Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1846)
- Date
- 1846-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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390 Do dem Juden noch der Talmud ein heiliges Gesetzbuch, zu. gleich die Blüthe menschlicher Weisheit und der Inbegriff alles Wissenswürdigen, wo ihm noch das Studium desselben würdigste Beschäftigung, höchste Lebensaufgabe und überdies religiöscs Gebot ist, da leistet die Tüchtigkeit im talmudischcn Wissen Gewähr für jede andere Tüchtigkeit, der Talmudist ist der Fromme, der Weise, der Gelehrte pur excelleuce, und glücklich die Gemeinde, welche einen Talmudisten von erstem Wasser zum Rabbinen hat, sie besitzt in ihm ein unschätzbares Kleinod, den Mann, bei welchem sich die Gcsammtheit und der Einzelne in allen Lcbensvcrhältnissen, gleichviel ob von der höchsten Wichtigkeit oder von der größten Unbedeutenheit, Nalhs erholen kann; der Mann kennt den Talmud in seinem ganzen Umfange, der wieder Auskunft über alles und jedes zu geben weiß. Das Vertrauen in diesen Mann ist unbegränzt; wer sich untersteht anderer Meinung zu sein als er, wird als Unverschämter Ov^Ti) verachtet, wenn nicht gar als Ketzer verfolgt. Diese Zustände haben sich in den meisten polnischen und ungarischen Gemeinden ziemlich ungetrübt bis in unsere Zeit erhalten. Wo jedoch wie in den jütischen Gemeinden Deutschlands der Talmud diese Schätzung nicht mehr findet, hat auch der Rabbiner nicht die alte Geltung, und ist überhaupt mit diesem Stande und dessen Stellung die wesentlichste Veränderung vor sich gegangen, insbesondere dadurch, daß die Regierungen vom anzustelienven Rabbiner Gpmnasial- und Univcrsiiäts-Studien fordern. Nicht nur kann, wer vom Baume der Erkenntniß gekostet, nicht wieder in die alte Unwissenheit zurückfallcn, nicht zu dem früheren Köhlerglauben wicdcikehren, mit Herrn Frankel zu reden, nicht mehr naiv sein, nicht nur hat er seine Zeit auf anderes als auf das Talmudsiudium zu verwenden, anders ausgevrückt, er darf sich nicht einem beschäftigten Müßiggänge hingebcn, sondern das Vertrauen in ihn schwindet bei den Altgläubigen in gleichem Verhältniße, als ihm nach deren Ansicht alle Heiligkeit wie Gelehrsamkeit abgeht. Da die Gewalt, wenn man will, die Macht der Rabbiner in älterer Zeit nicht sowohl prinzipiell als conventioncll begründet war, so mußten diejenigen unserer Rabbinen, welche davon nicht mehr als nöthig aufgebcn mochten, sich aber der alten Stützen und Hebel beraubt fanden, sich nothge. drungen nach neuen umschcn. Zunächst bot sich ihnen die Analogie christlicher Einrichtungen dar. Gewohnt die Juden, wenn auch nicht als auserwähltes, doch als abgesondertes Volk zu betrachten, hatten sich bis gegen Anfang dieses Jahrhunderts die deutschen Negierungen kaum um deren innere Zustände bekümmert, und sich begnügt, sie im Allgemeinen gewähren zu lassen. Als endlich die Thore der Judengasscn sich öffneten und der Einblick in diese selbst sich gleichsam auszwang, konnte cs nicht anders kommen, als daß an die sich darstellenden Zustände der christliche Maßstab gelegt, und beim Ordnen derselben von christlichen Ansichten ausgegangen ward. So fand man in den Gemeinden Rabbinen vor, und wendete auf sie den christlichen, dem Judenthume fremden Begriff von Geistlichen um so mehr an, als sie mit dem lange vorher schon erfolgten Aufhorcn ihrer Jurisdiction den richterlichen Charakter längst verloren hatten, kein eigentliches Lehramt bekleideten, und sich nur unter jene Categorie bringen ließen. Unsere Rabbinen ließen sich dies im allgemeinen gerne gefallen; .die alten Schlages zur Vermehrung, die modernen zur Begründung ihres Ansehens und ihrer Gewalt; letzte war ihnen nun nicht mehr bloß vom Herkommen und durch Autonomie eingeräumt, sondern vom Staate übertragen. Unsere neueren Rabbinen haben mit den alleren nur noch die Bezeichnung gemein, sie haben sich nicht wie diese in den Talmud eingelebt, und besitzen gewöhnlich (?) nur eine oberflächliche Kenntnis desselben und dessen zahlloser Comentatorcn, welche höchstens zu n Orientiren ausreicht. Grade aber weil ihnen diese ursprüngliche Grundlage des Rabbinerthums abgeht, kehren sie mehr die ursprünglich nicht jüdische, um nicht zu sagen, antijndische Seite hervor und stellen sich ihren Gemeinden als Geistliche dar. Sie haben Predigt, Musik und deuisches Lied in die Spnagoge gebracht, sie halten Consirmations-, Trauungs- und Leichenreden, und tragen eine Amtstracht wie die christlichen Collegen; wir tadeln sie deßhalb nicht, wir referiren blvs. Jeder Stand sucht seine Vorrechte zu behaupten, sein Ansehen zn befestigen und zu vergrößern; die vormaligen Rabbinen thaten dies in ihrer Art, die heutigen versuchen es auf ihre Weise. Jene hatten es freilich bequemer, ihr Ansehen und der Volksglaube wurzelten in einem und demselben Boren, im Talmud. Diese fanden eigentlich nur den staatsgrsrßlichen Boven unter ihren Fii» ßen, unv mußten für religiöse Anknüpfungspunkte sorgen. Glücklicher-, auch natürlicherweise traf sich dies in einer Ueberu,ic> Durchgangsperiooe, wo das alte jüdische Glaubensgebäude verwittert abbröckelte, mo neuer Unterlagen bedurfte, die denn so hergrrichtet wurden, daß sie die permanente Einwirkung des Geistlichen unentbehrlich machten. Den Gegensatz zum Geistlichen bilden die Laien, das prokanum vulKus, das Volk, und wenn ein Rabbiner von seiner Gemeinde redet, legt er mit Recht den Nachdruck auf das Fürwort. Jüdische Ncformftcuiide find 'ihm abgesagte Feinde seines Standes und schon als solche zuwider;