Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1846)
- Date
- 1846-12-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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400 Überlieferten zu verlassen. Wobl wird auch sie unbewußt von dem Processe der Entwicklung ergriffen und weiter gefükrt. Wer sie aber darin stört, wer ihr mit Gewalt ein Bewußtsein dessen, was mit ihr vorgeht, aufdringen will, der leistet ihr einen schlechten Dienst, wer ihr, wie Holdbeim, sagt (S. 71): „Es hat die Feier dieses Tages einst dem Heidenthume gegenüber die wesentlich von ihm sich unterscheidenden jüdischen Religionsideen sinnbildlich dargestellt, an sich aber, und abgesehen von den Ideen, die uns anderweitig als Eigenthum gewonnen sind, kann er keine Bedeutung mehr haben," der setzt sic der Gefahr aus, gegen das ganze Institut gleichgültig zu werden, was gewiß ein Unglück wäre. Dazu kommt, daß die Feier dieses Tages allerdings heute noch das hauptsächliche unterscheidende äußere Merkmal des ZudentKums ist, eine Unterscheidung, die zu verwischen um so weniger unsere Aufgabe ist und sein darf, je mehr wir bestrebt sind und sein müssen, alle anderen unberechtigten Scheidewände im Leben wcgzuräumen. — (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Die Rabbinerversammlung; Herr Tiktin. §§. (Breslau, im Nov.) — Das Erscheinen der Protokolle der dritten Rabbinerversammlung hat hierorts einen überaus günstigen Eindruck auf die Kräftigung des allgemeinen Vertrauens zu den Bestrebungen derselben hervorgebracht. Das Publikum ist nun in den Stand gesetzt, die gelammten Leistungen der diesjährigen Versammlung in klarer Ueberstchtlichkeit zu erfassen, die ernste und lobenswcrthe Haltung derselben bei der Behandlung der ihr vorgelegenen Fragen gehörig zu würdigen. Wenn wir die Leistungen der Versammlung nach dem Erfolg, den die bereits in der hiesigen Gemeinde geschehene Einführung mehrerer Beschlüsse hatte, beurtheilen, so können wir dieselben nicht anders als wahrwaft groß (?) und für die weüere Gestaltung der Reformen im Judenthume das günstigste Prognostikon stellend bezeichnen. So haben hier bereits die Beschlüsse in Bezug auf den zweiten Feier, tag, den dreijährigen Cpclus im Verlesen der Thora, die Beschnei-, düng, einen praktischen Boden gefunden, ohne auf Widerrede zu stoßen. Gehören wir auch zu denen, die nur in einer durchgrei. senden und völlig radikalen Umgestaltung aller im Judenthum vorhandenen und in unserer Zeit nicht mehr passenden Formen ihre Befriedigung finden, so sind wir doch der festen Ueberzeugung, daß eine solche Umgestaltung nur durch das Institut der Rabbinerversammlung und auf dem Wege geschichtlicher, allmäliger Entwickelung, den die Versammlung betreten und mit strenger Consequenz verfolgt, vermittelt werden kann. Die Zukunft wirds lehren, aber schon die Gegenwart spricht mit den unleugbarsten Thatsachen, wie viel dies Institut zu der einstigen Herstellung eines gesäuberten Zudenthums beigetragen und noch beitragen wird. Es gibt nichts Lächerlicheres, als wenn unsere alten orthodoxen Rabbinen in der langen Schibize und dem sehr breiten Hute, um dem gebildetern Theile ihrer Angehörigen zu gefallen, bloße Formen und Aeußerlichkeiten neuer Rabbinen annehmen, ohne den gehörigen geistigen Gehalt mit denselben zu verbinden. So sehen wir Hrn. Tiktin solcher leeren Nachäfferei seit einiger Zeit sich eifrig hingeben. Die alten Rabbinen hielten Vorträge halachifchen oder magidischen Inhalts in ihrer Sprachwcise. Hr. Tiktin will mit einem Fuße ein neuer Rabbiner sein und hält zugleich Predigten. Nun ist aber Hr. Tiktin der deutschen Sprache nicht mächtig, noch besitzt er die Kraft, ein zusammenhängendes, von irgend welcher hohen zur Erbauung gehörenden Zdee getragenes Ganzes zu Stande zu bringen, und sein Vortrag, weit entfernt, die Gemüther zu ergreifen, gibt nnr wegen der Anzahl von auffälligen Casus, und Construktionsschnitzern häufigen Anlaß zum Sichlustigmachen. Eine Zusammenhäufung von Bibel-, Talmud- und Midraschstellen, die selten miteinander in logischem Zusammenhang stehen, gilt ihm als ein Vortrag, der die Zuhörer zur Andacht stimmen soll. Würde er in der gewöhnlichen Weise der polnischen Rabbinen seiw Vorträge halten, wir würden es ihm als polnischem Rabbinen und vor einem Publikum, das seine Befriedigung in dieser alten Weise findet, nicht verargen; so aber ist es pure Renommisterei, sich als neuen gebildeten Rabbinen zu geriren, ohne die Berechtigung, das geistige Vermögen dazu zu haben, und wir rufen ihm mit Recht jenes: ne 8vtor «upr» erepisnm! zu. Zn letzter Zeit rückte derselbe mit einer Annonce in der hiesigen Zeitung heraus, daß er einem tiefgefühlten Bedürfnisse entgegenzukommen gedenke, indem er einen judenthümlichen Religionsunterricht von Neujahr an eröffnen werde. Von dem tiefgefühlten Bedürfnisse muß Hr. Gedalje nur allein wessen, denn so viel uns bekannt ist, bewährt sich die Wirksamkeit der von Herrn Dr. Geiger geleiteten Anstalt zu diesem Behufe sowohl durch die große Zunahme der Schüler, als auch dadurch, daß selbst die meisten Gegner des Anstaltdirektors ihre Kinder in dieselbe schicken, immer