Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1847)
- Date
- 1847-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567115--2620-2570560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ISS der Fortschritt überall ernstlich gewollt wurde, aber auch diesem drohet Gefahr und zwar durch einen Wurm, der seiner Wurzel angesetzt wurde. Verstehen wir hierunter auch nicht die schlimme Stellung der Lehrer in kirchlicher und pekuniärer Hinsicht, wodurch sich manche gezwungen glauben, der Denkweise ihrer Gemeinden sich zu accomodiren und wodurch aus manchem Lehrer ein Vorsänger wurde, der nebenbei auch Lehrer ist und auf ein gutes '"fiJty Gelv spekulirt, verstehen wir darunter auch nicht die Seichtheit unsrer angehenden Lehrer an hebräischem Quellenstudium, wodurch sie nicht gekräftigt werden, der Hyperorlhodorie die Spitze zu bieten und das Nichtige der Formvienerei aus seiner Entstehung nachzuweisen, nennen wir auch diese beklagenswerthen Uebelstände nicht den Wurm an der Wurzel, so bezeichnen wir als solchen die eingetretene Modificirung des §. 14. im Regulativ über die Bildung der Schullehrer, wovurch eine Dispens vom Seminar - besuch beliebt worden ist. Wieder ist es Würzburg, von dem dies Treiben vornehmlich ausgeht. Man „lernt" wie vor weiland 25 Jahren anbei etwas Deutsch und sucht nach einigen Jahren unter irgend einem plausibeln Grund die Dispens nach, die besonders bei der Regierung in Unterfranken nicht unschwer zu erhalten ist. Es können freilich dann keine „neumodischen Lehrer" nach, es geht alles den hübschen Krebsgang, die Leutchen triumphiren. Man muß gestehen, sie verstehen es den Lebensnerv anzugrcifen. Noch ein Jahrzehnt in dieser Weise fortgefahren und die Lehrer werden in ihrer Mehrheit Werkzeuge der Verfinsterung sein, wie sie bis jetzt treue Diener des Fortschrittes waren. — Ein Geist des Rückschritts, ein Abklatsch vermeintlicher Kirchlichkeit zeigt sich nicht selten in vielen Gemeinden besonders auf dem Lande. Vor einem Decennium noch gestand man fast allenthalben dic Nothwendigkeit der Reform zu und verstand man darunter zuweilen auch nur ein Minimum, etwa das Abstellen des HIKD Verkaufs, den Rabbinen der reformatorischen Richtung ward hoffirt, sie standen vermeintlich in der Gunst des Obern. Wie ganz anders ist dieses allgemach geworden! Reform ist ein verpöntes Wort, man ist fromm von Staatswegen und wahrhaft lächerlich sind die Erpektoraten manches Landmanns, dessen Bildung sich im Schnurrbart und modernem Rocke manifcstirt, anzuhören: warum denn gerade unsre Rabbinen die Religion angreifen, während doch jetzt bei den Christen Alles auf ihre Erhaltung gerichtet ist. Rabbinen, welche noch vor Jahren für fromm galten, sind es in den Augen der „Frommendnicht mehr, weil sie äußerlich schon als Neue erscheinen, weil ihnen nicht jeder Beruf gleiche Heiligkeit mit ntfO NUN hat. Man muß den Geist des Volkes besonders auf dem Lande, kennen, um dies Alles völlig in Wahrheit bestehend zu finden. Nicht verschwiegen darf werden, daß auch mancher Rabbiner in seinen Ansichten und in dem Kreis seines Wirkens, in dem ihm kein Zwang angelegt werden kann, die Polka tanzt d. h. zwei Schritte rückwärts und einen vorwärts macht, um sich im Geruch der Nechtgläubigkeit zu erhalten oder dahin zu bringen. — So weit wäre nach menschlicher Weise alles gar klüglich berechnet, der Erfolg kann im Wesentlichen nicht zweifelhaft sein. Aber plötzlich und wider Erwarten aller derer, welche dem Zeitgeiste Gewalt anzuthnn freventlich vermeinen, wendet sich das Blättchen, Sachen und Personen wechseln. Schon im vorigen Monat ist eignes Ministerium für geistliche Angelegenheiten, unter das Justizministerium gestellt, errichtet worden, und obschon in der desfallsigen Verordnung des jüdischen Kirchenwesens nicht ausdrücklich gedacht wurde» und obschon der „Nachtwächter" darüber jubelt, daß dasselbe den katholischen Rathen verbleibt, so sind wir doch dadurch aus dem Bereiche administerativer Willkühr in das Gebiet des strengen Rechts gelangt. Jetzt aber tritt auch das Ministerium und insbesondere der Minister des Innern Herr von Abel, aus dessen Departement das bekannte Neologenrescript mit allem, was drum und dran hing, die Modisicirung des §. 14. im Regulativ über Bildung der Schullehrer :c. hervorging, vom Schauplatz seines Wirkens abgetreten uns Namen von Männer, die diesen hohen Posten einnehmen sollen, werden genannt, welche einen guten Klang in Bayern haben und welche die Bürgschaft in sich tragen, es werde hinfort ein Streben nicht gehemmt werde», das nur der Ausdruck einer intelligenten Masse treuer Unterthanen und geeigenschaftet, sie zu veredeln und sie zu solchen Gliedern dcsStaates heranzubilden, wie er sie, ftiue wahre Aufgabe erfassend, sich nur wünschen kann. Die Lichtscheuen aber, welche es als staatsgefährlich denuncirten, werden sich wieder in ihre finsteren Schlupflöcher flüchten und zusehen bis die Zeit kommt, in der es Menschenmacht gelingen wird, das Werk des Geistes zu vernichten. Die Breslauer Nabbaniten; Geigers Programm. Breslau im März. — Geiger ladet diesmal zur öffentlichen Prüfung der Zöglinge der Religioneschule durch ein Programm ein, in welchem er über den religiösen Jndisserentismus der Juden beherzigende Worte spricht. Er meint, die Gleichgültigkeit sei doch fast gänzlich verschwunden und die Eltern, die selber in der buntfarbigen Gestalt res Judenthums sich nicht zurechtfinden können, „wollen doch ihren Kindern das neue Leben gerne zukommen lassen, unv sie hoffen an ihnen, den jungen Bäumen im Garten des Herrn, auch die herrlichen Früchie eines geläuterten Glaubens zu erblicken." Geiger hätte hierzu ein schlagendes Beispiel aus seiner nächsten Nähe ansühren können.