Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1846)
- Date
- 1846-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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405 Rechenschaft gegeben habe. Meines Dafürhaltens ist dieser Gegensatz durchaus nicht verbanden, ist nicht, wie Holdheim sich ausdrückt, „die Anschauung des Mosaism. in einem sehr wesentlichen Punkte überwunden, ohne bis zum völligen Durchbruche gekommen zu sein, der auch die Consequenzen mit sich fortreißt, sondern nur ihrer gesetzlichen Form und bildlichen Umhüllung entkleidet. Tie ethische, heiligende Thätigkeit hat gewiß auch der Mosaism. bezweckt und gefordert, so wie er auf die Tbätigkeit Gottes, auf die Offenbarung seines Wesens der Heiligkeit das ganze Gebot aufgebaut bat. Die Fortbildung und Entwickelung bestand aber darin, daß das starre Gebot — als Gebot aber nothwendig negativ, als Arbeitsverbot — sich zu einer Heilsanftalt, zu einem rein religiösen Institute heraus zu arbeiten suchte. Der Propbctism. läßt daher das Verbot der geschäftlichen Thätigkeit bestehn, ja schärft es sogar ein — während er doch andere rein symbolische Gebote, das Passahopfer z. B. fallen läßt — weil ihm dieses in sich selbst Zweck bat, mit seiner Anschauung wohl vereinbar ist und fügt nur die Heiligung durch Gottesverebrnng und durch Wohltbätigkcit hinzu. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß somit der ganze weitere Bau der Consiqucnzen Holdheims nicht mehr festbält. Wenn er weiter schließt, daß, weil bei uns die Feier das Wesentliche, die Ruhe nur so weit geboten sei, als sie die Feier bedingt, so hat der Schluß den Fehler, daß er das sociale Element von unserer Feier ganz ausschließt. Eingekeult in dem ausgestellten Dilemma, kehrt er der Anschauung und dem Gebote des Mosaism. ganz den Rücken nndmuß die Ausgleichung zwischen Lehre und Leben für unmöglich halten, was doch gerade die Aufgabe der Versammlung war. Zeigt sich in dem Bisherigen schon, wie mißlich und hinderlich cs war, aus der Rüstkammer der Spcculation und namentlich der Symbolik die Leuchtkugeln zu holen für die Lösung des Problems, so tritt diese Folge noch schroffer hervor bei mehreren andern Rednern, die an dieser symbolischen Bedeutung basten bleiben und aus ihr nicht herauskommcn. Holdheim kommt heraus, aber freilich um den Preis, daß er im bewußten Gegensatz zur Bibel die Lösung für unsere Zeit sucht. Ihm ist das spätere Religiousbewußrscin gleich berechtigt, ebenfalls ein göttliches, und so sagt ers denn offen, daß unsere Sabbathfcier die symbolische undceremonkelle Bedeutung aufzugeben habe. Auch die Verlegung des Sabbaths auf einen andern Tag bat ihm in sofern keine unüberwindliche Schwierigkeiten. Und, „wenn er auch keinen derartigen Antrag an die Versammlung stellt, weil er überzeugt ist, sie — die Verlegung — werde von dem größten Theile des Volkes mit Entrüstung zurückgewiesen" so läßt er sich doch davon nicht abschrccken, zu bekennen, „eS gebe leider kein gründliches Mittel, den Eonstict der Sabbatbfeier mit den Anforderungen des bürgerlichen Lebens auszugleichcn, als die Verlegung auf einen bürgerlich freien Tag" und erklärt diese Verlegung für zulässig. Ich ebre diese Offenheit, diesen Much. Ist man einmal, wie Holdheim, überzeugt, daß der biblische Standpunkt gänzlich verlassen worden ist und verlassen werden muß, um zu einer vernünftigen Sabbatbfeier zu gelangen, dann bat auch dieser letzte Ausstuß der Ueberzeugung seine volle Berechtigung. Warum mir ibr hinter dem Berge ballen- Ich habe aber diese Ueberzeugung nicht. Ich halte dafür, daß der Mosaism. mit seinem Rubegebot, vernünftig, sittlich praktisch aufgefaßt, auch auf unserem Standpunkte noch Geltung habe. Und ich halte das Bewußtsein der Uebcreinstimmung unseres religiösen Lebens mit der Lcbre in einem so wesentlichen Punkte für zu wichtig, als daß wir es stören und Gegensätze schaffen dürften, so lange sie irgend zu vermeiden sind. Wenn Holdheim selbst zngestebt, daß der größte Tbcil des jüdischen Volkes die Verlegung mir Entrüstung zurückweisen würde so muß er, selbst auf seinem Standpunkte, dieser Entrüstung historische Berechtigung zuerkennen, es muß ihm ein Fingerzeig sein, daß die Verlegung doch noch etwas mehr auf sich haben würde im Eompler des religiösen Lebens. Nur keine Illusionen! Es kann sich wohl ein Haustein gleichgesinnter Männer zusammenthun, dem die Autonomie der Vernunft, dem die Macht eines Gedankens auch in religiösem Gebiete alles ist, alles zumutben darf, das vor keiner, wenn auch noch so eklatanten Umgestaltung zurückschrickr, das sich gegen die historische, gegebene Unterlage überhaupt gleichgültig verhält, weil ihm der Begriff des Göttlichen naturwüchsig, biegsam und deutsam geworden ist. Von einer Gesammtbeit aber dürfen wir nie erwarten, daß ihr die Herrschaft der Rcflerion so weit reichen wird, die historischen Stützen und Unterlagen bewußt wegzuwerfen, mit einem Rucke das Terrain des geschichtlich