Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1847)
- Date
- 1847-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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103 kein eigentlicher Volkserzieher ist, so geht ihm auch die Begabung, die sich der Jugenderziehung eignet, das pädagogische Talent gänzlich ab. Sachs ist Gelehrter, aber kein Pädagog; er ist ferner durch und durch Theoretiker, dem der praktische Blick, dem die Ansicht und Gewandtheit in der Gestaltung und Leitung des praktischen Lebens fehlt. Endlich entbehrt er jener lebensvollen nachhaltigen Energie des Charakters, die nicht bloß beim ersten Aufblitzen der Begeisterung gleichsam im ersten Anlauf, ein Unternehmen ins Dasein zu rufen fähig ist, sondern daffelbe auch mit unerschütterlicher Geduld, Ausdauer und Beharrlichkeit trotz aller Mühen und Anstrengungen trotz kleinlichen innern wic äußeren Hemmnissen sonder Wanken und Schwanken durchzufahren vermag. Herr Dr. Sach hatte bereits seit langer Zeit eine Religionsschule in seiner Behausung eingerichtet; doch es währte gar nicht lange und das mit so vielem Aufsehen und unter den freudigsten Erwartungen begonnene Werk gerieth in den jämmerlichsten Verfall; und wenn auch gern zugegeben, daß ein Theil dieses traurigen Resultats auf die Rechnung seiner schwächlichen Constitution, die sich überhaupt seit dem 3. Febr. d. I. hier immer mehr und mehr als allgemeines Nebel erweist, und seiner periodischen Kränklichkeit zu setzen ist, so müssen wir doch den größten Theil der Schuld seinem Mangel an Pädagogik und seinem von Natur zu jeder andauernden Thatkräftigkcit unfähigen Charakter zuschreiben. Den direkicn Gegensatz von vr. Sachs bildet vr. Stern. Bon Natur gleichsam zum Pädagogen prädestinirt, hat er sich früh der Jugenderziehung zugewandt, er gründete eine Schule und stand derselben mehrere Jahre kräftig vor. Und als äußere Gründe deren Auflösung herbeiführten, so wurde der Erzieher und Leiter der Jugend der Erzieher und Leiter des Volkes, ein Demagoge des Friedens. Wenn Herr vr. Sachs ein Mann der Wissenschaft, der Gelehrsamkeit, der Theorie, so ist bei vr. Stern durchaus keine eigentliche strenge Gelehrsamkeit zu finden, und die Theorie hat für ihn überhaupt nur so weit Werth, als sie Triebkraft der Prämien Wirklichkeit zu werden geeignet ist. Herr vr. Stern ist du^ch und durch Praktiker und Pädagog; er sucht nicht bloß das Volk durch seine Rednergabe zu blenden und momentan zu fauatisiren, er will die Menge nicht durch eine Ueberfülle pathetischer Worte gleichsam erdrücken und durch eine schillernde Unverständlichkeit hochtrabender Ideen zur Bewunderung hinreißen; wie Wenige versteht er vielmehr die Kunst die überkommenen schweren Goldbarren, welche Jahrhunderte aus dem tiefen Schacht der Wissenschaft ans Tageslicht gefördert, inkleine Münze umzuprägen und auf die geschickteste Weise in Umlauf zu setzen; er ist in seinen mündlichen Borträgen wie in seinen schriftstellerischen Arbeiten von einer ungemeinen Klarheit, was er ausspricht ist für Jedermann durchsichtig und mundgerecht und daher wirkt er auch überall wo ihm Raum vergönnt ist, wirklich bildend und geistfördernd auf das Volk. Dabei besitzt er nicht eine Anfangs sich überstürzende aber auch bald verrauchende, sondern jene zähe und nachhaltige Energie, welche das Vorgesetzte Ziel unverrückt und standhaft bis ans Ende verfolgt. Von seiner ungemeinen Geistesklarheit und populären Darstellungstalent hat uns Stern in jüngster Zeit einen neuen Beweis geliefert in seiner Flugschrift betitelt: „Was ist geschehen? und was ist zu thun? Eine Ansprache an die Gleichgesinnten unter seinen Glaubensgenossen." Wir können uns nicht enthalten, einiges über ihren Inhalt hier mitzutheilen. „Was ist geschehen? Was ist für eine durchgreifende und allgemeine Reform im Judenthum geschehen? Was ist.für uns geschehen, die wir dieser Reform bedürfen und nach ihr verlangen? Diese Frage tönt beim Ablauf des gegenwärtigen Jahres gewiß aus vielen Gegenden Deutschlands, sie tönt uns von vielen Einzelnen entgegen, die mit Bedauern erkennen, daß sie selbst in dem verflossenen Jahre thatsächlich um nichts gefördert find, daß in dem unmittelbaren Kreise in dem sich ihr religiöses Leben bewegt, der Sieg oder auch nur der Fortschritt der Reform sich durch kein praktisches Resultat bekundet. Was ist für uns geschehen? rufen uns diese zu, und warum find die Hoffnungen noch bis heute unerfüllt geblieben, deren Verwirklichung man uns schon beim Beginn dieses Jahres als so nahe bevorstehend darstellte. Wir wollen fährt Herr vr. Stern fort, diese Frage unter welcher sich eine Anklage gegen die Männer verbirgt, von denen jene Hoffnungen angeregt wurden, wir wollen diese Frage sage ich, beantworten." Er sucht hierauf nachzuweisen, daß von den Seiten, von welchen überhaupt die erste That für eine Fortentwicklung des Judenthums zu erwarten war, Bedeutsames und An» erkennenswerthes geleistet worden ist. Der Staat hat Viel für uns gethan, gerade weil er für die innere religiöse Entwicklung Nichts gethan, weil er den Juden selber die Fortbildung ihrer religiösen Ueberzeugung wie' die freie Darstellungsform derselben überlassen hat, weil er es grundsätzlich ausgesprochen, der geschichtlichen Lebensentfaltung des Judenthums in keiner Weise hindernd in den Weg zu treten. Auch von den geistlichen Führern der Gemeinden ist sowohl einzeln in ihrer amtlichen Berufsthätigkeit wie in gemeinsamen Berathungen durch Schein und Wort Vieles und Bedeutsames geschehen. Endlich könnte noch von einer dritten Seite Hülfe erwartet werden, nämlich aus der Mitte der Gleichgesinnten unter unfern Glaubensgenossen. Und in Wahrheit ist von Einzelnen, von Gemeinden und von freien Vereinigungen eine be-