerrecht, hat ein Völkerrecht und vieles andere schon geschrieben, was in ihm einen talentvollen, strebsamen, geist- und kenntnißreichcn iungen Mann erkennen lägt, der zu schönen Erwartungen bei größerer Reife berechtigt; er > ist gleichfalls Privat-Docent. Wirklicher Professor ist Herr Dr.! Heinrich Weil von hier, ein ausgezeichneter Philologe, zu I Strasburg, wo freilich jene Staats - Marimen längst antiquirt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.