Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1847)
- Date
- 1847-05-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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141 Erwähnung werth sein, daß im vergangenen Winter von König und Staatsbehörden den jüdischen Armen Gaben mannigfacher Art zugcflossen -sind, wobei, da von Seiten der Glaubensgenossen Erkleckliches geschieht, nicht sowohl die Gabe, als der Geber, und ganz besonders die Gesinnung,' aus der die Gabe geflossen, die Freunde J'raels in Freude versetzt. Indessen geschieht dieß nicht zum ersten Male. In Sachen der zu errichtenden zweiten Synagoge, ist dieser Tage eine Cabinetsordre eingelaufen, welche auf das Gesuch, in der Nähe der Garnisonskirche selbige aufbauen zu dürfen, sich dahin ausspricht, daß einem solchen Vorhaben im Allgemeinen Nichts entgegenstehe, jedoch den Aeltesten zu bedenken gicbt, ob cs nicht besser wäre, da in angegebener Gegend schon eine Synagoge sei, die Juden aber durch die ganze Stadt verbreitet wären, das zweite Gotteshaus in einem andern Stadtviertel, nämlich auf dem Köpnicker Felde, (eine Meile etwa vom Mittelpunkt der Stadt liegendes noch ziemlich unangebautes Viertel) zu errichten. In diesem Falle könnte ja auch die Synagoge nach der Straße hin gerührt werden." Die Cabinetsordre hat umsomehr Aufmerksamkeit erregt, als daraus hervorgehen dürfte, als wolle der König ein neues Judenviertel begründen, welche Befürchtung indessen ganz ohne Grund zu sein scheint, da er den Katholcken denselben Bescheid gegeben, welcher auch on denselben angenommen wurde. Der Monarch will daö Köpnicker FAd angebaut haben, sei es von wem es.wolle, und weiter scheint er hiermit nichts anders sagen zu wollen. Die Vermuthung, welche daraus gezogen wurde, als sollediePraris, Synagogen in Städten nach hinten zu bauen, auch noch in unserer Zeit festgehaltcn werden, dürfte mehr Grund haben; allein auch hierüber cristirt kein Gesetz, und wird gedachte Synagoge gewiß nicht auf dem Köpnicker Felde und wahrscheinlich anderswo nach der Straße hin gebaut werden. Nachrichten aus Posen besagen, daß der dortige Rabbiner Egcr in diesem Jahre der Theuerung, Hülsenfrüchte aufPessach erlaubt habe, aber doch nur mit der ausdrücklichen Bemerkung, daß der Hirtenbrief nur für die diesjährige Festfeier Geltung habe. Wie wäre es nun, wenn die armen Leute auch in Zeiten des Ueberflusses Noth und Thcurung haben! Aus Schlesien erfährt man, daß sich daselbst die jüdischen Gutsbesitzer weigern, von jetzt an zu der Er- und Unterhaltung der Kirchen und ihres Regiments auf ihren Besitzungen fernerhin Etwas beizutragen. Die Sache liegt dem Gerichte vor. — Der dritte Rabbinatsbesitzer vr. Sachs, beginnt auch dem Zeitgeiste Concessionen zu machen. Er predigte nemlich an diesen Ostern nicht am ersten Tage, den Moses eingesetzt, sondern am zweiten, weil da, als am Charfreitage, die Juden gewillt sind, in die Schule zu kommen. Ich nenne dies eine unwillkührliche Concession gegen das Leben, der Religion gegenüber; doch will ich diese Ansicht nicht urgiren. Endlich komme ich an die Reformsache, über welche ich aus der letzten Zeit so viel wie nichts zu berichten habe, es müßte denn sein, daß man Nachstehendes als etwas Wirkliches hinzuzurechnen so gut sein wolle. Das Statut fürs Grundcapital für etwaige Fälle der Geldstockung ist weit und breit erschienen. Aus demselben geht hervor, daß 20000 Rthlr. zusammengekommen, daß die Geber einen Staat im Staate, oder besser eine aristokratische Reformgemeiude in der plebeischen Peformgemeinde bilden wollen; ich nenne dies ein gefährliches Thun, oder besser ein eigentlich jüdisches Thun, so daß die Feinde der Reform das talmudische Wort: HJ*, „obgleich abgefallen vom Alten, der alte jüdische Geldstolz bleibt immer", leicht dürften anwenden können. Diejenigen Mitglieder der Reform, welche zum gedachten Kapital nichts, oder nur Etwas, aber nicht in großer Summe, gegeben, erfahren über dasselbe gar nichts, und haben dabei kein Wort mitzusprechen. — Vor etwa einem halben Jahre hat es der Vorstand in einer Generalversammlung, in welcher über das Wesen des Religionsunterrichts berathen werden sollte, durch die einfache Erklärung: „es sei zu spät, diesen Gegenstand noch zu berathen", dahin gebracht, daß einige müde und hungrige Leute, welche zu ihren Frauen wollten, in die Erklärung einstimmten, worauf sich der Vorstand die Freiheit nahm, der Versammlung mitzutheilcn, was in der Religionsschule gelehrt werden solle, mit Hülfe Hirschs und Holdheims selbst zu bestimmen. Sind nun gleich die Meisten blos schlafende Mitglieder, ko hat dieser äußerst wichtige Umstand in Vielen doch einen solchen Unwillen hcrvorgerufen, daß sie entschlossen sind, ihre Kinder nicht in die Rcligionsschule zu schicken, und es lassen dieselbe daher ihre erwachsenen Kinder jetzt wie früher von Auerbach consirmiren. Nicht förderlich dürfte es auch der Neformangelegenhcit sein, daß ein sehr umsichtiges und thätiges Mitglied des Vorstandes, Herr Simion, durch den vor Kurzem erfolgten Tod seines allgemein geschätzten Vaters eine Sinnesänderung erlitten zu haben scheint. Herrn Simion erblickt man nicht mehr im reformistischen Gotteshause und in den Versamm. lungen des Vorstandes, dagegen geht er jeden Morgen mit und in die große Schule um Kadisch zu sagen. Selbst Abends läßt er seine Geschäfte im Stich, um zum Kadisch in die Schule zu eilen. Endlich ist auch das Gerücht verbreitet. daß der bisherige Leiter der Reform vr. Stern die Rectorstelle zu Seesen zu übernehmen beabsichtiget, doch zweifelt man ' an der Verwirklichung desselben.