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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-05-09 · Heft 19 (9.5.1847) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 19 (9.5.1847)
Date
1847-05-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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LSS nen nöthig hat, ausbilden könnten. Es läßt sich kaum denken, daß das K. Ministerium des Innern die hiezu nöthigen Mittel verweigern würde; dazu wäre aber auch die Errichtung einer Bibliothek nöthig, welche den Wißbegierigen die betreffenden alten, neuen und neuesten Schriften und Blätter darböte. Es dürste sodann seiner Zeit sicherlich von bestem Erfolg sein, wenn zur Spendung passender Schriften für diese Sammlung öffentliche Aufforderung erginge. Zn manchem Hause liegt derartiges — oft Werthvolles — seit Jahren unbenutzt. Es würde mit Freuden zu diesem Zwecke abgegeben. Selbst eine öffentliche Anregung zu Geldspenden behufs der Ausführung des Gesammtvorschlags würde sich lohnen, denn cs betrifft einen Gegenstand, für den unser Volk viel Sympathie hat. Jüdische Zustände. lO! (Galizien, im April.) — Wenn ich eine so lange Zeit über den gcistr'geu und socialen Entwickclungsgang meiner hiesigen Glaubensgenossen geschwiegen habe, so war es keinesweges etwa Gleichgültigkeit, die, erzeugt durch den sehr langsamen und krebsartigen Gang all ihrer höheren Interessen, durch den unverwüstlichen alles Vorwärtsschreiten hemmenden Starrsinn, mit dem sie an allen Auswüchsen der Religion zu ihrem eigenen Nachtheile festhalten, mich von aller Theilnahme an ihren Verhältnissen hätte fern halten können. Ich wollte den Ablauf der politischen Strömung, die alle Volksklaffen Galiziens Bewohnerschaft mit ihrer günstigen oder ungünstigen Fluthung bespült hatte, abwarten und den Einfluß der sich herausstellenden Resultate auf die Verhältnisse der Juden wahrnehmen. Der gegenwärtige Zustand der Dinge ist zwar noch immer interimistischer Natur, dem eine neue, feste Ordnung folgen wird, aber schon aus dem, was sich bereits in den getroffenen Maßregeln der Regierung kundgegeben hat, läßt sich untrüglich wahrnehmen, daß die neue Gestaltung der Verhältnisse zu Gunsten aller bis jetzt im Drucke gewesenen Volksklassen ausfallen wird. Wenn die unterste Volksklasse in den jüngsten denkwürdigen Vorgängen den in ihr seit lange geknechteten Menschen nach ihrer Weise zur Genüge gerächt, den höhern Klassen, welche in ihr blos das willenlose Werkzeug des Dienstes und der Bequemlichkeit Anderer anerkannt wissen wollten, einen handgreiflichen Beweis ihres gewichtigen und freien Daseins an den Tag gelegt und mit Physischer Kraft dasjenige sich zu verschaffen gewußt hat, was ihr bis jetzt ungerechter Welle vorenthalten wurde, fo hat die kluge, aber auch zugleich gesinnungstüchtige Haltung der Juden in den letzte» Ereignissen der Regierung eine Berücksichtigung aufgedrungen, die uns zu der schönen Hoffnung berechtigt, daß sie auch in Bezug aus die Verhältnisse der Juden ihr bisher festgehaltenes Prinzip des Status-quo verlassen und an eine bessere Gestaltung ihrer socialen Stellung sich ernstlich machen werde. Mögen folgende Thatsachen als Beweis gelten, daß dasjenige, was ich eben sage, nicht blos ein pium lteslserlum ist, sondern auch einer baldigen Verwirklichung entgegensieht. Ich habe Ihnen in meinen ftühern Berichten vielfach erzählt, welchen willkürlichen und unmenschlichen Verfolgungen die hier auf dem Lande wohnenden Juden von Seiten der Beamten, Gutsbesitzer, durch das Bestehen eines längst antiquirten Verbots, auf dem Lande zu wohnen, ausgesetzt waren. Nun ist aber ein Rescript von der Regierung erschienen, wonach nicht nur dieses Verbot aufgehoben, sondern auch die Erlaubniß ertheilt wurde, Boden zum Ackerbau, ja Güter sich anzueignen, mit der Bedingung, daß diejenigen, welche Gebrauch von dieser Erlaubniß zu machen gedenken, ihre alte Tracht mit der deutschen vertauschen. Die Bortheile, welche den Juden aus dieser Beziehung erwachsen, find in vielfacher Beziehung sehr wichtig. Der Kreis ihres Nahrungserwerbs, der bis jetzt blos auf den Handel und das Schacherwesen beschränkt war, gewinnt hierdurch eine nochmals so große Ausdehnung. Dann ist darin die löbliche Absicht der Regierung, die Juden dem Schacherwesen zu entziehen und allmählig der allgemeinen Civilisation zu nähern, nicht zu verkennen. Es hat mit der sogenannten polnischen Tracht der hiesigen Juden etwas ganz Eigcnthümliches, daß sie mit dem ganzen Wesen des polnischen Juden, mit seinem Schachergeiste, mit seiner orthodoxen und chasidistischen Natur so innig verknüpft, daß er, sobald er sie abgelegt hat, in ein ganz anderes, ja gewöhnlich entgegengesetztes Wesen verwandelt zu sein scheint. Ich habe hier noch keinen polnischen in deutscher Tracht gekleideten Juden bemerkt, der das chasidistische Unwesen getrieben, oder als eifrigen Orthodoxen sich gerirt hätte, weßhalb auch die ftommen Rabbis das Ablegen der polnischen Kleider als einen Berrath am Judenthum verschreien. — Ein anderes nicht minder wichtiges Reskript der Regierung legt allen Gemeinden die Pflicht auf, einen Fond für die Besetzung und Erhaltung zeitgemäßer Rabbiner zu errichten, eine Maßregel, die unstreitig das fördernvste Mitttel, die Gemeinden aus dem tiefen Schlamme der Verbildung herauszuführen und der allgemeinen Gesittung näher zu bringen, enthält. (Schluß folgt.) Verlag der I. C. Herma n'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offendach'.

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