Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-04-18 · Heft 16 (18.4.1847) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 16 (18.4.1847)
Date
1847-04-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2567098-2567115--2621-2570561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

136 und wir wundern uns, daß diese Thatfache chm entweder unbekannt geblieben, oder von ihm völlig ignorirt worden ist. Jndeß das Gute muß man auch bei den Feinden anerkennen. Die hiesige so! SisLllt Partei, an deren Spitze der soi disant Rabbiner Tiktin mit der jungen Concesffon geharnischt steht, leidet bisweilen an unruhigem Schlaf, das Blut steigt ihr oft nach dem Kopfe und stört den ftiedlichen Gang der Sinne. In solchen seligen Momenten kommen die Versucher, die über ihr Seelenheil zu wachen vorgeben und möchten sie zu Dingen verleiten, die die guten Leute vor ihrem orthodoxen Bewußtsein erröthen ließen. In einem solchen Momente Halbwachen Zustands war es, wo Herr Tiktin, der seinen wunderlichen Sprachgenius gerne auf künftige Geschlechter vererben, und Herr G rätz, der seinen Hausstand verbessern möchte, die Partei beredeten, eine Religionsschule zu gründen zur Erhaltung des alten Glaubens für die obengenannten neuen Zwecke. Wirklich ließen die Schläfer im wachen Traume es dahin kommen, daß in der Breslauer Zeitung bekannt gemacht wurde: Gedalja Tiktin werde zu Neujahr 1847 eine Schule eröffnen, in der „acht judenthümlicher Unterricht ertheilt werden wird." Daß es mit der ächten Judenthümlichkeit ihnen Ernst war, bewies schon die Judenthümlichkeit der Anzeige, die die Regeln der Grammatik, weil sie von Christen stammen, verschmähte. Wir haben auch einen Einblick in den entworfenen Schulplan gethan, wonach die Knaben vom Herrn Gedalja in die Geheimnisse des seligen Raschi und der Mischnah eingeweiht werden sollten. — Herr Grätz, als erster Lehrer der Schule, hatte sich das philosophische und ethische Element des Unterrichts Vorbehalten, er sollte die Systeme des Schulchan Aruch und die erbaulichen Betrachtungen des Menorat-Hamaor den jungen Gemüthern popularisiren und so die „ächte Judenthümlichkeit" für ewige Zeiten ihnen einprägen. Ist das nicht ein schöner Vorsatz von einer Partei, deren Glieder, ob sie schon orthodox sich nennen, dennoch dem Schulchan Aruch und Menorat-Hamaor längst den Gehorsam aufgekündigt? Ist es nicht ein Zeichen von dem neu erwachten religiösen Bewußtsein? Wir fteuten uns wahrhaft dieser lobenswerthen Regung und versprachen uns viel von der Verwirklichung dieser Idee. War es ja in der That eine schöne Aussicht! Das Reich der Rabenu Tarn Tephillin sollte neu erstehen und das Zizith.Canphot sollte wieder zur Herrschaft gelangen! Die Jungen sollten wieder, wie in der guten alten Zeit der Cheder, durch sogenannte „Bellfer" in strenger Disciplin gehalten, und „Besen und Fischpfannen" sollten wieder in ihre Rechte eingesetzt werden! Aber leider find menschliche Vorsätze gar zu schwankend und die Opponenten hierin gar zu menschlich. Noch ist keine Spur von einer Schule vorhanden, noch entbehren die Kinder der Opposttion die Tröstungen „ächt judenthümlichcn Religionsunterrichts." Man sagt, der Plan sei an dem Mißtrauen gescheitert, welches ein Theil jener Partei in die Judenthümlichkeit der Herren Gedalja und Grätz gesetzt, da letzterer durchaus mit 500 Thlr. jährlichen Gehalts auf 6 Jahre contractlich engagirt sein wollte. Dieses Projekt ist also mißlungen und der Jndifferentismus hat sich mit seiner erstarrenden Macht wieder ausgebreitet. Uebeigens bietet uns diese Fabel eine wohlzubeachtende Moral, allein wir wollen dasbaee tabula doeet ein andermal erörtern und heute unfern Blick auf die hiesige Religions-Nnterrichts-Anstalt von Geiger, mit der wir begonnen, zurückwenden, da sie uns wahrhaft erfteuliche Momente bietet. Daß diese Anstalt immer festem Boden sich erringt und den Anforderungen an sie genügt, beweist die von Jahr zu Jahr wachsende Frequenz derselben. Die diesjährige Prüfung wurde mit zwei Hundert zwei und neunzig Kindern vorgenommen; in heutiger Zeit des Jndifferentismus und der religiösen Zerklüftung gewiß eine bedeutende Anzahl. Sie hat aber auch mit richtigem Taft die Art gefunden, wie in unfern Tagen der Religionsunterricht ertheilt werden müsse, daß er seine Wirkung aufs Gemüth der Jugend nicht verfehle. Das ganze Bereich derjenigen Ceremonien, die aus dem Leben geschwunden, und denen keine höhere Idee innewohnt, muß aus dem Unterricht schwinden, wenn man nicht der Gefahr ausgesetzt sein will, daß die Jugend das verhöhne und verspotte, was man ihr als heilig gern aufdrängen möchte. Was nützt es auch dem jungen Gemüthe in den hohlen Ceremoniendienst eingeweiht zu werden, den es im Hause der Eltern mit Füßen treten sieht, oder umgekehrt von der Heiligkeit dieser oder jenen Ceremonien zu erfahren, die es im Hause gemüth- und gedankenlos ausüben sieht. Einzig und allein mit dem innern und ewigen Gehalte der Religion, der unter allen Wechseln und Einflüssen derselbe bleibt, muß die Jugend vertraut gemacht werden, und wie dieses Ziel in der Anstalt erstrebt wird, darüber sagt Geiger: „Die Religionsschule hat die Jugend in die ewigen Gedanken des Judenthums einzuweihen versucht, sie mit Liebe dafür erfüllt, hat jedoch das von ihr fern gehalten, was sich im Leben einer gläubigen Beachtung nicht erfteut, mag es auch hie und da noch gefordert werden. Wenn sie den ernsten religiösen Sinn befestigt, — und das hofft sie zu erwirken — so wird sie sich auch ferner an allem betheiligen, was lebenskräftig besteht. Von der einseitigen Auffassung der Religion deren Werth abhängig machen wollen, heißt: dieselbe gefährden, sie bei denen, welche diese Auffassung nicht billigen, um alles Ansehen bringen. Aber gläubigen Ernst und liebende Anhänglichkeit erwerben und pfle-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.