Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1846)
- Date
- 1846-12-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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415 haschen nicht nach Witzen, wir laufen ihnen nicht nach, man darf es uns glauben, wir lassen davon mehr zurück als wir bringen. Nicht -er Witz an sich ist unwürdig oder verwerflich, wohl aber kann es der Gebrauch se n, welcher von demselben gemacht wird; wer diese Waffe führt, gleichviel ob mit starker Hand oder mit schwacher Kraft, soll nie außer Acht lassen, daß sie ohnehin scharf und verletzend genug ist, und nicht noch überdies gegen alles Äriegsrecht Schneide oder Spitze mit Gift überziehen. Es unterscheidet sich jedoch der geistliche Stand von den übrigen Standen dadurch, daß er allein auf seinem Gebiete, d. h. auf theologischem Felde diese gute Wehr nicht will gelten lassen. Welche plumpe Cpäffe müssen sich andere selbst gelehrte Professionen der Arzt, der Advokat, z. B-, im gewöhnlichen Leben nicht gefallen lassen; jenem wird Charlatanerie und Empirie, diesem Aufhetzerei und Eigennutz vorgeworfen, ohne daß sie sich viel darum kümmerten. Wer aber einem Geistlichen ähnliches bieten wollte, würde von demselben gewiß als ruchloser Spötter, wo nicht gar als lästerlicher Ketzer hart angelassen. Ist aber die Theologie etwas anderes als eine Wissenschaft? Ist sie besser angebauet als Arzneikunde und Ncchtsgelahrtheit? Ist der Geistliche in der Lage mehr Gutes zu wirken als Arzt und Advokat? Mit Nichten. Er hat nur Andere, mitunter sich selbst daran gewöhnt, seine Sache für die Gottes zu halten und auszngcbrn, wobei er sich denn auch so gar übel nicht befindet. Das ist Geigers Stellung, das seine Empfindlichkeit uns gegenüber. Der Ton unserer Correspondenzen scheint ihm unwürdig, er empfindet bei manchen Witzen Ekel, „sie sind ihm blos rin Beweis, daß gewisse Kreise, in wel. chen sie gern gehört werden mögen, -eine ernste Behandlung ernster Gegenstände nicht begreifen, - nicht zu würdigen wissen, daß sie (die Kresse) sehr tief stehen, blasirt sind." Wir bekennen, bei einem Manne wie Geiger, 3") NEHn quoique Rabbiu, eine solch völlige irrige Auffassung nicht vermuthet zu haben. Wir wollen mit ihm darüber nicht streiten, was ächter, was falscher Witz ist; wir trauen und gestehen ihm hierüber, nachdem, was das Sendschreiben davon sagt, kein richtiges Urtheil zu. Wir ziehen vor, unsere ihm besonders anstößigen Correspondenzen, die letzte Rabbinerversammlung betreffend, zur Hans zu nehmen, und die incriminirten Stellen genauerer Betrachtung zu unterstellen. Hätte Geiger erste mehr als flüchtig durchgesehen, und wir scheuen uns nicht, hinzuzmügen. selbst nur der Form nach zu würdigen gewußt, er hätte uns nicht die Geschmacklosigkeit Zutrauen können, Hrn. Philippson als „lithographirten Rabbiner" bezeichnet zu haben. Mit Hrn. Philippson als Rabbiner haben wir überhaupt noch wenig zu thun gehabt, desto mehr aber mit demselben als Redacteur. Er hatte vermuthet, die erste Protestation gegen die Sabbathbeschlüffe wäre vom hiesigen Reformvereine ausgegangen, überdies geradezu uns als deren Verfasser beze chnet; wir fanden das sehr kurzsichtig von dem „lithographirten Redacteur eines Blattes von zehn Jahren", in welchem letzten wir, beiläufig bemerkt, vor längerer Zeit die Lithographie des Herausgebers auf eine, wie es uns schien, unpassende Weise angezeigt gesehen hatten. Ein li. thographirter Rabbiner, das ist etwas rechtes! Wenn wir zufällig die hiesige Judcngasse passiren, begegnen wir lithographischen Abbildungen gleich costümirter Rabbiner unv Pfarrer, erste zuweilen durch die Zier eines Burnus-Ueberwurfes ausgezeichnet, auf dem Trödel, ohne daß uns dabei etwas ein- oder davon etwas auf. fällt, nicht einmal mehr die eine Tracht der Confessioncn. Wir hatten ferner die Sabbathbeschlüffe mit in Protest gegangenen Tratten verglichen, für welche niemand als Ausgeber aufkommen wolle; darin ist gar kein Witz und nur ein Gleichniß zu finden, ja wir hatten ausdrücklich dazu bemerkt, daß wir nnS eines „Gleichnisses aus dem kaufmännischen Leben bedienen" wollen. Charakteristisch ist jedoch, daß Geiger über dessen Veranlassung unv Begründung hinwegsseht, darüber nämlich, daß Hr. Philippson die Beschlüsse der diesjährigen Rabbinerversammlung unter die „Schwächen", welche sich als Schwankendes und Halbes schon von selbst verlieren würden, rangirt, Hr. Stein aber sich öffentlich dagegen verwahrt hatte, „als wollte er sich und sein Streben mit jener Versammlung identificircn." Gegen diese beiden Schuldigen hätte der Zorn des Herrn — Präsidenten zu entbrennen und sich Luft zn machen Ursache gehabt, nicht gegen ein harmloses Gleichniß. — Wir haben weiter nicht von „mittelmäßiger Sentimentalität", wie das Sendschreiben citirt, geredet, wohl aber von dem schädlichen Einfluß einer „wässerig - semimentalen Mittelmäßigkcil", und zwar nicht im Scherze, sond rn in bitterem Ernst. Durch Schabbeökippes sind blos die im eilften Sabbathbeschlüffe als „unter Umständen heilsam" empfohlenen „Vereine zur Herstellung einer würdigen Sabbathfeier" bündig, unsres Dafürhaltens verständlich genug, wiedergegeben worden; daß sie sich in dieser nicht sowohl witzigen als bezeichnenden Umschreibung nicht gut ausnehmen, ist nicht unsere Schuld. — D e Frage endlich: Kann eine Schabbesgoje Schabbesvereins-Mitgliev werden? mag immerhin ein schlechter Witz sein, ihren Zweck dürfte sie nichts desto weniger erreicht, solchen eigentlich kindischen, anscheinend selbst Schlimmes beabsichtigenden Versuchen nämlich dadurch, daß sie solche in ihrer Hohlheit und Lächerlichkeit erkennen lassen, ein Ziel gesteckt haben. Oder hätte es vielleicht Geiger vorgezogen, wenn wir statt an die nach den ästhetischen Ansichten des Heineschen Mansche Lümpchen, des Steinheimischen Obbadia, und deck