Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-12-06 · Heft 49 (6.12.1846) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 49 (6.12.1846)
Date
1846-12-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567067--2428-2570464
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

380 ganz umgeben kann, darum soll ich dieselben nicht möglichst vermeiden, darum soll ich lieber ihrer vollen Einwirkung mich aussetzen? Ob die Leute auf unsere Erleichterungen warten und sich mit denselben begnügen, sind leere Fragen. Die Einen begnügen sich nicht damit und während sie bei Dingen, die keinen Gewinn versprechen, vergebliche Verfechterder starren Orlbodorie sind, stürzen sie sich in den Strom des gemeinen, nicht durch höhere Anschauungen geleiteten Lebens, wo ein materieller Gewinn in Aussicht stedt. Diese ebensowobl aufz «klären, wie ihr Gewissen zu schärfen, ist unsere Pflicht, und wer dieser in rechter Weise nachkommt, wird sein Wirken nicht ganz fruchtlos sehn. Die Andern wollen von neuen Anordnungen gar keine Notiz nehmen; sebr wohl. Glauben Sie aber, daß die alten Bestlmmungen so rasch und mit einem Male, unmittelbar nach dem ersten Aussprüche, Eingang gefunden haben?* *) Das hat sich erst im Verlaufe der Zahrhunix sein Gewerbe am Samstag nicht fortsetzt, seine Kunden versiert, oder bei einem Geschäftsmann, der, wenn er sein Geschäft an diesem Tage ruhen läßt, die Concurrenz nicht aushaltcn würde, da ist an eine Vertretung durch Nichtjuden kaum, und ohne Aufmerksamkeit darauf von Seiten des Israeliten, gar nicht zu denken, und davon müßte dann allerdings die öffentliche Meinung bei dem von der Rabbinerversammlung statuirten Unterschied zwischen Israeliten unv Nichusraeliten sich alsobald des früher bestandenen und in der starrgesetzlichen Anschauung des Talmuds wurzelnden erinnern, und ihn vom Standpunkte ihrer höheren und sittlicheren Anschauung aus zurückweisin. — *) Ich weiß nicht, wodurch ich den geehrten Verfasser veranlaßt habe, einen Glauben bei mir vorauszusetzen, den selbst das Haupt des histonsch-positiven Judenthums nicht haben dürste. Ich sagte: „Die Orthvdoren werden auch die bescheidenen Konzessionen (in den Sabbathbcschlüssen) nicht wagen, die freien hingegen, wie bisher, so auch fortan, weit hinaus über dieselben gehen, und die noch Schwankenden auch keinen Monat bei bem stehen bleiben, was die Rabbiner - Versammlung cinzupäumen für räthlich gefunden." Dieses scheint mir ganz in der Natur jener Beschlüsse, wie in der Stellung der Parteien zu ihnen, zu liegen. An jenen hat nämlich die Idee, wie die Akkomodation an die gegenwärtigen Ansichten und Zustände, einen gleich großen Antheil. Diesem Vermiitlungsprezeß müßten aber nur wir armen Rabbinen uns unterwerfen; die (sogenannten) Laien, die Glieder unserer Gemeinden, haben dieses nicht nöthig, nyd darum ist, was die praktische Wirkung jener Beschlüsse betrifft, dieselbe doch nur auf die Schwankenden, namentlich ans die angehende Zugend und diejenigen unter den Erwachsenen, welche den Baum der Erkenntniß noch nicht recht gekostet, beschränkt; was aber nur für kurze Zeit sein kann, da derte eingelebt. Unsere Aussprüche werden, insofern sie dem geschichtlichen Verlaufe der Tinge entsprechen, nicht so viel Lustren zur Verwirklichung nötbig baden, wie jene etwa Jahrhunderte. Ter Beschluß über den zweiten Festtag bat nicht blos im Gottesdienste, wo einzelne Aenberungen ihn als untergeorvlnten Festag bezeichneten, sondern auch im Leben bei mebrern Mitgliedern der hiesigen Gemeinde, weiche sonst Sabbatbe und Festtage treu beobachten, Verwirklichung gefunden, und allmälig wird deren Anzahl sich vermehren. Ten Beswluß über den dreijährigen Cyclus habe ich im vorigen Jahre auszuführen nicht die Hoffnung hegen dürfen, in diesem Jabre ist er ausgeführt worden, wohl mit dem Widerstreben einiger Wenigen, aber ohne ernstlichen Widerspruch. Warum also auf jenen bohlen Standpunkt der erfabruugslosen Theoretiker uns stellen, die immer blos von einem „Hüben und Trüben" sprechen, die blos ein aut — aut kennen, ohne daß sie die Vermittlungen des geschichtlichen Fortschrittes zu würdigen wüßten? — (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Die Reformgenossenschaft und die Rabbiner- Versammlung. / (Frankfurt a. M., im November.) — Um die gereizte Stimmung, in welche sich die Breslauer Rabbinerversammlung durch die Zuschrift der Berliner Resormgenossenschaft versetzt fand, zu erklären, müssen wir etwas weit ausholen. — bekanntlich der freie Gedanke, wenn er erst erwacht ist, bald weiter und endlich ganz durchrringt. Wie dieses Mißverhältnis zwischen der Laien- und Rabbinenwelt nun jetzt obwaltet, so wird es auch in der Zukunst bleiben, wenn die Reihen der Orthovoren sich gelichtet, hingegen die der Freieren sich vermehrt, und auch die winzige Anzahl der Freiesten, «welche rie ZdeeveS Sabbaths an keinen bestimmten Wochentag knüpfen) verstärkt sein wird. Das war freilich bei den alten Bestimmungen ein Anderes. Die trabten in ihrem naiv gläubigen und starrgesetzlichen Charakter mit dem ähnlichen unv ihm immer näher kommenden jener Zeiten zusammen und mußten später vollen Eingang finden, was aber bei den „nnsrigen Aussprüchen," die „dem geschichtlichen Verlauf der Dinge" nicht entsprechen können, auch nur in einem geringen Grade der Fall sein wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.