Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1847)
- Date
- 1847-05-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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151 getreten, aber wir wollen sie segnen diese Unlust, weil sie zur Thätigkeit, zu ernstem Streben uns anspornt. Wäre der süße Schlaf, in dem unsere religiösen Angelegenheiten Jahrhunderte gelegen, niemals aufgestört worden, wir lägen heute noch dumpf und stumpf da und moderten wohl der gänzlichen Auflösung zu. In allen Gemeinden unserer Provinz, selbst in denjenigen, die früher sich langsam vor jedem Luftzug neuer Ideen verwahrten, sehen wir jetzt Leben und Bewegung; die Richtungen gehen auseinander und bereiten sich zum Kampfe, und an manchen Orten hat die Fortschrittspartei schon kleine Siege errungen. Die Rabbinen unserer Provinz bilden freilich nirgends die Flügelmänner dieses Kampfes, obwohl sie auch zum Theil die warmen Ofenwinkel schon verlassen und den scheuen Blick ans Tageslicht allmählich gewöhnen. Ja, viele von ihnen machen uns als Gegner den Kampf gar schwer, begnügen sich nicht mehr uns harten Widerstand bloß zu leisten, sondern ziehen die Waffen selber zum Angriffe. Die Rabbinerversammlung, die das Banner des Fortschritts unermüdet trägt und viele Sympathien für sich auch bei uns erregt hat, wird von unfern frommen Rabbinern nicht mehr allein mit Fluch und Bann belegt, sondern sie schaaren sich zusammen, um ihr den Untergang zu bereiten. Zwar sind sie noch nicht über die Mittel einig, wie ein so mächtig überlegener Feind im offenen Felde zu besiegen sei, aber sie hoffen sie durch allerlei saubere Mittelchen um den Credit zu bringen und wenn sie sich auch selber dabei blamiren sollten. Ein solches mekUoaweutum vrobntum glaubten sie vor Kurzem erst in der seligen Theologenversammlung gefunden zu haben, zu der sich alle kleinen und grossen Adler," alle „starken Helfer" und „sinaitischen Bergausreißer" unserer Provinz gemeldet haben sollen; inveß sind sie in dieser Hoffnung getäuscht worden, da die Theologenversammlung vor ihrer Geburt in das Reich der Schatten und Abgeschiedenen übergegangen ist. Zwar verkünden ihr prophetische Stimmen aus dem Orient die nahe Auferstehung, aber es ist dies eme falsche Prophetin, die obendrein an der frommen Todten sich versündigt, i indem sie sie verhindert, in dem Reich der seligen Vergessenheit auszuruhen. Vom Orient her wird ihr Heil nicht kommen — wir Wissens gewiß; der Wächter hat es uns geplaudert, und ihm darf man trauen, denn er bewacht ängstlich jede Regung seiner Feinde. Wir, die wir ohne Angst find um den Sieg der Wahrheit, haben zuweilen wirkliches Vergnügen an dem Treiben der Gegner. Hier verkündet der Eine mit Aufgeblasenheit und plumpen Gepränge die Zurüstungen der Theologenversammlung, träumt und nennt Mitglieder und Theilnehmer von allen Seiten her, stachelt die Persönlichkeiten mit allen Mitteln und man müßte meinen, es sei voller Ernst; — Da steht ihm aber dort das unscheinbare Wächterlein hartnäckig gegenüber, lugt durch seine Lupe, und legt sein heiseres, aber apodicrisches: Nein darein. Es leugnet die Eintracht, in der jene mit ihm zu leben vorgeben, und verwirft, obschon nur ein armer Wächter, die dargebotene Hand eines Fürsten. Dies kann nun dieser freilich nicht ertragen und das Wächterchen hat oft eine förmliche Bastonade von dem erzürnten orientalischen Herrscher auszuhalten. So steht es mit der Theologenvcrsammlung, somit ihren Beschützern und Vertretern, und unsere Rabbiner groß und klein fangen allmählich auch an einzusehen, daß das Todte todt sei und durch keinerlei menschliche Gewalt wieder zum Leben gebracht werden können, und jetzt könnten sie zur Einsicht kommen, wenn sie nur den Muth dazu hätten, ehrlich zu sein. Auf unsere Gemeinden aber bleiben derartige tragische Schicksale, wie sie die Theologen- Versammlung erlebt, nicht ohne belehrenden Eindruck; die Augen werden ihnen geöffnet und was bis jetzt mit einem undurchdringlichen Heiligenschein sich umhüllt hatte, steht jetzt kahl und nackt vor Aller Augen da. Wir wollen in den nächsten Mittheilungen uns bemühen, unsere Ansichten zu begründen und den Beweis für unsere Behauptungen nicht schuldig zu bleiben. Verschiedenes aus Würtemberg. (Schluß. — S. Nr. 18 v. Bl.) Die Privatleute, welche derartige Kenntnisse besitzen, werden stets weniger; auch fehlt es solchen oft an Zeit, Geschick und Lust, deßfallsigen Ansinnenzu entsprechen. Ja, selbst mancher Rabbiner hat, wenn er auch bei seinen einschlägigen Dienstprüfungen im Allgemeinen gut bestanden, nicht den ausgedehnten Grad der Gelehrsamkeit, den solcher Unterricht erheischt; auch gebricht es ihm oft an der erforderlichen Zeit. Dazu kommt noch, daß sich selbst im günstigen Falle solche Personen weder in der Universitätsstadt, noch in ihrer nächsten Umgebung finden. Die Einrichtung einer eigenen Universität für unsere Theologie studirende Jugend scheint sich gleichfalls in nächster Zeit nicht verwirklichen zu wollen. Es dürfte darum sicherlich einmal an der Zeit sein, daß diesem Berürfniß, für unser Land, auch nur einigermaßen abgeholfen würde. Möchte es daher unserer Oberkirchenbehörde gefallen, dafür Sorge tragen zu wollen, daß zu Tübingen eine besondere Lehrstelle für die mosaische Theologie errichtet werde, wo die betreffenden Studiosen sich tüchtige Kenntnisse im Hebräischen, in den talmudischen und rabbinischen Schriften erwerben, weiter vervollkommnen, sich überhaupt in Allem, was der jüdische Geistliche der Jetztzeit, der Rabbiner Würtembergs insbesondere, zu wissen und zu kön-