Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1847)
- Date
- 1847-03-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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90 göttlichen Gesetzes sei, das Gemüth mit Allgewalt und , erzeugte das Streben, durch Rückkehr zum Gesetze und treuer frommer Erfüllung desselben sich der göttlichen Gnade wieder wertb zu machen. Bald darauf waren durch Esrah und seiner Gemeinde frommes Mühen die zerstreuten biblischen Schriften wieder gesammelt und zu einem Ganzen verbunden worden. Tie Norm für Wandel und Leben also da, die Quelle eröffnet, aus der man schöpfen, mittelst der man wieder zur Bereinigung mit Gott und zu Erlangung des Verlornen kommen konnte. — Wie aber diese Quelle benutzen, wie dieses öfters dunkle Wort deuten? In gewöbnlicher Weise, wie man ein menschliches Buch deutet: diese reicht wohl bei einem solchen, nicht aber bei einem göttlichen aus, das einen unendlichen übermenschlichen Znbalt in sich fasset, wo jedes Wort, jeder Buchstabe, von Gebalt, von hochheiliger Bedeutung sind. Da muß der, welcher das Wort selbst verkündet, auch zugleich die Gesetze seiner Deutung gegeben haben. Und ev hat sie gegeben, in jenen dreizehn traditionellen Grundregeln, riN2die mit dem schriftlichen Gesetze auf Sinai geoffenbart worden. Und so begann die Tradition ihre fruchtbare Thätigkeit und die Eregese der Gesetzeslehrer, welche aus der Wiederholung eines Ge- oder Verbotes, ja schon aus einem hinzugefügten Wörtlein, oder Buchstaben, Neues und Außerordentliches folgerte, ibre schöpferische Kraft. Nebenher tönte jene Mahnung der ersten Lehrer „min1? ü'O : Machet einen Zaun um das Gesetz" durch die folgenden Zeiten und schuf die unter den Normen ymjpn ,nvp» D’J’D bekannte Anzahl von rabbinischen Gesetzen pm“ mosn) und beides, die Eregese und die Zusätze, sie wurden noch eifriger gefördert durch die Bekämpfung anderer unter den Namen D’pni‘ und sonst auftauchenden Richtungen, welche die natürliche Auslegung der Schrift verlangten und dem Anschluß der freieren, heidnischen Sitte sich geneigt erwiesen. Und so entstand in der Mischnah die erste Sammlung jener Gesetze und Schuldiskussionen, deren Studium und Erklärung die späteren Zeiten sich mit gleichem Eifer und Bercicherungslust widmeten, als die früheren dem der Schrift; bis auch dieses reichhaltige aber zerstreute Material gesammelt und geordnet zu jenem voluminösen Werke verbunden wurde, das uns unter dem Namen „Talmud" überkommen; der bald in der Trauer der Zeiten , wo der nach Thätigkeit strebende Geist und das Trost und Befeligung suchende Gemüth, beides nirgends fanden, Geist und Gemüth mit gleich großer Kraft anziehen und sich ihm dienstbar machen mußte, daß man nur in ihm lebte und webte, und mit freudig frommem Sinn neue Erschwerungen sich auflegte, theils als Folge des früheren theils zur Hütung und Befestigung desselben, bis er denn fertig da stand, der wohlzubereitete Tisch, der “]ny gespickt und gewürzt mit der himmlischen Kost und den kostbaren heiligen Ingredienzen, welchen die Behälter des Talmuds, der Geonim und der früheren und späteren Gesetzeslehrer (D’jnnKi DWffjn) in sich verwahrt. Doch jene kindlich gläubige und juristisch berechnende Anschauung, welche die kolossalen Monumente des Talmuds und der rabbinischen Schriften erzeugt hatte, konnte nicht bestehen, sobald der Blick durch die Wissenschaft erweitert und das jüdische Leben von seinen schmachvollen Fesseln befreit ward. Schon die wissenschaftlichen Rabbinen des Mittelalters griffen an vielen Stellen die talmudische Eregese an und eine wesentliche veränderte Richtung mußte die neuere Zeit in der geistigen Thätigkeit der Rabbinen anbahnen. Es sinußte diese vor Allem die wörtliche Inspirations-Theorie, welche dem früheren Rabbinismus zu Grunde lag, und welche mit einer rein geistigen Vorstellung von Gott, wonach er sich auch nur im Geiste, nicht aber im sinnlichen, menschlichen Wort offenbart, schlecht übereinstimmt, verlassen, und fortan nur in der Pflege der Wissenschaft überhaupt und insonders in der Erforschung und Entwickelung des sittlichen Kerns der Schrift, als dasjenige, was das Zudenthnm zum Judenthum, zu der Quelle aller Religionen und zu ihrem Ziele und Endpunkte macht, die Befriedigung für ihren Geist finden, und den Monumenten der Vorzeit sich nur kritisch und reformatorisch zuwenden, um ihren geschichtlichen Ursprung nachzuweisen und daran die Berechtigung zur Gestaltung eines der höheren Anschauung der Zeit angemessenen Lebens zu knüpfen. Und was in seinen tiefsten Gründen von den Lehrern des Volkes erkannt worden, das ist diesem selbst auf anderem Wege, durch den ganzen Umschwung des jüdischen Lebens zum Bewußtsein gekommen. Und die wahrhafte Orthodorie, die freudig fromme Beugung unter das Joch des Gesetzes, sie wird selbst in den Reihen derer