Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1846)
- Date
- 1846-12-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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393 ein jüdischer Lehrer aus einem Vereine unterstützt, der unter dem Einflüsse der hiesigen Geistlichkeit entstanden und noch besteht. Der Verein heißt: „das Pitchonstift. von dem Consistorialrakh Pischon ins Leben gerufen, und dazu bestimmt, Lehrern, die arbeitsunfähig geworden, beijiistehen. Auch zeigt sich der vorurtheilsfreie Sinn unserer christlichen Mitbürger darin, daß sich Viele von ihnen bei der Adresse an die badische Kammer wegen ihrer Beschlüsse in der Sache der Judcncmancipation betheiligen. Auffallend ist es. daß sich für diese gute und gewiß für andere Kammern zu ähnlichen Schritten aufmunternde Sache die Anhänger der Reform sich nicht im gleichen Maße mit den übrigen Juden intercssiren. Es mag sein, daß es geschieht, um allen Schein der politischen Demonstration von sich fern zu halten, allein wer weiß ob nicht die leibliche Emancipation nicht eben so gewichtig darsteht, wie die geistige, wenn nicht noch gewichtiger. Erst bringt der Mensch als Kind sein leibliches Recht und dann sein geistiges zur Geltung. — Mcierbeer, welcher bekanntlich hier Generalmusikdirektor (der höchste Beamte in dieser Sphäre) ist, war am Succothfeste im Gotieshause, nicht in der Reform (wie man sich hier vulgo ausdrückt), sondern in der Schule Hezdereidergasse. Obgleich sich seine Mutter (Amalie Beer) der Reform angeschlossen, so scheint er doch von dieser nichts wissen zu wollen. Achnliches läßt sich von Mendelssohn sagen, der sich beim Aufbau der neuen Synagoge beträchtlich betheiligt haben soll. Als Anomalie zu beider B nehmen möge das Faktum angeführt werden, daß Mendelssohn seine Kinder bereits bei ihrer Geburt dem Christenthume übergeben, unv Mcierbeer setzt seine 13/ährige Tochter zum Pastor Jonas gehen und sie von ihm zur Consirmation vorbereiten läßt. Jedoch soll er sich am letzten Feiertag und, wie man hört, nur nm den neuen Cantor zu hören, in der Synagoge eingcfunden haben! Er will nichtsdestoweniger Gesänge für die neue Synagoge komponiren. — Michael Beer, welcher leider schon in seinem 33sten Jahre verstarb, war immer ein großer Anhänger des Judenthnms. In Bezug aus die zu bauende Synagoge habe ich Ihnen zu berichten, daß zwar vom Minister Eichhorn die Erlaubniß zum Aufbau derfekben cingelaufen ist, aber noch nicht vom König. Es besteht eine Bestimmung, daß in hiesiger Stadt für jeden Neubau eines öffentlichen Gebäudes die besondere Erlaubniß des Königs erst eingeholt werden muß, was indessen, wie schon angedeutet, nur für die Residenz gilt. Den Fond für den Bau hat man fast ganz, denn cs sind bereits so viele Plätze verkauft, daß sie über 85,000 Tblr. betragen, und es ist min bestimmt eine Schenkung von 20,000 Thlr. der Gemeinde zu diesem Behufe von der bekannten Wittwe Sara Levi, geb. Jtzig, geworden. Diese Dame ist 86 Jahr alt. hatte von jeher einen Umgang mit den größten Männern der Zelt, wie Humboldt u. A.; dieselbe hat sich bloß die Zinsen von dem Legate so lange als sie noch lebt, Vorbehalten. Jüdische Zustände. (Ärakau, im Oct. — Schluß. S. Nr. 47.) — Daß der religiöse Geist der Juden, der bis jetzt in der Küche gebannt war, aus derselben endlich befreit, und in die Grmüther und Herzen Israels gebracht werden müsse, zweifelt gewiß Niemand. Doch aber muß von einer ganz andern Seite der Anfang gemacht werden. Ein so ungeschickter Anfang mit dem unschuldigen Reise, den unser Herr Jsserls, wer weiß aus welchem Wiltn oder Gicrah verboten, nützt nur nichts, sondern macht N"N, wenn ein Christ diese Albernheit in einem ächten Küchendeutsch liefet. Die 4. N. B. Wird, gewiß auch dahin ihr Augenmerk richten, sicherlich dahin wirken, daß die Schmach Israels von dieser diätischen Institution, durch Entfernung aller Lächerlichkeiten und Fiktionen, weiche, wie sie dieselbe von der Sabbath-Jnstitution bereits entfernte. — Juden sollen Landleute, d. h. Dauern werden, und sollen sich einen Schochet halten. Wahrend selbst der Talmud sehr rücksichtslos behandelt, u. (Chulin 27.) Rabbi Jchuda ihr jede biblische Begründung abspricht, und sicher nur wegen Gserah u. n"2jl das Schlachten bei Geflügel anorvuet, wird ein polnischer Rabbi gewiß sich weigern, einem frommen arbeitenden jüdischen Bauern zu erlauben, sein Geflügel sich selbst zu schlachten; indem er vor einer HD“n fürchtet. Aber selbst die wirkliche Shchitah wie klein! ch lächerlich ist die nicht behandelt worden; während sie in der Schrift kaum einer Andeutung (Schulin 28) sich erfreut^ und nur ein reiner Akt der Menschlichkeit und der Sanität ist. Freilich fiele dadurch ein Hauptpfeiler jüdischer Wirksamkeit; allein Rabbiner der Gegenwart haben Herz, Gemüth und Kopf, das wahre Mcnschthum ihrer Gemeinden, zum Wirkungskreise, und können füglich die Küche denen sie zukömmt, überlassen. Erlauben Sie mir zum Schluffe die Mittheilunz einer wahren Anekdote. Ein Nestor-Rabbiner Schlesiens, der deutschen Schrift und Sprache unkundig, hörte durch Zufall von einem müßigen Schwätzer Etwas von der R.-V. zu Breslau. Dadurch neugierig gemacht, oder feiner trüben Ahnung folgend, ruhte er nicht bis er die Quelle des Schwätzers entdeckte, die politischen Zeitungen, und ließ sich dieselben vorlcscn. Mißverffänbiiiffe die einem Manne wie der guü«t. Rabbiner, gewiß zu verzeihen sind, oder selbst die achtreligiösen Wahrheiten über Sabbath und Tranergesetze, verstimmten unfern Rabbi aufs Aeußcrstc, und vermochten ihn zu dem merkwürdigen Ausrufe: „Hätte ich nur Dentschschreibcn gelernt, nein! dazu hätte ich nicht geschwiegen." Gewiß das erste Mal in seinem thatenreichen Leben, bedauert der Rabbi seine Unwissenheit, und wir stimmen aus purem Menschengefühl mit in sein Bedauern ein. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchyaudlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offeubach.