Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1847)
- Date
- 1847-05-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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150 und Zerrissenes zu essen verbietet — wozu bedarf es dann überhaupt eines solchen Verbotes? Allein aus einer näbern Erwägung ergiebt sich allerdings die Nothwendigkeit, das Jnschlitt als Aas und Zerrissenes besonders zu untersagen. Das Verbot, ein Aas und Zerrissenes zu essen, das die Schrift mit der Heiligkeit Israels in Zusammenhang bringt, hat nämlich, man mag nach unserer Behauptung die lcvitische Verunreinigung oder irgend etwas Anderes als dessen Ursache annehmcn, seinen letzten Grund jedenfalls in der Verschlechterung, wozu die thierische Natur im Zustande natürlicher Abgelebtheit bcrabsinkt und die mittelst ihrer Gemeinschaft mit der Israeliten - Natur diese entwürdigt oder verunreinigt. Wie nahe liegt demnach nicht der Gedanke, das Jnschlitt als der edelste und beste Tbeil des Thieres könne selbst in dessen abgelebtem Zustande wenigstens nicht in dem Maße sich verschlechtern, um als Speise die israelitische Heiligkeit zu verletzen, und wäre somit als Aas und Zerrissenes gerade aus demselben Grunde zu essen nicht verboten, der es als Opfertheil zur vorzüglich verbotenen Speise macht. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Mittheilungeu aus dem Großherzogthum Posen. i. Es hält heutigen Tages nicht mehr schwer, selbst aus unser» zurückgezogenen Kreisen über das religiöse und bürgerliche Leben der Juden im Allgemeinen zu berichten. Es ist zwar dunkle Stille und ängstliche Ruhe nicht mehr über unsere Lagern verbreitet, wie etwa zur Zeit, da die ersten dämmernden Strahlen aus unsern Nachbarprovinzen zu uns drangen, und uns Kunde brachten von dem geschäftigen Tagestreiben unserer Brüder, während wir selber noch in faulem Schlaf uns dehnten. Auch bei uns ist es setzt schon überall Tag und wach geworden, und wo die Helle noch nicht in voller Klarheit hereingebrochen, da ist jenes wohlthätige und freundliche Zwielicht schon zu erkennen, das den wahren Tag verkündet. Leben und Regsamkeit ist überall setzt in unsern Reihen wahrzunehmen, und wo cs nicht senes Leben ist, das selber in üppiger Thatenkraft sich entfaltet, wo es nicht jene Regsamkeit ist, die selber in beweglicher Frische mit eingreift in die Gestaltungen der Zeit, so ist es doch wenigstens jene Regsamkeit des Aufmerkcns und der innigen Thcilnahme, senes Aufhorchen und Gespanntsein, daS zwar äußerlich nicht viel Bewegung verräth, aber doch in sich warmes Leben trägt. Freilich kämen wir in Verlegenheit, sollten wir immer an Thatsachen das vorhandene Leben Nachweisen, an gewichtvollen Ereignissen, die das Zeichen sprudelnder Kraft an der Stirne trügen; indcß ist eine That, die auf die Entwicklung einer Gesammtheit Einfluß hat, selten das Produkt eines Mannes, oder eines eng zugemcffenen Zeitabschnitts: frühere Geschlechter und Zeiten haben sie erzeugen und erringen helfen, und hgt es ja eine Zeit und ein Geschlecht gegeben, dem es vergönnt war das erste Samenkorn irgend eines bedeutenden Erfolges auszustreuen, es in rascher Entwicklung knospen, blühen und reifen zu sehen und zuletzt noch an der schön aufgegangcncn Frucht sich zu erstellen, so ist es das unsrige. Wir haben manche schöne Frucht aufgehen sehen, zu der vor wenigen Jahren erst der erste Keim gelegt worden ist, und wäre die Verwirrung in unsern Lagern nicht so groß, würde überall ehrlich und mit offenem Vifir gekämpft, wir kämen bald an das volle gereiste Feld unserer Aussaaten, an eine Erndte, die unsere Enkelkinder noch nährte. Die unselige Verwirrung, welche Böswilligkeit und Schelsucht oft noch vergrößern, steht nicht nur unserer bürgerlichen, sondern auch unserer religiösen Entwicklung hindernd entgegen. Es giebt eine sogenannte Richtung in unseren Tagen, die in der Luft in schwankender Situation sich erhält, weil sie keinen Boden hat; sie ist nicht die Tochter der Orthodoxie, nicht des Conservatismus und a uch nicht des sogenannten Radikalismus; die Gesinnungslosigkeit ist ihre Dkutter und wir sehen sie, eine feile Dirne bald mit diesem, bald mit jenem liebäugeln, bald sich im Strudel des reißendsten Fortschritts berauschen, bald auf dem harten Boden des leblosesten Stillstands sich bewegen. Wo sie ein redliches Streben, wo sie einen Mann in unerschütterlicher Treue wirkend, wo sie einen ergiebigen hoffnungsreichen Boden erblickt, da wirst sie sich mit der erstaunlichen Freßgier eines Raubthieres darüber her, um die schönen Saaten abzugrasen, um die Treue zu verdächtigen und die Redlichkeit zu begeifern. Mit der bizarrsten Phantasie, den Orientalen eigen, weiß sie sich herauszuputzen und in das Gewand der Unbefangenheit und Unparteilichkeit zu kleiden, das bei Leichtgläubigen ihr oft Eingang verschafft. Wir brauchen nur auf der Oberfläche der Tageserscheinungen uns zu halten und bedürfen erst wahrlich des geübten Kennerblicks nicht, um den Pferdefuß dieser bezeichneten Richtung überall herauszuspüren; er tritt uns oft keck und so empfindlich auf die Zehe, daß wir wirklich eine Zeitlang überrascht stehen bleiben. Man fürchtet bei uns das Geräusch und um alles in der Welt möchte man die alte Ruhe und Behaglichkeit zurückerkaufen. Freilich ist bei uns an die Stelle der Behaglichkeit Unlust und Unzufriedenheit