Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 13 (28.3.1847)
- Date
- 1847-03-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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104 deutsame Wirksamkeit entfaltet worden. Besonders was die letzten betrifft, so ging von Frankfurt a. M. zurrst der Ruf zur Vereinigung der Gleichgesinnten „ein ernster wohlgemeinter Ruf." Er ward überall gehört, von Wenigen geachtet, von wenigen beantwortet. Da ging von Berlin ein zweiter Aufruf zur Bereinigung der Gleichgesinnten in Folge dessen sich eine Genossenschaft der Reform im Judenthum gebildet, die schnell eine bedeutende Ausbreitung und feste Gestaltung gewonnen. Herr vr. St. geht hierauf alle Bedenken, welche man gegen den Aufruf und die Bestrebungen der Genossenschaft vorgebracht hat und zum Theil noch immer vorbringt, einzeln durch, um ihren Ungrund und völlige Nichtigkeit nachzuweisen und kommt endlich zu dem Resultat, daß, wenn trotz alle dem was vom Staate, den Rabbinen, und Gemeinde«, was von einzelnen Männern und größer« Vereinsgungen kür Reform im Zudenthum geschehen, die volle Bestiedigung Aller noch nicht erzielt worden ist, so liegt dies thcils in den falschen Vorstellungen Vieler von dem, was überhaupt zu hoffen und zu wünschen sei, theils aber und vorzüglich auch darin, daß die Meisten, welche das Verlangen nach dem Bessern in sich tragen, diejenigen, welche für sie und ihre Kinder arbeiten, nicht in geeigneter Weise durch Rath und That unterstützen. Was ist demnach nun zu thun? „Das Erste und Letzte wonach wir zu streben haben, ist eine Vereinigung der zerstreuten Kräfte zu einer Gemeinsamkeit des Strebens und zu einer Gemeinsamkeit des Zieles, das wir zu erreichen haben; denn die gemeinsame Kraft aller Gleichgesinnten wird uns nicht nur in den Stand setzen, alle Hindernisse zu überwinden, die sich der Erreichung unseres Zieles von Außen entgegenstellen, sie wird uns auch nach Innen stark machen um das rechte Ziel zu finden und den rechten L eg auf dem wir zu demselben gelangen können. Sie wird uns und unser Thun vor dem Ucbergewicht einseitiger Richtungen wahren und uns ein Werk vollbringen lehren, das auS der überer'nstimwenden Ueberzeugung aller Betheiligten hcrvorgegangen, allen zur Freude und Befriedigung gereichen, und seinen Segen immer weiter über alle unsere Glaubensgenossen ausbreiten wird." Wst wünschten wohl, daß diese dürre und mangelhafte Skizze auch einiges dazu beitragen möge, die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese höchst interessante Brochüre zu lenken. Schließlich mögen hier noch einige statistische Notizen Platz finden, entnommen der jüngst von der hiesigen alten Gemeinde veröffentlichten „Ueberficht der Einnahme und Ausgabe bei der Hauptkaffe der jüdischen Gemeinde in Berlin, im Jahre 1845." Die Einnahme betrug im Ganzen 32185 Rthlr. 10 Sg. 8 Pf. Hiezu trugen 1326 contribuirende Gemeindemitglüder die Summa von 23749 Rthlr. bei; den Rest bildet der Ertrag von den der Gemeinde gehörenden Kapitalien und Grunvsteüen. Verausgabt wurden aus der Gemeindehauptkasse unter Andern für Gehalte^und Remunerationen an das Rabbinat, den Ober-und Untervorsänger, den Beglaubten, den Buchhalter, den Registeraturbeamten, die Nuntien, den Armenaufseher und den Rechtsconsulenten unv einigen Andern 7238 Rthlr. außer den übrigen besoldeten Beamten, welche ihre Gehalte aus den Specialkaffen der verschiedenen einzelnen Anstalten beziehen. Aus derselben Kaffe wurde an die Lehranstalten der Gemeinde 4500 Rthlr. gezahlt; an die Armenanstalt 3593; an die Krankenverpfiegungsanstalt 6075, 15, 7; an die Alterversorgungsanstalt 2000 Rthlr. — Ueberhaupt betrug die Ausgabe für daS Schullehrerseminar 2158 Rlr. 20 Sg. 6 Pf. — Für die Knabenschule 3292, 22, 9; — Für die Mädchenschule 1921, 4, 3; — also zusammen 7372, 17, 6; für hiesige und auswärtige Arme im Ganzen: 6886 Rthlr. 5 Sg. — Für die Kranken im Krankenhause in der Stadt 10889, 2, 6; und endlich für die Krankenversorgungsanstalt 2839 Rthlr. 9 Sg. 8 Pf. Wahrlich wir fühlen uns von einem freudigen Hochgefühl durchdrungen, indem wir diese Zahlen überschauen, welche doch gleichwohl nur die Summa der Liebesgaben bezeichnen, welche von den hiesigen Juden auf amtlichem Wege gespendet werden. Wie würden wir uns aber erst erhoben fühlen, wenn wir auch die Privatwohlthätigkeit derselben berechnen und überblicken könnten! Gewiß, der Jude führt die Liebe nicht fortwährend im Munde, bewahrt sie aber desto kräftiger in der That. Der Londoner Oberrabbiner. (London, im März.) — Der Bruch zwischen unseren beiden Gemeinden ist, seitdem unser neuer Chiefrabbi gegen ihre gegenseitige Verbindung durch das eheliche Verhältnrß mit vandalischer Wuth sich aufgelehnt, natürlich jetzt viel stärker geworden; da die Burtonstreet-Synagoge, wie es scheint, im Bewußtsein ihres göttlichen Rechts, (denn Nachgebcn wäre hier Schwäche), keinen Schritt von ilrem durch die That des Geistes errungenen religiösen Gebiete zu Gunsten eines Ankömmlings zuriickweicht, so hat letzterer, gleich einem römischen Papste, den Bannstrahl gegen sie geschleudert, allein vergeblich, denn er entzündet sich nicht mehr an dem neueren Sonnenlichte des Geistes. Der alten Gemeinde sind jetzt alle ähnliche Verbindungen, alle religiöse Gememeinschaft mit der neuen stärker untersagt, als es sich vielleicht der frühere polnische Rabbiner hat denken können. Der jetzige Großrabbiner verweigert sogar den Verstorbenen aus gedachter Synagogengemeinde isp-very alten Begräbnißplatze die letzte Ruhestätte. „Allein weiter nichjs als dies", erwievert die Burtonstreet-Congregation^ „recht Gryßhirte; hier hast du deinen Gegner, der Todte ist lischt zu bezwingen, du Lebendiger nimmst den Kampf mit den Tvrten^auf, der ist dein ebenbürtiger Kempe, aber halt! auch diesen sollü du nicht beherrschen, wenigstens soll die Rache, die du an Staub und Asche auszuüben gedenkest, um den Lebendigen Repressalien abzuzwingen, zu Schanden wcrren, die Erde ist groß, nicht der Ort heiligt vcn Torten, sondern der Torte heiligt den Ort.,, Die Gemeinde spracks, und in einem Augenblicke sah sie sich im Besitze eines neuen Begräbnißplatzes, was ihr um so leichter wurde, als sie meistens reiche Mitglieder zählt. Verlag der C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.