Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1847)
- Date
- 1847-04-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2566751-2567098-2567115--2619-2570559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
m Geschichte des Tages. Br. S. Friedländer. Facta loquuntur. (AuS Münster.) — Als im Herbste dieses Jahres Dr. Friedländer seine Berliner Stelle aufgab, war der Israelit das einzige Blatt, in welchem ein Correspondent mit der Behauptung auftrat, die Predigten des Dr. Friedländer seien schlecht. Wir find nicht gesonnen, die Lanze mit einem Manne zu brechen, der in dieser Weise über einen jungen Mann sich äußert, welcher in Heidelberg die glänzendsten Zeugnisse seiner wissenschaftlichen und fittlichen Würdigkeit erhalten, dem es möglich war, fast noch als Jüngling die Berliner durch seine Vorträge zu begeistern. Diese find nun bei Otto Wiegand in Leipzig erschienen und verbunden mit einer bald erscheinenden Darlegung als Motive des Rücktritts des Pr. F., geeignet, die Wahrheit oder Unwahrheit aller Beschuldigungen in ihr geeignetes Licht zu stellen. Unsere persönliche Anficht ist, daß sie die gelungensten Predigten find, die in jüngster Zeit erschienen. Hier in Münster setzt Dr. F. seinen,- seit mehreren Jahren mit persönlicher Aufopferung aufgcnommenen Kampf gegen Obscurantismus durch Wort und That fort, genießt, wie mehre Artikel im hiefigen Merkur zeigen, die Liebe seiner Gemeinde, die Achtung der Christen und die besondere Gunst Sr. Ercellenz, des Herrn Geh. Staatsministers von Flott well. Treiben der Orthodoxen in Bayern. - Aus Bayern. Die gemeine Schlingpflanze, Hypcrorthodorie genannt, breitet bei uns immer mehr und mehr ihre Zweige aus und gewinnt auf dem Boden fortkriechend allmählig so viel Terrain, daß fie bald die Schritte des freien Wanderers hemmen wird. Sie würde bald Synagoge, Schule und Eemeindewesen so umschlingen und fich mit ihren jungen Trieben so verwachsen, daß diese immer gedeihlich sich entwickeln können, wenn nicht der Weltengeist, der »icht ungestraft duldet, daß man in die Speicher seines Rades greift, urplötzlich Dinge geschehen ließe, von denen fich alle Diener des bösen Princips nicht das Mindeste träumen lassen. Nur mit einigen Linien will ich unsre Zustände zeichnen und die Markungen nennen, an denen wir bereits angelangt sind. Unsere freisinnigen Rabbincn sind zum Schweigen und zur Unthätigkeit verurtheilt. Ist ein Rabbinat erledigt, flugs schiebt die Hyperorthodorie ihre Vorposten vor. Dies gelang ihr vollkommen neulichfi in Dettingen und Wallcrstein, auf welche erste Stelle fie einen gewissen Dr. Feuchtwang, einen aus der Würzburger Schule und auf die zweite einen gewissen Weißkopf brachte, der bis jetzt Lehrer, Schächter, Schulklopfer re. war und vor Olims Zeiten eine Rothprüfung in Augsburg erstanden hatte. DieRabb.-Kandidaten „lernen" in Würzburg bei Rabbi Seligmann Bär und da dort auch eine Universität besteht, so kann der akademische Bürger sich über den Besuch derselben ausweisen. Aus unfern Gotteshäusern schwindet allmählig aus purer Frömmigkeit Anstand und jede zeitgemäße EinrichtungWahrlich, wären uns nicht aus früher Zeit ein Kern tüchtiger, aufgeklärter Rabbinen geblieben, wäre nicht mancher gute Saame bereits ausgestrent, der zu keimen beginnt, wären uns nicht aus früher Zeit gewisse gesetzliche Normen verblieben, die doch nicht so ganz umgangen werden können: Bayern würde in pet Bewegung der Zeit in letzter Reihe stehen, wie es bisher immer den Vordergrund einnahm. Zählen wir einmal flüchtig unsere Kräfte auf und lassen wir unsere Rabbinen die Revue pasfiren. In Oberbayern ist der würdige Rabbiner Hirsch in München der Mann, derbem Fortschritt huldigt. Hätten die „Frommen" dort an der Quelle eine Kreatur ihres Strebens, fie würden noch mehr versuchen. — In der Pfalz ist Dr. Grünebaum in Landau ein treuer Jünger der Reform und dem Rabbiner Seligmann in Kaiserslautern wurde in neuester Zeit die Ehre zu Theil, der Neologie angeklagt zu werden. Die Obcrpfalz hat ihren Dr. Schleßinger in Sulzbach und Dr. Schlenker in Regensburg, deren Wirken im Geiste unserer Zeit ist und die gewiß bei günstigen Chancen von oben offen der Reform huldigen werden. Aus Mittelfranken nenne ich Loewi in Fürth, Sulz ist Uhlfeld, Grünebaum in Ansbach, Ehrlich in Schopfloch-, auf welche zu rechnen ist. Die sechs Rabbinen Oberfrankens sind bekannte Reformer und verdient Rabbiner Dr. Aub in Baireuth als derjenige Rabbiner bezeichnet zu werden, der den Muth hat, auch jetzt überall freistnnig und ohne .Scheu aufzutreien. Nicht nur in seiner Zeitschrift „Sinai" vertritt er offen und kühn die religiöse Reform, auch auf der Kanzel hat er sich nculichst für die Abschaffung des zweiten Feiertags unumwunden ausgesprochen. Bei den Rabbinen Unterfrankens ist das moderne „Frommsein" zu Hause und nur Adler in Kissingen und Lebrecht in Niederwerrn machen hievon eine Ausnahme. Die Rabbinen Schwabens haben schon vor lange her ziemlich das Licht unter den Schüssel gestellt, aber die obgenannten Herren Weißkopf und Feuchtwanger werden sie gewiß mit ihrer Rechtgläubigkcit in Schatten stellen. Sage ich noch, daß wir in unserm Ländchen vier unv vierzig Rabbinate haben, so vermag man die Streitkräfte beider Parteien zu bemessen, obschon einige der Nichtgcnannten auch ein winziges Maas von Fortschritt wollen. Unser Schulwesen datirt noch von jener guten Zeit, in der