Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1847)
- Date
- 1847-05-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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14S Ungarische Zustände. (Pesth im März). — Gechrtester Herr Redakteur! Wenn ich einen so beträchtlichen Zwischenraum ließ zwischen meinem letzten und diesem Schreiben, so dürfen Sie dieß nicht blos mir beimessen, sondern dessen Grund etwas weiter suchen, in der Trägheit, die sich in den Bewegungen unseres geistigen,!n speele jüdischen Lebens kundgiebt und uns zum guten, ja zum besten Stück noch da gelassen hat, wo wir vor einem Decennium und darüber uns befanden. Wir gefallen uns in unserer schlaffen Nonchalance, unsere Rabbiner und Rabbinerlein im polnischen Rocke gefallen sich nicht minder darin und finden sich in der Ruhe ihres Standes recht behaglich.- Doch gelte dieß nicht von Allen gleich. H. Löw hat neulich ja ein Zeichen seines Daseins gegeben, das sich übrigens, besonders seitdem er in Papa in der Klemme ist, nur hin und wieder in einzelnen abgedruckten Predigten außer seiner Gemeinde, in derselben vermöge der Lokalverhältnisse fruchtbar gar nicht kund giebt. Er hat nämlich in mehreren ungarischen Blättern an alle Amtsbrüder ein Sendschreiben ergehen lassen, in dem er sich zu der Erklärung bewogen ausspricht, daß das Verbot des Wuchers Juden wie Nichtjuden gegenüber, gleiche Geltung habe, und fordert er alle Rabbiner auf, ihre Meinung auf demselben Wege unumwunden abzugeben. Da nun, wie sich denken läßt, der größte Thcil der Na.bbinen dieses Sendschreiben nicht verstehen, ja von ihm keine Kunde bekommen, vielweviger ihr Gutachten in einem Blatte abgeben werden, so merkt man wohl, daß mit dem ganzen Schreiben bloß auf Furore, auf ein wenig Lobhudelei abgesehen ist und eine Anregung dieses kitzlichen Punktes auf diesem Wege nur schaden kann. Wäre wirklich Hrn. Löw nur die Sache vor Augen, so hätte er wohl suchen müs' sen, einen gemeinsamen Schritt in dieser Angelegenheit auf privatem und daher sichern Wege zu ermitteln. Derselbe Gegenstand hatte schon vordem eine andere öffentliche Erklärung hervorgerufen, unseres Verstandes nämlich, in der er sich verpflichtet alle Wucherer der persönlichen Verachtung, der socialen Ausschließung und moralischen Verurthcilung Preis zu geben. Alles sehr schön und löblich! Wenn es nur etwas frommte! Das Nebel, meine Herrensteckt viel tiefer, als daß es sich so geschwinde heilen ließe. Es steckt in der Erziehung, so verbessert die Schulen und Anstalten nicht nur unserer Stadt, auch die des ganzen Landes; gebt Unterricht den Kleinen, Aufklärung den Erwachsenen. Besonders siechen unsere Schulen an zwei Gebrechen, die sich extrem, in ihren traurigen Folgen gleich sind. Entweder Religion und Moral bilden gar keine Rubrik, oder sie werden zu todtem ertödtendem Mechanismus, zur Sache des Gedächtnisses ohne Werth, ohne Gehalt. Und die erwachsene Jugend, die Gymnasien und Akademien besucht, bei der sich etwas Erkleckliches leisten ließe, die ist nun eben gar nicht bedacht. Da bekommen die Jünglinge Unterricht in irgend einem veralteten Religionsbuche über Festtage und Zeremonien (natürlich nicht über deren höheren Sinn und tiefere Bedeutung), oder der H. Rabbiner macht es sich noch leichter und giebt Zeugnisse ohne ein Jota vorgetragen, ohne jeden nur gesehen zu haben. Einen zweiten Grund bilden die Gebrechen unserer bürgerlichen Stellung. Angewiesen, wie die meisten sind, auf Handel und Schacher ist es natürlich, obwohl nicht zu entschuldigen, daß so Manche die Unzulänglichkeit dieser Erwerbszweige mit dem lokkcnren des Wuchers ergänzen. Suchet daher zwischen Ackerbauern, Handwerkern und der Handel treibenden Classe ein vernunftgemäßes Verhältniß herzustellen, und -er Wucher wird von selbst verschwinden. Verbreitung (feer Handwerke ist wohl hie und da, namentlich hier durch den zu diesem Behufe errichteten Verein theilweise angestrebt worden, genügt dieß aber noch gar zu wenig und bleibt das Geleistete immer ohne Belebung der Agricultur ein halbes, unvollständiges. Diese Letztere bei uns einzuführen und heimisch zu machen, müßte aber um so leichter fein, als große Strecken Landes noch erst der Bebauung und Pflege gewärtig, durch eine verständige Hand leicht zu diesem Zwecke ausgebeutet werden dürften und pachtweise auch jetzt viele Juden Aecker inne haben. Zudem ließe sich von dem liberalen Geiste vieler Komitate sowohl, in deren Gränzen solche Strecken sich vorfinden, als höher« Orts nicht nur kein Hinderniß, sondern kräftigen Schutz und Vorschub erwarten. Wir deuten da nur eine Idee an, die durchgeführt und verständig ins Werk gesetzt in ihren Folgen unberechenbar sein dürfte: die Idee der Kolonisation jüdischer Ackerbauer in un'serm Vaterlande, auf die so wie auf daü Schulwesen es mir vielleicht gegönnt sein wird näher zurückznkommen. Ich will nur noch einer doppelten literärischen Erscheinung erwähnen, was bei uns zu den größten Raritäten gehört, der eben erschienene mosaische Gesetzkoder erstes Heft, das außer bei einigen Alterthümlern wohl keinen Sturm Hervorrufen wird bei uns, wo Niemand Sinn und Empfänglichkeit hat für alles das nicht nach Materiellem riecht, was unmittelbar auS dem Leben gegriffen, aber mächtig in dasselbe cingreift. Ein zweites ist: „Magyar Zsinagoga" (die ungarische Synagoge) die noch nicht im Buchhandel. Ueber dieselbe später. Verschiedenes aus Wnrtemberg. (Aus Würtemberg, Ende März.) — Der schwäbische l Merkur giebt fortlaufenden Bericht über die verschiedenen Ein-