Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1846)
- Date
- 1846-12-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567070--2473-2570512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LI« Illusionen, welchen man sich wegen einzelner Aussprüche und Satzungen hingegcben, dadurch, daß er auf ihren wahren Sinn aufmerksam machte, oder ihre Abgerissenheit und unnatürliche Verbindung mit dem Ganzen nachwies. Dies hat auch zu der vorliegenden Schrift ihm Anlaß gegeben. Herr S. Adler war nämlich bemüht, in einer hebräischen Abhandlung, welche den gedruckten Protokollen der zweiten Rabbiner-Versammlung angefügt ist, den Beweis zu führen, daß auch das talmudische Judenihum die religiöse Mündigkeit der Frauen anerkenne. Dieses mußte Holdhcim allarmiren. Bis fetzt hatte sich die Apologetik auf Allgemeines beschränkt; daß der Talmud auch Menschenliebe lehre, daß er auch Treue und Anhänglichkeit an den Staat verlange, auch die Idee Gottes rein auffaßte u.s. w.; dieß ging noch immer an. Aber selbst da, wo die klarsten gesetzlichen Aussprüche, wie die ganze bisherige Praxis, ein Anderes, ja Entgegengesetztes enthalten, da noch, wie eben Herr S. Adler versuchte, das talmudische Judcnthum in Einklang mit dem heutigen Bewußtsein bringen zu wollen, das war selbst denen, die nicht piquirt auf den Talmud sind, zu viel zugnnuthet, und Hr. Holdhciin durfte sich's daher nicht verdrießen lassen, den gelehrten Apologeten auf jeden Schritt und Tritt zu folgen, und den Scharfsinn und Fleiß, welche er aufgcbotrn, um die Ehre des Talmuds zu retten, als einen höchst unfruchtbaren, ja nur das Gegenrheil rocumentirenden zu bezeichnen. Wir inüssen bei dem engen Raum unseres LitcraturblaLtes den welchen der Streit näher intcressi'rt, auf die Schrift selbst verweisen, und entnehmen nur derselben eine Acußcrung, über den verkehrten Weg der talmudischcn Apologeten in Beziehung auf die Reform des jüdischen Lebens, zu welchem der Adlerische Versuch einen neuen Beleg gegeben: „Es ist ein eigcnthümlichcr Grundzug im Charakter vieler Bestrebungen der Gegenwart, welche eine Ne^orm des talmudischcn Judcuthums zum Ziele haben, in so weit sie namentlich von Rabbinen und Rabbincrvcrsammlungen ausgehen und durch sie den Gemeinden gegenüber Vertreten werden, daß sie einen von demjenigen entgegengesetzten Weg einschlagcn, der allein zum Ziele führen kann. Statt dem Feinde in einer förmlichen Kriegserklärung die feindliche Stellung offen und unumwunden anzukündigen, ihn auf die drohende Gefahr und die Nothwendig« keit seiner Bertheidigung aufmerksam zu machen, und wenn er gerüstet und gewappnet uns entgegentritt, in einer muthigen, entscheidenden Schlacht zu besiegen, sucht man, das Oelblatt und die Taubennatur im Munde führend, alle Symbole des Friedens mit den Händen ihm entgegen hallend, scheinbar mit ihm sich zu versöhnen, von dem ungestörten Friedensverhältniß mit der freundlichsten Miene von der Welt zu ihm sprechend. Statt das Relig onsbewrßn'ein der Gegenwart, das da offensichtlich zu der talmudischcn Grundanschauung des Zudenthums eine feindliche, unversöhnliche Stellung rinnimmt, vom Talmud zu cmancipiren und ihm sein Recht und seine Freiheit, diesem gegenüber sich geltend zu machen, zn verkündigen, wird Unmögliches versucht, wird das moderne Religionsbewußtsein in den Talmud himin getragen, dieser in jenes zurückgetragen und auf solche Weise werden zwei der ungeselligsten, feindlichsten Elemente scheinbar mit einander versöhnt und innig verbunden, die, we n sie sich in ihrer .Zvähren Gestalt und Natur erkennen sollten, wie Tag und Nacht wie Licht und Ginstern iß, einan-hd ssjiehen würden. Und dabei thut man sich Fvf dieses JriedensveriNttlefungSgrschäst so viel zu Gute, daß ma^ sich deshalb zu den Schülern Ahrons zählt, ganz — im Sinne des Talmuds — dessen Wesse nachahmend, rundes Friedens Willen eine kleine Unwahrheit sich zu erlauben und jedem Einzelnen der zwei bittersten Feinde vorzureden, sein vermeintlicher Gegner sei sein bester Freund jAboth des R. Natban 1, 12). Das Auffallendste hierbei ist, daß diejenigen, welche solche liebliche Wege und friedliche Steig? verfolgen, Anderen gegenüber, welchen ein viel weniger liebliches Loos gefallen und die daher, um zum Ziele zu gelangen, mitunter aus den dornigsten Wegen sich Bahn brechen müssen, auf die historische Bedeutsamkeit ihres Verfahrens so stark pochen. Mögen so viele Jahrhunderte den Talmud ganz anders ausgefaßt und verstanden, mögen alle die zahllosen Geschlechter, die in den letzten beinahe zwei Jahrtausenden lebten, das talmudische Bewußtsein ganz anders in sich'getragen und in den mannigfaltigsten Gestaltungen ihres Lebens verwirklicht haben, es thut nichts, Alle haben sie rammt und sonders den Talmud theoretisch mißver- - standen und.praktisch mißbraucht, und solchen Mißverständnissen . Md MßbräuHen gegenüber, dürfen wir nicht anstehen, unsere w'dhre Theorie vom Talmud festzustellen." Wir miMrr-uns mitMpftn -Äußerungen vollkommen einverstanden erklären, obgleich' wir die „kriegscrklärendc" Stellung wie sie Holvheim von der Reform ihrem „Feinde", dem Talmud, gegenüber verlangt, nicht durchgängig billigen können; denn nicht zu gedenken, daß manche Reformen auch vom Standpunkt des Talmuds gerechtfertigt, ja gefordert werden können, was für die Gewissen derer, die noch nicht'mit demselben zu brechen vermögen, doch von Belang ist, so muß von den sonst rationellen und humanen Aeußerungcn jenes Buches, wenn sie auch seinem Prinzip widersprechen gerade um so mehr Notiz genommen wrden, als sie von der inneren Macht der sittlichen Wahrheit, der setM sonst von ihr abgefallene Nationen sich